Sachsen-Anhalt als politischer Wendepunkt: Wie die AfD 43,8 Prozent erreichte
Der Aufstieg der AfD galt lange als ostdeutsches Phänomen. Doch inzwischen bekommt die Partei auch in industriellen Zentren Westdeutschlands deutlich mehr Unterstützung. Migration, kulturelle Konflikte und das Misstrauen gegenüber dem politischen Establishment spielen dabei eine wichtige Rolle. Dalia Marin, Professorin für Internationale Wirtschaft an der TUM School of Management der TU München, verweist zusätzlich auf den wachsenden Konkurrenzdruck aus China – nicht nur als wirtschaftliche Herausforderung, sondern auch als politisches Problem.
Der 6. September 2026 könnte deshalb zu einem Wendepunkt in der politischen Nachkriegsgeschichte Deutschlands werden. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt kam die AfD auf 43,8 Prozent der Stimmen. Damit fehlten ihr nur drei Sitze zur absoluten Mehrheit; ihr Ergebnis von 2021 hat sie mehr als verdoppelt. Die CDU, die Partei von Bundeskanzler Friedrich Merz und amtierende Regierungspartei in Sachsen-Anhalt, stürzte dagegen von 37,1 auf 17,2 Prozent ab.
Was hinter dem Ergebnis steckt
Eine Analyse des Wahlausgangs durch infratest dimap nimmt die AfD-Wählerschaft genauer unter die Lupe. Im Mittelpunkt stehen die Bewertung der Partei durch die Wählerinnen und Wähler, jene Politikfelder, in denen ihr die besten Lösungen zugetraut werden, sowie die Themen, die für ihre Anhänger besonders wichtig sind. Auch Alters- und Bevölkerungsgruppen, in denen die AfD erfolgreich war, werden betrachtet.
Der Blick geht außerdem in die Fläche. Untersucht werden regionale AfD-Hochburgen, Wahlkreise und Regionen mit besonders hohen Stimmanteilen, aber auch Gebiete, in denen der Rückhalt deutlich geringer ausfiel. Ergebnisse aus Wahlkreisen und Gemeinden lassen sich nach Stimmanteilen sortieren. Das klingt nach Tabellenarbeit, erzählt aber ziemlich direkt, wo die Partei besonders tief im Alltag der Menschen angekommen ist – und wo nicht.
Die bewegliche Wählerschaft
Ein weiterer Schlüssel liegt in der Wählerwanderung gegenüber der Landtagswahl 2021. Dabei wird erfasst, welche früheren AfD-Wählerinnen und -Wähler 2026 zu anderen Parteien wechselten und welche neuen Anhänger hinzukamen, die zuvor andere Parteien gewählt hatten oder gar nicht zur Wahl gegangen waren.
Das Wanderungsmodell von infratest dimap schätzt die Wählerströme im Vergleich zur vorherigen Landtagswahl. Ausgewiesen werden Salden des Austauschs zwischen den Parteien ebenso wie Bewegungen zwischen Parteien und dem Nichtwählerlager. Grundlage sind amtliche Statistiken, repräsentative Umfragen vor der Wahl und am Wahltag sowie das Ergebnis der vorläufigen Auszählung.
Auch aktuelle und frühere Nichtwähler fließen ein. Berücksichtigt werden etwa neu hinzugekommene Erstwähler und verstorbene frühere Wähler. Die Berechnung bleibt während des Wahlabends in Bewegung: Zuerst gehen vor allem Umfrageergebnisse ein, später zunehmend die Auszählungen. Am Ende steht das vorläufige amtliche Wahlergebnis; danach wird eine abschließende Schätzung erstellt und veröffentlicht. Zahlen mit leichtem Wellengang also, keine in Stein gemeißelte Momentaufnahme.
Parallelen aus Mecklenburg-Vorpommern
Wie stark solche Verschiebungen die politische Landschaft verändern können, zeigte auch die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern. Dort gewann die AfD viele Stimmen von bisherigen Nichtwählern und von CDU-Wählern. Der Rostocker Politikwissenschaftler Wolfgang Muno bezeichnete genau diese beiden Bewegungen als entscheidend für den Wahlerfolg der Partei.
Muno sieht dahinter langfristige strukturelle Probleme und eine zunehmende politische Polarisierung. Für die politische Mitte ist das unbequem: Stimmen gehen nicht bloß zwischen den etablierten Parteien hin und her, sondern kommen auch aus dem Nichtwählerlager – und wandern damit in ein Lager, das sich vielerorts längst als Alternative zum bisherigen politischen Betrieb versteht.
Am heutigen 30.09.2026 an der TUM München wirkt der Blick auf Sachsen-Anhalt deshalb nicht wie eine isolierte Momentaufnahme. Wirtschaftlicher Druck, der Wettbewerb mit China, kulturelle Konflikte und die Frage, wer sich von der Politik noch vertreten fühlt, liegen dicht beieinander. Und irgendwo dazwischen stehen die Zahlen: 43,8 Prozent für die AfD, 17,2 für die CDU – trocken gedruckt, aber politisch mit ordentlich Sprengkraft.
