Nachhaltige Klassenfahrten planen: Was Lehramtsstudierende der TUM in den Chiemgauer Alpen erprobten
Wie eine Klassenfahrt in die Berge sicher, nachhaltig und trotzdem spannend gelingen kann, haben 70 Lehramtsstudierende des Didaktikfachs Sport an der Technischen Universität München im Oktober ausprobiert. Bei einer Projektwoche in Aschau im Chiemgau und im Bergsteigerdorf Sachrang entwickelten sie Konzepte für Schulausflüge, die Naturerlebnis, Verantwortung und gute Vorbereitung zusammenbringen.
Zwischen Bergwanderungen und Radtouren ging es nicht nur um schöne Ausblicke. Die angehenden Lehrkräfte planten Touren, beschäftigten sich mit Risiken und übten das Verhalten in Notfällen. In Workshops standen Natur-, Erlebnis- und Waldpädagogik, LandArt, Kneippen und Klimabildung auf dem Programm. Viel Stoff also – und vermutlich auch ein paar müde Beine.
Vom Workshop auf den Berg
Praktisch wurde es draußen: Die Studierenden setzten die erarbeiteten Inhalte bei Bergwanderungen und Radtouren um. Dabei betrachteten sie den alpinen Raum aus verschiedenen Blickwinkeln. Tourismus, Naturschutz und Landwirtschaft haben dort jeweils eigene Interessen, die nicht immer ohne Reibung nebeneinanderstehen.
Gespräche mit Menschen aus der Region ergänzten die Projektwoche. So blieb es nicht bei Lehrbuchwissen und Planspielen. Zum Abschluss präsentierten die Teilnehmer ihre Poster in der Priental-Halle.
Nachhaltigkeit beginnt vor der Abfahrt
Ein Leitfaden zur Planung nachhaltiger Klassenfahrten, veröffentlicht am 14. Juli 2025, unterscheidet dabei zwischen logistischer und didaktischer Nachhaltigkeit. Zur ersten gehören eine CO₂-arme Anreise, umweltzertifizierte Unterkünfte, nachhaltige Verpflegung und ein sparsamer Umgang mit Ressourcen. Die didaktische Seite setzt auf Bildung für nachhaltige Entwicklung – etwa durch Workshops, Exkursionen und Reflexionsphasen.
Schon bei der Vorbereitung sollten ökologische, soziale und pädagogische Fragen zusammengeführt werden. Schülerinnen und Schüler können früh an der Auswahl von Reiseziel, Programm und gemeinsamen Regeln beteiligt werden. Das stärkt Motivation, Akzeptanz, Verantwortungsbewusstsein und das Gemeinschaftsgefühl. Als Unterstützung werden eine Unterrichtsanregung und eine kostenlose Checkliste angeboten.
Konkrete BNE-Lernziele lassen sich an den UN-Nachhaltigkeitszielen ausrichten, etwa an Klimaschutz, Ressourcenschonung und Biodiversität. Geografie, Biologie oder Sachunterricht können die Fahrt fachübergreifend vorbereiten. Auch die Suche nach einer Unterkunft eignet sich als Recherche- oder Abstimmungsprojekt.
Nahe Ziele in Deutschland oder im angrenzenden Ausland senken die Emissionen der Anreise und machen regionale Lernorte nutzbar. Bei Unterkünften kommen anerkannte Siegel wie Green Key, EU Ecolabel oder Umwelt|Jugendherberge infrage. Zusätzlich lohnt sich ein Blick auf pädagogische BNE-Angebote. Frühzeitig Kontakt mit dem pädagogischen Team aufzunehmen, kann Workshops, Müllprojekte oder Naturerkundungen möglich machen.
Bus, Bahn – und ein Taschenrechner für CO₂
Die An- und Abreise verursacht bei Klassenfahrten häufig den größten Anteil der CO₂-Emissionen. Verkehrsmittel, Route und gegebenenfalls Kompensation sollten deshalb gezielt geplant werden. Kostenlose CO₂-Rechner helfen, Verkehrsmittel und Unterkunftstypen zu vergleichen; daraus lässt sich sogar eine Unterrichtsübung machen.
Voll besetzte Busse sind besonders effizient und verursachen deutlich weniger CO₂ als Flugzeug oder Pkw. Die Bahn gilt meist als umweltfreundlichste Option, Gruppentickets und Regionalverbindungen mit kurzen Umsteigezeiten können helfen. Für kurze Strecken und Tagesausflüge kommen Fahrräder oder E-Bikes infrage, sofern die Infrastruktur passt.
Ein bisschen Puffer für Umstiege und Verspätungen gehört dazu. Fahrplan-Apps und digitale Routenplaner zeigen aktuelle Verbindungen und Änderungen. Eltern sollten frühzeitig Abfahrtszeiten, Treffpunkte und Besonderheiten der Rückfahrt erhalten. Wenn eine klimafreundliche Anreise nicht möglich ist, können unvermeidbare Emissionen kompensiert werden, etwa über zertifizierte Anbieter wie atmosfair oder myclimate. Welche Projekte unterstützt werden – Waldschutz, erneuerbare Energien oder Bildungsprojekte im Globalen Süden –, kann die Klasse mit auswählen.
Im Budget sollten klimafreundliche Angebote wie Bio-Verpflegung und Ökostrom Platz finden. Auch Förderprogramme für nachhaltige Schulprojekte können geprüft werden. Familien lassen sich mit einer nachhaltigen Packliste einbinden: wiederverwendbare Trinkflaschen, verpackungsfreie Hygieneartikel und mehrfach nutzbare, wetterfeste Kleidung gehören dazu. Unnötiges Gepäck bleibt besser daheim; Erste-Hilfe-Kit, Lupen und Klemmbretter können gemeinschaftlich genutzt werden.
Was vor Ort hängen bleibt
Unterkunft und Essen beeinflussen den ökologischen Fußabdruck – und liefern gleich mehrere Lernanlässe. Erneuerbare Energien, Abfallvermeidung, Mülltrennung und Recycling lassen sich vor Ort prüfen. Bei der Verpflegung bieten sich regionale, saisonale, biologische und überwiegend pflanzliche Lebensmittel an. Vegetarische oder vegane Alternativen sollten selbstverständlich sein; auch fleischreduzierte Verpflegung lässt sich mit der Unterkunft vereinbaren.
Die Schülerinnen und Schüler können bei der Planung der Essensmengen mitreden. Lebensmittelverschwendung wird dadurch greifbar. Regeln für kurze Duschzeiten, bewusstes Heizen und Lüften sowie ausgeschaltete elektrische Geräte machen Energie- und Wasserverbrauch sichtbar. Verbrauchsdaten oder das eigene Verhalten können in einem Reflexionstagebuch festgehalten werden.
Umweltpädagogische Angebote setzen auf projektorientiertes Arbeiten und forschendes Lernen: Gewässererkundung, Waldpädagogik und Natur-Monitoring passen ebenso dazu wie Citizen-Science-Projekte. Denkbar sind Vogelzählungen, die Erfassung von Plastikmüll oder Insektenmonitoring. Outdoor-Challenges bringen Bewegung hinein, manchmal auch ein wenig Wettbewerb.
Klare Aufgaben geben den Gruppen Verantwortung. Eine Arbeitsgruppe untersucht die Wasserqualität, eine andere Biodiversität. Bodenwerte, Müllarten und Tierbeobachtungen werden erfasst, gemeinsam ausgewertet und später als Ausstellung oder digitales Tagebuch präsentiert. Wege können zu Fuß, mit Fahrrädern, Rollern oder öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden; für Ausflüge bieten sich Tageskarten an. Fahrräder oder Roller lassen sich ausleihen, wenn die Infrastruktur geeignet ist.
Nach der Rückkehr muss die Fahrt nicht einfach im Klassenordner verschwinden. Digitale Portfolios, Präsentationen oder Poster können Daten, Fotos, Reflexionen und Projektergebnisse bündeln – in der Schule oder auf der Schulwebsite. Eine strukturierte Feedbackrunde fragt: Was lief gut? Was war schwierig? Welche nachhaltigen Eindrücke bleiben? Ein anonymer Fragebogen liefert qualitative und quantitative Rückmeldungen.
Mit CO₂-Rechnern lassen sich geplante und tatsächlich entstandene Emissionen vergleichen. Erfolge und Verbesserungspotenziale für kommende Fahrten werden dokumentiert. Daraus können eine Umwelt-AG, eine Schulinitiative oder Aktionen wie Kleidertausch, Müllsammeln und Schulgartenarbeit entstehen. Auch Wochenziele zum Energiesparen, Radfahren oder zur Plastikvermeidung sind möglich; digitale Habit-Tracker halten die Fortschritte fest.
Die Projektwoche der TUM in Aschau im Chiemgau und Sachrang wirkt damit wie ein ziemlich bodenständiger Probelauf: Wanderschuhe an, Route prüfen, Notfallplan einpacken – und unterwegs aufmerksam bleiben für das, was links und rechts des Weges passiert.
