TUM-Forschung zeigt: Eine unsichtbare Folie kann autonome Fahrzeuge auf die falsche Spur lenken
Am 8.10.2026 untersuchen Forschende der Technischen Universität München (TUM) in München, wie sich die Wahrnehmung autonomer Fahrzeuge gezielt austricksen lässt. Der Anlass ist ziemlich handfest: Fahrerassistenzsysteme sind inzwischen in nahezu allen modernen Autos verbaut, und ihre Sicherheit hängt davon ab, dass Computersysteme Sensordaten zuverlässig verarbeiten.
Eine kaum sichtbare Polycarbonatfolie auf der Sensoroberfläche kann dafür schon reichen. In ihr steckt eine mikroskopisch kleine, asymmetrische lineare Prismenstruktur, die Licht um 20 Grad ablenkt. Für Menschen sieht die Folie unscheinbar aus. Kameras und LiDAR-Systeme bekommen dagegen ein verschobenes Bild der Welt.
Ein Meter daneben kann gefährlich werden
Die Fahrzeuge erkennen Objekte und Fahrspuren weiterhin, bestimmen deren Position aber falsch. Ein anderes Auto, eine Markierung oder ein Hindernis erscheint dem System weiter links oder rechts, als es tatsächlich steht. Überschreitet die Positionsabweichung einen Meter, können daraus fehlerhafte Fahrentscheidungen entstehen – etwa ein unbeabsichtigtes Fahren in den Gegenverkehr.
Gerade bei Robotaxis ist das keine theoretische Spielerei. In München sind Testfahrten von Robotaxis im Stadtverkehr geplant. Solche Fahrzeuge erfassen ihre Umgebung mit optischen Sensoren: Kameras erkennen Verkehrsschilder, Fahrbahnmarkierungen und andere Verkehrsteilnehmer. LiDAR-Systeme messen Entfernungen und erzeugen daraus ein dreidimensionales Umgebungsbild. Werden diese Wahrnehmungssysteme manipuliert, kann es sicherheitskritisch werden – und zwar ziemlich schnell.
Als weitere bekannte Risiken gelten manipulierte Straßenschilder und unzuverlässige Sensordaten. Die TUM-Forschenden testen ihre Angriffe zunächst mit digitalen Zwillingen, die Fahrzeug und Umgebung virtuell abbilden. Anschließend sollen sie in kontrollierter Umgebung am TUM-Forschungsfahrzeug „Edgar“ mit realen Fahrzeugen erprobt werden.
Das Auto soll im Zweifel selbst reagieren
Parallel arbeiten die Forschenden an Schutzmaßnahmen. Fahrzeuge sollen Angriffe selbstständig erkennen und angemessen reagieren können. Vorgesehen ist, dass ein Auto bei Bedarf sicher am Straßenrand anhält und schon vor Fahrtbeginn auf fehlerhafte Sensoren hinweist.
Das ist vor allem dann wichtig, wenn eine menschliche Sicherheitszentrale nicht rechtzeitig eingreifen kann – etwa wegen einer fehlenden Verbindung, einer kurzen Reaktionszeit oder technischer Einschränkungen. Die zunehmende Zahl autonomer Funktionen macht solche Notfallmechanismen dringlicher. Ein kurzer Aussetzer, ein falsches Signal, und plötzlich wird aus einer ruhigen Fahrt eine ziemlich heikle Situation.
Mehr Vernetzung, mehr mögliche Angriffspunkte
Straßenverkehr und Automobilindustrie befinden sich durch Elektromobilität, Vernetzung und Automatisierung in einem technologischen Wandel. Moderne Fahrzeuge besitzen zahlreiche drahtlose Datenschnittstellen und Sensoren. Jede davon kann zum potenziellen Angriffsweg werden. Künftig sollen Fahrzeuge im Rahmen kooperativer intelligenter Transportsysteme Verkehrsinformationen untereinander austauschen. Auch die Infrastruktur soll Daten an Autos übertragen. Ampeln und Baustelleneinrichtungen könnten dadurch ebenfalls zu Angriffszielen werden.
Mit der fortschreitenden Automatisierung übernimmt das Fahrzeug immer mehr Aufgaben der Fahrenden. Zum Einsatz kommen dabei insbesondere Verfahren der Künstlichen Intelligenz (KI). Sie verarbeiten unter anderem Eingabedaten optischer Sensoren, klassifizieren Verkehrsschilder und erkennen Fußgängerinnen und Fußgänger. Anschließend kann das Fahrzeug entsprechend gesteuert werden.
Der Automatisierungsgrad wird auf einer fünfstufigen Skala eingeordnet: von der Unterstützung des Menschen durch Assistenzsysteme bis hin zur vollständigen Automatisierung der Fahraufgabe in beliebigen Fahrsituationen und Umgebungsbedingungen. Auf den höheren Stufen müssen KI-Systeme also unter sehr unterschiedlichen Bedingungen zuverlässig funktionieren – bei wechselndem Licht, in komplexem Verkehr und trotz gezielter Manipulationsversuche.
KI-Systeme sind neuartigen Angriffen während ihres gesamten Lebenszyklus ausgesetzt. Die Folgen können gravierend sein. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) untersucht deshalb, wie sich die Robustheit solcher Systeme gegenüber Angriffen und veränderten Umgebungsbedingungen erhöhen lässt und wie diese Robustheit nachvollziehbar überprüft werden kann.
Der BSI-Schwerpunkt umfasst außerdem besonders relevante Fahrzeugtechnologien, Herausforderungen beim sicheren Einsatz von KI für das automatisierte Fahren sowie bestehende Regularien und Standards zur Cybersicherheit im Fahrzeug. Weitere Informationen stellt das BSI unter https://www.bsi.bund.de/dok/automotive bereit. Die TUM-Forschung zeigt derweil an einer unscheinbaren Folie, wie wenig es manchmal braucht, damit ein Fahrzeug die Straße zwar noch sieht – aber nicht mehr dort, wo sie wirklich ist.
