Bei einem schweren Zugunglück in Spanien sind mindestens 68 Menschen ums Leben gekommen, mehr als 100 weitere wurden verletzt. Zwei Hochgeschwindigkeitszüge stießen am Mittwochmorgen südlich von Madrid zusammen. Der Unfall ereignete sich auf der Fernstrecke Madrid–Sevilla in der Region Kastilien-La Mancha, genauer in der Provinz Toledo.

Offenbar fuhr ein Zug mit mehr als 100 km/h auf einen stehenden Zug auf. Die spanische Regierung vermutet menschliches Versagen als mögliche Ursache. Ministerpräsident Pedro Sánchez versprach eine umfassende Aufklärung – während die Fragen nach dem Ablauf des Unglücks immer drängender werden.

Was vor dem Zusammenstoß geschah

Als Ausgangspunkt gilt ein technischer Defekt: Gegen 8:30 Uhr fiel das automatische Sicherungssystem aus. Das computergesteuerte System soll Züge bei zu geringem Abstand automatisch stoppen oder abbremsen. Nach dem Ausfall hielten deshalb alle Züge auf einem 63 Kilometer langen Streckenabschnitt an.

Anschließend übernahm die Leitstelle in Madrid die Zugkontrolle. Laut der Zeitung „El País“ wies sie die Lokführer sechs Minuten nach dem Ausfall schriftlich und telefonisch an, mit „normaler“ Geschwindigkeit weiterzufahren. Die Vorschriften sahen nach einem solchen Ausfall allerdings ein „Anfahren auf Sicht“ mit höchstens 40 km/h vor.

Auf demselben Gleis befanden sich zwei Züge, rund 25 Kilometer voneinander entfernt: ein Renfe-Hochgeschwindigkeitszug mit 397 Passagieren und ein Zug des Betreibers Iryo mit 147 Fahrgästen. Der Iryo-Zug konnte Berichten von „El Mundo“ und „El País“ zufolge wegen technischer Probleme nicht weiterfahren. Das Personal informierte die Leitstelle telefonisch über die Schwierigkeiten.

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Auf den Bildschirmen der Leitstelle war laut „El País“ erkennbar, dass beide Züge auf demselben Gleis standen. Trotzdem fuhr der Renfe-Zug 17 Minuten später mit hoher Geschwindigkeit in den stehenden Iryo-Zug. Verkehrsminister Óscar Puente sprach von menschlichem Versagen. Das Signal sei auf Rot gestellt gewesen, ein Mitarbeiter des Schienennetzbetreibers Adif habe dennoch die Weiterfahrt freigegeben. Puente nannte das „unerklärlich“ und eine falsche Entscheidung.

Ermittlungen und offene Fragen

Die Lokführergewerkschaft bezeichnete die Umstände gegenüber „El Mundo“ als „sehr merkwürdig“. Offenbar wies niemand den Lokführer des Renfe-Zugs an, stehen zu bleiben. Der zuständige Mitarbeiter wird inzwischen von einem Anwalt vertreten. Ermittler prüfen, warum weder sein Vorgesetzter noch ein Kollege auf die drohende Kollision hinwiesen.

Im Mittelpunkt stehen damit mehrere Punkte: der Ausfall des Sicherungssystems, die Anweisung zur Weiterfahrt mit „normaler“ Geschwindigkeit und die Freigabe trotz roten Signals. Auch die Bergungsarbeiten und die Suche nach weiteren Opfern gehören zu den Themen, die nun aufgearbeitet werden müssen.

Das Unglück ereignete sich innerhalb eines Jahres zum zweiten Mal in Spanien. Im Januar entgleiste bei Adamuz in Andalusien ein Iryo-Hochgeschwindigkeitszug und kollidierte mit einem entgegenkommenden Renfe-Zug. 46 Menschen starben, mehr als 150 wurden verletzt. Als mögliche Ursache gilt dort ein Schienenbruch.

Live-Einordnung aus Dresden

Über die möglichen Ursachen, die Bergungsarbeiten und die Frage, warum es erneut zu einem schweren Zugunglück in Spanien kam, wollte Moderator Ralph Szepanski im ZDF mit dem Korrespondenten Thomas Walde und Juan Simón-Muzás, einem Experten für digitale Bahnsysteme von der TU Dresden, sprechen. Der Livestream sollte um 10:30 Uhr beginnen und anschließend online abrufbar sein.

Auch politisch blieb die Katastrophe nicht ohne Folgen. Am Abend kam es vor dem Verkehrsministerium in Madrid zu Protesten und Ausschreitungen. Ultrarechte Gruppierungen hatten zu der Kundgebung aufgerufen. Laut dem Sender TVE gerieten einige der rund 1.500 Demonstranten mit der Polizei aneinander; die Polizei setzte Tränengas ein, um die Demonstration aufzulösen. Die Proteste richteten sich gegen Ministerpräsident Pedro Sánchez und Verkehrsminister Puente. Die Teilnehmer machten die Regierung für das Unglück in der Provinz Toledo verantwortlich.

Von der TU Dresden aus wirkt die Entfernung nach Kastilien-La Mancha groß. Die entscheidenden Fragen sind aber erstaunlich konkret: Was zeigte die Leitstelle? Wer gab welche Anweisung? Und warum wurde ein Zug nicht gestoppt, obwohl ein rotes Signal und ein stehender Zug im Spiel waren? Die Antworten darauf werden nicht nur für die Angehörigen wichtig sein, sondern auch für das Vertrauen in Spaniens Hochgeschwindigkeitsverkehr.