In Freiberg dreht sich ein EU-Forschungsprojekt um etwas, das sonst gern in Schubladen verschwindet: alte Festplatten. Genauer gesagt um die kleinen, erstaunlich starken Magnete darin. Fraunhofer IKTS und die TU Bergakademie Freiberg untersuchen im Projekt NEO-CYCLE, wie sich Neodym, Eisen und Bor aus diesen Magneten zurückgewinnen lassen. Heute ist der 2.11.2026, der Ort: TU Freiberg.

Die Magnete gehören zur Gruppe der Neodym-Eisen-Bor-Magnete. Sie stecken nicht nur in Festplatten, sondern unter anderem auch in Elektromotoren, Windkraftanlagen und elektronischen Geräten. Das Problem liegt auf der Hand: Rund 90 Prozent des Neodyms stammen laut Fraunhofer aus China. Nach Angaben der EU-Kommission werden sogar 98 Prozent des EU-Bedarfs an Seltene-Erden-Magneten durch Importe aus China gedeckt.

Zwei Wege zum Metall

NEO-CYCLE vergleicht zwei Verfahren. Beim ersten, der Feststoff-Chlorierung, wird Magnetpulver mit Ammoniumchlorid erhitzt. Die Bestandteile sollen dabei direkt in Metallchloride überführt werden. In Versuchen konnten die Metallchloride laut Fraunhofer effizient getrennt und nahezu alle Metalle mit relativ wenig Chemikalien extrahiert werden.

Der zweite Weg ist ein elektrochemisches Verfahren. Pulverisierter Magnetabfall kommt in eine Elektrolytzelle, etwa mit verdünnter Schwefelsäure. Zunächst entsteht eine borhaltige Lösung, danach werden Neodym und Eisen hydrometallurgisch getrennt. Die gewonnenen Metallsalze könnten nach weiterer Aufbereitung in verschiedenen Industrien eingesetzt werden.

Das klingt schon ziemlich nah an der Fabrik, ist es aber noch nicht. Die Forschung befindet sich im Entwicklungsstadium. Bisher berichtet Fraunhofer über Laborversuche und die Planung einer Pilotanlage. Eine kommerzielle Recyclinganlage, belastbare Kosten- oder Mengenangaben und eine industrielle Rückgewinnungsquote werden nicht genannt. Auch eine eigene Lebenszyklusanalyse zum ökologischen Nutzen liegt laut Veröffentlichung nicht vor.

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Finanziert wird NEO-CYCLE über Horizon Europe; das Projekt ist auf vier Jahre angelegt. Eine neue Rückgabe- oder Sammelaktion für alte Festplatten ergibt sich daraus nicht. Wer also noch eine Kiste ausgedienter Hardware herumstehen hat, bekommt dadurch keinen neuen Abgabeort präsentiert.

Elektroschrott als Rohstofflager

Am 26.03.2026 veröffentlichte NEO-CYCLE seinen ersten Policy Brief. Er fasst Ergebnisse nach 18 Monaten Projektlaufzeit zusammen und beschreibt strategische Ansätze für das Recycling und Upcycling seltener Erden in Europa. Im Mittelpunkt steht Elektroschrott, auf Englisch WEEE – einer der am schnellsten wachsenden Abfallströme Europas.

Neodym, Eisen und Bor werden für saubere Technologien benötigt, bislang aber größtenteils nicht zurückgewonnen. NEO-CYCLE entwickelt deshalb Verfahren, mit denen diese Materialien aus ausgedienten Elektronikprodukten gewonnen und aufgewertet werden können. Im Labormaßstab validiert wurden die Festkörperchlorierung und die elektrochemische Laugung. Beide Verfahren erzielten hohe Rückgewinnungsraten und zeigen laut Projekt Potenzial für eine industrielle Anwendung.

Zu den zentralen Ergebnissen zählt die erfolgreiche Validierung von Technologien zur Rückgewinnung von Nd, Fe und B aus Elektroschrottmagneten. Daneben wurden integrierte Upcycling-Prozesse für weiterentwickelte Materialien und industrielle Anwendungen entwickelt. Erste Nachhaltigkeitsbewertungen heben die Bedeutung der Zusammenarbeit entlang der Wertschöpfungskette und sozialer Aspekte hervor.

Der Policy Brief ordnet die Ergebnisse in den Critical Raw Materials Act, kurz CRMA, und die WEEE-Richtlinie ein. Höhere Recyclingquoten und zirkuläre Wertschöpfungsketten für seltene Erden seien in Europa umsetzbar. Effizientere Ressourcennutzung und geringere Importabhängigkeit sollen Europas Übergang zu einer Kreislauf- und klimaneutralen Wirtschaft unterstützen – ein ziemlich großer Anspruch für Pulver, Säure und einen Haufen alter Elektronik.

  • Märkte für recycelte seltene Erden schaffen
  • Eine verlässliche Versorgung mit Ausgangsmaterial aus Elektroschrott sicherstellen
  • Datentransparenz und die Nachverfolgung zirkulärer Materialströme verbessern
  • Finanzielle Anreize für Upcycling-Technologien und deren Markteinführung bereitstellen

In der nächsten Projektphase soll NEO-CYCLE die Technologien zur Pilotmaßstabsanwendung weiterentwickeln, die Zusammenarbeit mit Interessengruppen ausbauen und zur Gestaltung der EU-Politik für kritische Rohstoffe beitragen.

Ein Baustein im europäischen Rohstoffplan

Der EU-Critical Raw Materials Act nennt als übergeordnetes Ziel, bis 2030 mindestens 25 Prozent des jährlichen EU-Verbrauchs strategischer Rohstoffe durch Recycling zu decken. Das ist kein Nachweis, dass NEO-CYCLE dieses Ziel bereits erreicht. Recycling gilt für die EU vielmehr als Bestandteil einer Strategie, um die Importabhängigkeit bei strategischen Rohstoffen zu verringern.

Für die Klima- und Digitalziele will die EU Gewinnung, Verarbeitung und Wiederverwertung kritischer Rohstoffe in Europa ausbauen und Lieferketten absichern. Lithium, Kobalt und Nickel werden für Batterien gebraucht, Gallium für Solaranlagen, Bor für Windkrafttechnologien sowie Titan und Wolfram für Raumfahrt und Verteidigung. Mit dem Europäischen Gesetz zu kritischen Rohstoffen soll die Versorgung der europäischen Industrie sicherer und nachhaltiger werden; zugleich soll die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern deutlich sinken.

Wie konzentriert manche Abhängigkeiten sind, zeigen die EU-Beispiele: 77 Prozent des EU-Galliums kommen aus China. Gallium wird in Solaranlagen und Computerchips eingesetzt. 73 Prozent der weltweiten Kobaltproduktion stammen aus der Demokratischen Republik Kongo; Kobalt steckt unter anderem in Batterien von Elektroautos und Mobiltelefonen. 98 Prozent der EU-Borate kommen aus der Türkei, obwohl Bor auch für Magnete in Windkraftanlagen genutzt wird. Beim Magnesium, das Fahrzeuge und Flugzeuge leichter macht, stammen 97 Prozent der EU-Versorgung aus China.

In den Angaben der Kommission findet sich zudem: 63 Prozent des weltweit für Batterien verwendeten Kobalts werden in der Demokratischen Republik Kongo gewonnen, 97 Prozent der EU-Magnesiumversorgung stammen aus China, 100 Prozent der für Permanentmagnete verwendeten Seltenen Erden werden in China raffiniert und 98 Prozent der EU-Borversorgung kommen aus der Türkei.

Mehr als Recycling allein

Der Rechtsrahmen setzt vier Schwerpunkte. Erstens sollen klare Prioritäten gelten: eine Liste kritischer und eine Liste strategischer Rohstoffe. Strategische Rohstoffe sind für die grüne und digitale Transformation, aber auch für Verteidigung und Raumfahrt wichtig. Bis 2030 sollen in der EU jährlich mindestens 10 Prozent des Bedarfs an strategischen Rohstoffen gewonnen, 40 Prozent verarbeitet und 25 Prozent recycelt werden. Außerdem sollen höchstens 65 Prozent des jährlichen EU-Bedarfs an einem strategischen Rohstoff in einer relevanten Verarbeitungsstufe aus einem einzelnen Drittstaat stammen.

Zweitens geht es um europäische Kapazitäten – vom Bergbau über Raffination und Verarbeitung bis zum Recycling. Dazu gehören eine stärkere nationale Rohstofferkundung, vereinfachte und besser planbare Genehmigungsverfahren sowie ein verbesserter Zugang zu Finanzmitteln. Drittens sollen Lieferketten widerstandsfähiger werden: durch bessere Überwachung, unter anderem mit Stresstests, einen koordinierten Aufbau strategischer Rohstoffvorräte sowie nachhaltige Investitionen und nachhaltigen Handel.

Viertens rückt die Kommission Forschung, Innovation und Qualifikationen in den Vordergrund. Neue Technologien für kritische Rohstoffe sollen schneller eingeführt und angewendet werden. Geplant sind außerdem eine groß angelegte Qualifizierungspartnerschaft und eine Rohstoffakademie, damit Beschäftigte in Rohstoff-Lieferketten die nötigen Kompetenzen erhalten.

Auch die Kreislaufwirtschaft bekommt ihren eigenen Platz: Recycling und ein leistungsfähiger Sekundärmarkt für Rohstoffe sollen gefördert werden. Kritische Rohstoffe sollen verstärkt aus Anlagen für bergbauliche Abfälle zurückgewonnen werden. Maßnahmen gegen negative Auswirkungen auf Arbeitsrechte, Menschenrechte und Umwelt sollen ausgebaut werden; Nachhaltigkeitszertifizierungen für kritische Rohstoffe auf dem EU-Markt sollen anerkannt werden.

International setzt die EU auf Zusammenarbeit und gegenseitig vorteilhafte Partnerschaften mit Drittstaaten. Die wachsende Nachfrage durch die digitale und grüne Transformation macht die Lieferketten anfälliger. Im Rahmen der Global-Gateway-Strategie will die EU Partnerschaften mit Schwellen- und Entwicklungsländern aufbauen