Am Hochvogel in den Allgäuer Alpen wächst die Spannung. Ein weiterer großer Felssturz könnte bevorstehen – möglicherweise mit 250.000 bis 400.000 Kubikmetern Gestein. Das entspricht grob dem Volumen von bis zu 160 Schwimmbecken. Der 2.592 Meter hohe Berg liegt an der Grenze zwischen Bayern und Tirol; der mögliche Abbruch würde in unbewohntes Gebiet ins Tiroler Tal abgehen.

Im Juni waren bereits rund 2.000 Kubikmeter Gestein abgestürzt, ein Felsturm brach ab. Seitdem beobachten Forscher den Berg noch genauer. Geologieprofessor Michael Krautblatter von der Technischen Universität München geht davon aus, dass der große Abbruch inzwischen begonnen haben könnte. Wann der endgültige Bergsturz kommt, lässt sich aber nicht sagen: Der Zerfall des Felspakets kann sich laut Krautblatter über mehrere Jahre hinziehen.

Eine Kluft, die immer weiter aufreißt

Hinter dem Gipfelkreuz klafft eine Spalte, die schon im 19. Jahrhundert beschrieben wurde. Ursprünglich war sie vermutlich nur schulterbreit. Heute ist die Gipfelkluft bis zu sechs Meter breit, rund 35 Meter lang und reicht je nach Messung etwa 60 bis 70 Meter tief in den Berg. Ein Teil des Gipfels könnte dadurch abbrechen. Warnschilder und Bodenspalten weisen auf die Gefahr hin.

Besonders kritisch ist ein neuer Riss an der Südwestkante. Die Wissenschaftler nennen ihn „Spalt 6“. Dort werden die höchsten Bewegungsraten gemessen, und Krautblatter erwartet, dass der große Felsabbruch von diesem Riss ausgehen könnte.

Im Frühjahr bewegte sich der Berg an manchen Stellen um bis zu fünf Millimeter pro Woche. Zum Vergleich: Alpenberge kommen durchschnittlich auf etwa 1,8 Millimeter pro Jahr. Fast täglich lösen sich kleinere und größere Steine; während der Messarbeiten sind immer wieder Steinschläge zu hören. Ein Geräusch, das im Labor vermutlich interessant klingt, draußen am Grat aber ziemlich unangenehm im Bauch sitzt.

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Mehr als 30 Sensoren am Gipfel

Seit zwölf Jahren überwachen Wissenschaftler den Hochvogel. Zunächst kamen sie regelmäßig zu Messungen vorbei, seit 2018 arbeiten dauerhaft installierte Sensoren und Messgeräte am Berg. Mehr als 30 Sensoren erfassen die Bewegungen inzwischen millimetergenau und übermitteln ihre Daten mehrmals pro Stunde an die Forscher.

Anfang Oktober 2026 führte ein fünfköpfiges Forschungsteam der TU München die letzten Messungen des Jahres durch und überprüfte Gelände und Überwachungsgeräte. Ein Bewegungssensor war durch einen Blitzschlag zerstört worden und soll ersetzt werden. Zusätzlich setzte das Team eine Drohne ein, die einen Laserscanner transportiert. Aus den Daten entsteht ein 3D-Modell des Berges.

Ein neuer seismischer Vibrationssensor soll künftig Erschütterungen und Schwingungen im Gestein messen und die Daten direkt an die Wissenschaftler schicken. Zunehmende Erschütterungen könnten Hinweise darauf liefern, wann ein größerer Felssturz bevorsteht. Viel Vorlauf bleibt allerdings nicht unbedingt: Frühwarnsignale treten laut den Forschern oft erst wenige Tage oder sogar Stunden vor einem Ereignis auf.

Starkregen, Gewitter und Schneeschmelze gelten als mögliche Verstärker der zunehmenden Bewegungen. Der Klimawandel könnte Gewitter häufiger und heftiger machen und damit Felsstürze begünstigen. Beim erwarteten Abbruch könnten 250.000 bis 400.000 Kubikmeter Geröll ins Tal stürzen. Der traditionelle Tiroler Aufstieg über den Bäumenheimer Weg könnte dann dauerhaft unter Geröll verschwinden.

Aufstieg nur von deutscher Seite

Der österreichische Aufstieg aus dem Tiroler Hornbachtal ist seit 2014 gesperrt. Der deutsche Aufstieg bleibt möglich, doch der Klettersteig und das Gebiet unterhalb des Gipfels sind teilweise gesperrt. Der Aufstieg von der bayerischen Seite und die dortige Hälfte des Gipfels gelten als sicher.

Im Tiroler Tal liegt Hinterhornbach, ein Ort mit 88 Einwohnern. Die Bürgermeister von Hinterhornbach und Bad Hindelang sollen per SMS informiert werden, wenn die Messgeräte kritische Beschleunigungen registrieren. Ein Felssturz würde zwar in unbewohntes Gebiet abgehen, könnte aber den Tiroler Weg und die Landschaft massiv verändern.

Der Hochvogel dient deshalb auch als Freiluftlabor. Die Forscher testen dort Überwachungstechniken, die später in bewohnten Gefahrenregionen eingesetzt werden könnten. Beim jüngsten Felssturz an der Zugspitz-Nordwand lösten sich etwa 13.800 Kubikmeter Fels – deutlich weniger als die am Hochvogel erwartete Menge. In diesem Jahr kam es auch an der Zugspitze zu einem Felssturz mit anschließender Sperrung. Im Vorjahr musste das Schweizer Dorf Blatten wegen eines massiven Bergsturzes teilweise geräumt werden.

Große Massenbewegungen sind selten – und folgen keiner Uhr

Der Hochvogel passt in ein größeres Bild alpiner Naturgefahren. Österreich ist aufgrund seiner alpinen Lage besonders betroffen. Große Massenbewegungen sind durch die Schwerkraft ausgelöste Bewegungen von Fels, Erde und Schutt, teils vermischt mit Wasser oder Eis. Dazu zählen Bergstürze, tiefgründige Hangbewegungen, große Schuttströme und Murgänge.

Als „groß“ gelten Ereignisse mit mehr als 100.000 Kubikmetern Material. Sie verändern Landschaften und treten sehr selten auf – etwa alle 300 Jahre oder noch seltener. Häufiger sind kleinere Ereignisse wie Steinschläge und Hangrutschungen. Auslöser können hohe Hangwasserstände, geologische Voraussetzungen, tektonische Spannungen, Erosion durch Gletscher oder Fließgewässer sowie Erdbeben sein.

Der Klimawandel erhöht nach Angaben des österreichischen Bundesministeriums die Gefahr und Dynamik solcher Ereignisse: durch Starkregen bis in große Höhen, den Rückgang der Gletscher und das Auftauen von Permafrost. Das österreichische Schutzsystem für alpine Naturgefahren wie Muren, Hochwasser, Lawinen und Steinschlag steht damit vor neuen Herausforderungen.

Mit dem Aktionsprogramm GeoMonitorAT baut das Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft ein bundesweit koordiniertes Monitoringsystem für große Massenbewegungen auf. Kritische und akute Bewegungen sollen frühzeitig erkannt und beobachtet werden. Daraus sollen sich Risiken ableiten und notwendige Präventionsmaßnahmen im nationalen Naturgefahren-Risikomanagement umsetzen und finanzieren lassen.

Zum Einsatz kommen Satelliten-, Sensor- und Fernerkundungstechnologien; außerdem werden bereits vorhandene Daten zusammengeführt. Die Programmsteuerung liegt beim BMLUK. Umgesetzt wird GeoMonitorAT von der Wildbach- und Lawinenverbauung gemeinsam mit GeoSphere Austria, dem Bundesforschungszentrum für Wald, den Landesgeologischen Diensten und einschlägigen wissenschaftlichen Einrichtungen in Österreich.

Das Programm läuft vorerst von 2026 bis 2030, angestrebt wird eine langfristige Etablierung des Monitorings. Die Finanzierung ist zunächst über Mittel der Wildbach- und Lawinenverbauung vorgesehen; für sämtliche Maßnahmen werden voraussichtlich zusätzliche Mittel nötig sein, beispielsweise aus dem Katastrophenfonds.

Der Bericht des Bayerischen Rundfunks erschien erstmals am 4. Oktober 2026 und wurde am 10. Oktober 2026 aktualisiert. Am Hochvogel bleiben derweil Sensoren, Drohnen und Messgeräte im Einsatz – und irgendwo im Gestein arbeitet die Kluft weiter.