Bielefeld eröffnet R5 und R6 für jährlich 300 neue Medizinstudierende
An der Universität Bielefeld ist ein wichtiger Schritt beim Aufbau der Medizinischen Fakultät OWL geschafft: Auf dem Campus Süd wurden das Lehrgebäude R5 und das Anatomiegebäude R6 eröffnet. Seit dem Wintersemester 2026/2027 beginnen dort erstmals 300 Studienanfängerinnen ihr Medizinstudium.
Damit ist die endgültige Aufnahmekapazität erreicht, die die Universität mit dem Land vereinbart hat. Zum Start des Studiengangs im Wintersemester 2021/2022 waren es gerade einmal 60 Studienplätze, im Wintersemester 2025/2026 dann 120. Der Sprung ist beträchtlich – und auf dem Campus dürfte es dadurch spürbar voller werden.
Neue Räume für 300 Medizinanfängerinnen
Die Universität feierte die Fertigstellung mit NRW-Wissenschaftsministerin Ina Brandes und rund 100 Gästen aus Universität, Bau und Planung sowie Politik. Brandes bezeichnete die Neubauten als Beitrag zur medizinischen Versorgung, insbesondere in ländlichen Regionen. Ziel des Studienangebots ist es, künftig benötigte Ärztinnen für die Region auszubilden und dem Ärztemangel entgegenzuwirken.
Gebäude R5 steht südlich der Straße Konsequenz, direkt neben R6. Die Universität Bielefeld ist Bauherrin. Zwischen 2022 und 2026 wurde das Haus errichtet; zum Wintersemester 2026/2027 nahm es den Betrieb auf. Auf fünf Stockwerken verteilen sich rund 5.700 Quadratmeter Nutzfläche, die von der Medizinischen Fakultät OWL und der Fakultät für Biologie genutzt werden.
Im Inneren gibt es ein Skills Lab für das praktische Training medizinischer Fertigkeiten sowie Praktikums- und Seminarräume. Im Erdgeschoss ist ein gastronomisches Angebot geplant – für lange Lerntage keine Nebensache. Dachbegrünung, begrünte Fassadenflächen und eine Photovoltaik-Anlage gehören ebenfalls zum Konzept. Die Generalplanung übernahm die Firma Telluride. Die Baukosten für R5 liegen bei rund 67 Millionen Euro.
R6 ist das Anatomiegebäude der Medizinischen Fakultät OWL und umfasst rund 2.800 Quadratmeter Nutzfläche. Zum Haus gehören ein Hörsaal mit 300 Plätzen, weitere Praktikums- und Seminarräume sowie Räume für Prosektur, Präparation und Histologie. Etwa die Hälfte des Gebäudes ist öffentlich zugänglich, die andere Hälfte zugangsbeschränkt. Eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung und eine Photovoltaik-Anlage sind ebenfalls eingebaut.
Für die Generalplanung von R6 war die Firma agn zuständig. Das Gebäude kostete rund 54 Millionen Euro. Zusammen schlagen die beiden Neubauten damit mit rund 120 Millionen Euro zu Buche.
Der Campus Süd wächst weiter
Mit R5 und R6 ist die Bautätigkeit allerdings längst nicht vorbei. Auf dem Campus Süd entsteht derzeit R7 für die Fakultät für Biologie und die Medizinische Fakultät. Außerdem ist R8 als zentrales Forschungsgebäude geplant.
Durch Um- und Neubauten wurden auf dem Campus Süd bisher rund 20.000 Quadratmeter neue Nutzfläche geschaffen. Sind R7 und R8 fertig, soll die Fläche voraussichtlich auf rund 30.000 Quadratmeter steigen. Die Universität bekommt also nicht nur mehr Studierende, sondern auch deutlich mehr Platz für Lehre, Forschung und praktische Ausbildung.
Für die Medizin bedeutet das: Jährlich können nun 300 neue Studierende aufgenommen werden. Der Ausbau folgt damit einem klaren Plan – auch wenn zwischen Baustellen, Seminarräumen und dem nächsten Kaffee vermutlich noch einiges improvisiert werden muss.
Warum zusätzliche Studienplätze gebraucht werden
Der Blick auf Deutschland zeigt, weshalb der Ausbau in Bielefeld politisch so stark mit der regionalen Versorgung verbunden wird. Der Ärztemangel ist nach einer Einordnung von Medical Scope vor allem ein Verteilungs- und Kapazitätsproblem, nicht schlicht ein Mangel an Ärztinnen und Ärzten. Die Gesamtzahl der Ärzte steigt, gleichzeitig sinkt die verfügbare ärztliche Arbeitszeit pro Kopf.
Eine Rolle spielen mehr Teilzeitarbeit, mehr angestellte statt niedergelassene Ärzte, die zunehmende Verrentung und der wachsende Versorgungsbedarf einer alternden Bevölkerung. 2024 waren rund 581.000 Ärzte insgesamt gemeldet, 2025 gab es rund 446.120 berufstätige Ärzte. Von den berufstätigen Ärzten waren 2023 bereits 96.950 mindestens 60 Jahre alt – das entsprach 22,6 Prozent.
Bei den Vertragsärzten lag der Anteil der mindestens 60-Jährigen 2024 bei 37,9 Prozent, bei den vertragsärztlichen Hausärzten sogar bei 39,6 Prozent. Rund 5.000 Hausarztsitze sind aktuell unbesetzt. Bis etwa 2025 wurde ein jährlicher Nachbesetzungsbedarf von rund 16.000 Medizinern prognostiziert; laut Zi-Studie soll dieser anschließend bis 2040 auf rund 12.000 pro Jahr zurückgehen. Für niedergelassene Haus- und Fachärzte werden bis 2030 jährlich etwa 8.000 bis 9.000 benötigte Nachbesetzungen erwartet.
Die Arztdichte lag 2025 bei etwa 187 Einwohnern je Arzt. Trotzdem kommt die Versorgung nicht überall gleich gut an. Der Gemeinsame Bundesausschuss sieht bundesweit rechnerisch keinen allgemeinen Ärztemangel, weil der Versorgungsgrad insgesamt über dem Soll liegt. Der Engpass betrifft vor allem bestimmte Regionen und Fachrichtungen: Ballungsräume wie Hamburg, Berlin und Bremen haben eine hohe Arztdichte, in einzelnen Fachrichtungen sogar teilweise Überversorgung. Auf dem Land fehlen dagegen insbesondere Hausärzte; viele finden keine Nachfolger für ihre Praxen.
Auch die Struktur der Arbeit verändert sich. Seit 2018 stieg die Zahl der angestellten Ärzte im ambulanten Bereich um rund 51 Prozent, während die Zahl der niedergelassenen Ärzte mit eigener Zulassung um rund 8 Prozent sank. Jüngere Ärzte bevorzugen häufiger Teilzeit, feste Arbeitszeiten, Anstellungen und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Im Krankenhausbereich fallen laut Marburger-Bund-Monitor jährlich rund 60 Millionen Überstunden an. Das klingt nicht gerade nach einer Einladung zu noch mehr Präsenz – und erklärt manches Gespräch über Arbeitszeit ziemlich schnell.
Studium allein löst die Verteilung nicht
Deutschland verfügt derzeit über rund 12.000 Medizinstudienplätze. In den 1980er-Jahren waren es knapp 14.000, obwohl Bevölkerung und Versorgungsbedarf inzwischen größer sind. Mehr Plätze in Bielefeld sind deshalb ein Baustein, aber kein Zaubertrick: Wer später wo arbeitet, unter welchen Bedingungen und mit welchem Zeitbudget, entscheidet ebenfalls über die Versorgung.
Arztstellen gehören seit Jahren zu den Stellen mit den längsten Vakanzzeiten. Im Bereich Humanmedizin beträgt die durchschnittliche Vakanzzeit rund 136 Tage, über alle Berufe hinweg sind es rund 95 Tage. Kliniken, Medizinische Versorgungszentren und andere Gesundheitsunternehmen müssen deshalb zunehmend aktiv direkt ansprechen; klassische Stellenausschreibungen reichen angesichts der langen Wartezeiten häufig nicht aus.
Die Zahl ausländischer Ärzte in Deutschland hat sich seit 2013 mehr als verdoppelt. Besonders in den neuen Bundesländern trägt Zuwanderung zur Sicherung der Versorgung bei. Gleichzeitig besitzen Ärzte wegen der angespannten Personalsituation eine starke Verhandlungsposition – bei Gehalt, Arbeitszeit und Zusatzleistungen.
Bis 2040 werden tausende Praxen Nachfolger brauchen. Vor allem die Allgemeinmedizin steht unter Druck, weil Hausärzte überdurchschnittlich häufig kurz vor dem Ruhestand stehen. In Bielefeld sitzen die neuen 300 Studienanfängerinnen nun in R5 und R6, zwischen Skills Lab, Präparationsräumen und dem noch geplanten gastronomischen Angebot. Der erste Schritt ist gemacht. Die Frage, wo diese Ärzt*innen später gebraucht werden und ob sie dort auch bleiben, wird sie vermutlich noch lange begleiten.
