Bielefelder Philharmoniker eröffnen das Wintersemester zum 125. Jubiläum
Am 12. Oktober 2026 um 20 Uhr wird es im Audimax der Universität Bielefeld ziemlich festlich: Die Bielefelder Philharmoniker eröffnen das Wintersemester – mit Generalmusikdirektor Robin Davis am Pult und dem Bariton Todd Boyce als Solisten. Der Eintritt ist kostenlos, Spenden sind erwünscht.
Für das Orchester ist der Abend zugleich Teil eines runden Geburtstags. Die Bielefelder Philharmoniker feiern ihr 125-jähriges Bestehen; die Jubiläumsfeierlichkeiten laufen bis Silvester 2026. Wer also ohnehin zum Semesterstart an die Uni kommt, kann sich den Konzertabend ohne Ticketkauf gönnen. Nur ein Sitzplatz im Audimax ist vermutlich trotzdem eine gute Idee.
Shakespeare trifft Mussorgski
Auf dem Programm steht zunächst Hector Berlioz’ „Le carnaval romain“ („Römischer Karneval“), Konzertouvertüre op. 9. Danach folgt Wolfgang Amadeus Mozarts Ouvertüre zu „Die Zauberflöte“. Thea Musgraves „Song of the Enchanter“ („Lied des Zauberers“) bringt ein weiteres Zauberthema in den Konzertabend.
Im Zentrum steht Gerald Finzis „Let Us Garlands Bring“ („Lasst uns Girlanden bringen“), ein Liederzyklus nach William Shakespeare für Bariton und Streichorchester op. 18. Todd Boyce singt darin:
- „Come Away, Come Away, Death“ aus „Was ihr wollt“
- „Who is Silvia?“ aus „Zwei Herren aus Verona“
- „Fear No More the Heat o’ the Sun“ aus „Cymbeline“
- „O Mistress Mine“ aus „Was ihr wollt“
- „It Was a Lover and His Lass“ aus „Wie es euch gefällt“
Zum Schluss erklingen Modest P. Mussorgskis „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“, eine Fantasie für Orchester in der Bearbeitung von Nikolaj A. Rimski-Korsakow, sowie George Enescus „Rumänische Rhapsodie Nr. 1“ in A-Dur op. 11. Shakespeare, Hexentanz, rumänische Klangfarben – der Semesterauftakt kommt nicht gerade mit angezogener Handbremse daher.
Vom Stadtorchester zum „Klang der Stadt“
Die Philharmoniker gestalten heute Symphonie- und Kammerkonzerte, Open-Air- und Crossover-Veranstaltungen und außerdem die Musiktheatersparte des Theaters Bielefeld. Ihre Hauptspielorte sind die Rudolf-Oetker-Halle und der Orchestergraben des Theaters Bielefeld. Zum regelmäßigen Angebot gehören die Symphoniekonzertreihe in der Rudolf-Oetker-Halle, das Neujahrskonzert und Gemeinschaftskonzerte, unter anderem mit dem Musikverein und dem Oratorienchor Bielefeld. Das Motto des Orchesters lautet „Klang der Stadt“.
Musikvermittlung gehört ebenfalls dazu: Kinderkonzerte unter dem Titel „Musik voll fett ;-)“ im Stadttheater, Jugendkonzerte in der Oetker-Halle, Workshops und das Programm „Orchester macht Schule“, bei dem Orchestermusiker Schulen besuchen. Bei Probenbesuchen und Jugendkonzerten können Kinder und Jugendliche sogar zwischen den Musikerinnen und Musikern sitzen – „Ins Orchester getaucht“ heißt dieses Angebot.
Auch draußen und abseits klassischer Konzertsäle war das Orchester unterwegs: bei „Picknick trifft Klassik“ im Naturbad Bielefeld-Brackwede, bei Konzerten am Meierteich und bei „Kultur im Knast“ in der JVA Senne, erstmals im Sommer 2015. Von 2011 bis 2014 liefen außerdem die Crossover-Konzerte „Classic meets Pop“ in der Seidenstickerhalle und der Stadthalle Bielefeld. Für Symphonie- und Kammerkonzerte gibt es Abonnements, teilweise mit exklusiven Veranstaltungen wie Führungen und Probenbesuchen.
Die Geschichte reicht zurück: Bereits in den 1860er Jahren gab es eine von Musikdirektor Rossbach geleitete Stadtkapelle aus Laienmusikern. Sie spielte vor allem bei Hochzeiten, Beerdigungen und Taufen. 1884 forderten Bürger in einer Petition an den Magistrat ein leistungsfähigeres städtisches Orchester. Am 12. Dezember 1890 beschloss die Stadtverordnetenversammlung die Gründung eines Städtischen Orchesters mit 36 Musikern. Der seit 1820 bestehende Musikverein steuerte 40.000 Goldmark an Sponsorengeldern bei, die Stadt sagte jährlich weitere 10.000 Goldmark zu.
Offiziell gegründet wurde das Städtische Orchester 1901. Erster Städtischer Musikdirektor war Wilhelm Lamping, zugleich Leiter des Musikvereins; die Dirigate teilte er mit Kapellmeister Traugott Ochs. Bei größeren Konzerten halfen Musiker der Münsteraner Militärkapelle aus. Beim ersten Konzert am 3. Mai 1901 auf dem Johannisberg erklangen Webers „Oberon“, Wagners „Tannhäuser“-Ouvertüre, Massenets „Scènes pittoresques“ und Beethovens 5. Sinfonie.
Bevor ein eigener Konzertsaal entstand, trat das Orchester unter anderem in Brinkmanns Tonhalle, Remkes Theatersaal, Rademachers Garten und auf dem Johannisberg auf. Ab 1904 konnte es im neuen Theaterbau spielen. 1907 wurde Max Cahnbley Nachfolger von Traugott Ochs; die Mitgliederzahl stieg auf 44. Durch eine Kooperation mit Herford und den Einsatz von Aushilfen waren für wichtige Konzerte bis zu 75 Musiker möglich. Zu den Gastdirigenten gehörten Felix Weingartner und Siegfried Wagner, während das Theater Bielefeld in dieser Zeit Opern in den Spielplan aufnahm.
Rudolf-Oetker-Halle, Krisen und neue Wege
1921 geriet das Theater in eine große Finanzkrise. Eine geplante Verkleinerung des Orchesters auf 38 Musiker wurde verhindert. Am 31. Oktober 1930 eröffnete schließlich die Rudolf-Oetker-Halle und gab dem Orchester einen eigenen Konzertsaal. Möglich wurde der Bau unter anderem durch eine Spende von Caroline Oetker. Wilhelm Lamping hatte ihn maßgeblich vorangetrieben, starb jedoch am 7. September 1929 und erlebte die Eröffnung nicht.
1930 wurde der Komponist Heinrich Kaminski Städtischer Musikdirektor; bis 1933 blieb er im Amt, danach übernahm Werner Gößling. Das Orchester spielte in den folgenden Jahren im Sommer bei den Richard-Wagner-Festspielen in Detmold. Kaminski, weiterhin Dirigent des Musikvereins, war Gegner des Nationalsozialismus und geriet mit Gößling in Konflikt, was sich auch in Presseangriffen zeigte. 1937 wurde Kaminski entlassen, 1939 wurden seine Werke wegen seiner jüdischen Abstammung in Deutschland verboten.
Werner Gößling leitete bis 1939 das Städtische Orchester und die Oper. Bereits 1935 war der Musikverein städtisch geworden. Nach Gößlings Einberufung zum Wehrdienst übernahm Hans Hoffmann von 1939 bis 1949 die Position des Städtischen Musikdirektors und Oberspielleiters der Oper. Danach blieb das Orchester zwei Jahre ohne Musikdirektor; als Gäste dirigierten unter anderem Fritz Lehmann, Romanus Hubertus und Georg Ludwig Jochum. Die Oper wurde von Carl Schmidt-Belden geleitet.
Unter Generalmusikdirektor Bernhard Conz, der das Amt von 1951 bis 1974 innehatte, wuchs das Orchester zunächst auf 54 und später auf 59 Musiker. Es wurde von der III. in die II. Tarifklasse höhergruppiert, ein neuer Orchesterprobenraum kam hinzu, und Gastspiele führten in mehrere europäische Städte. Conz konzentrierte sich auf Sinfoniekonzerte und große Opern; die Musikvereinskonzerte übergab er 1951 an Michael Schneider. 1960 erhielt Conz den Kulturpreis der Stadt Bielefeld.
1968 wurde das Städtische Orchester in „Philharmonisches Orchester der Stadt Bielefeld“ umbenannt. Gleichzeitig kam eine zusätzliche Hornposition hinzu, die Holger Lieberich besetzte; 1969 wechselte er an die Staatsoper Hannover. Unter Generalmusikdirektor Georg Wilhelm Schmöhe, der das Amt von 1974 bis 1980 innehatte, gab es mehrere Kinder- und Jugendkonzerte. Schmöhe setzte sich außerdem für Erst- und Uraufführungen sowie für selten gespielte französische und russische Werke ein.
