BAföG-Wohnpauschale reicht in den meisten Hochschulstädten nicht für ein WG-Zimmer
Für viele Studierende in Deutschland wird die Wohnung zur größten monatlichen Rechnung – und zum größten Stressfaktor. Fast 38 Prozent gelten laut einer Auswertung des Paritätischen Gesamtverbands als armutsgefährdet. Neben den gestiegenen Lebensmittelpreisen drücken vor allem die Wohnkosten auf die Budgets. Bezahlbare Zimmer sind in vielen Hochschulstädten knapp, auch rund um die Uni Bonn.
Wer nicht bei den Eltern wohnt, gibt laut Statistischem Bundesamt durchschnittlich 54 Prozent des eigenen Einkommens für Wohnkosten aus. In der Gesamtbevölkerung sind es 24,1 Prozent. 65 Prozent der Studierenden gelten deshalb als überbelastet – im Studentenwohnreport ist von knapp zwei Dritteln der studentischen Haushalte die Rede.
380 Euro reichen fast nirgends
Die derzeitige BAföG-Wohnkostenpauschale für Studierende außerhalb des Elternhauses beträgt 380 Euro. Laut dem MLP-Studentenwohnreport 2026 von MLP und dem Institut der deutschen Wirtschaft (IW) reicht dieser Betrag in nur drei von 38 untersuchten Städten für ein typisches 20-Quadratmeter-WG-Zimmer: Chemnitz, Magdeburg und Greifswald. In Chemnitz lässt sich damit sogar eine eigene Wohnung finanzieren.
Der am 30. September 2026 vorgestellte achte MLP Studentenwohnreport vergleicht außerdem eine studentische Musterwohnung mit 30 Quadratmetern. Für eine solche Wohnung reicht die Pauschale von 380 Euro nur in Chemnitz vollständig. Dort kostet sie rund 280 Euro monatlich, ein Muster-WG-Zimmer rund 220 Euro. München liegt am anderen Ende: Rund 880 Euro werden für die 30-Quadratmeter-Wohnung fällig, etwa 850 Euro für das WG-Zimmer.
Berlin, Frankfurt, Köln, Hamburg und Heidelberg liegen bei der Musterwohnung ungefähr zwischen 700 und 720 Euro monatlich. Die Unterschiede sind also nicht bloß ein paar Münzen in der Portokasse. Sie entscheiden darüber, ob am Monatsende noch Geld für Bücher, Fahrtkosten oder ein warmes Abendessen bleibt.
Die qualitätsbereinigten Mieten für studentisches Wohnen stiegen im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum durchschnittlich um 2,6 Prozent. Wohnungen mit weniger als 40 Quadratmetern verteuerten sich innerhalb eines Jahres am stärksten: um 3,5 Prozent. WG-Zimmer legten um 2,3 Prozent zu, möblierte Wohnungen auf Zeit um 2,0 Prozent. Über drei Jahre gerechnet, erhöhten sich die Mieten im Schnitt um 4,0 Prozent pro Jahr. Die stärksten durchschnittlichen Zuwächse gab es in Hamburg und Saarbrücken mit jeweils 5,8 Prozent jährlich sowie in Bochum mit 5,5 Prozent.
Mehr BAföG, aber später
Die Bundesregierung legte Mitte Juli einen Gesetzentwurf zur BAföG-Reform vor. Die Bedarfssätze für Studierende sollen in zwei Schritten steigen: zum Wintersemester 2027/2028 auf 503 Euro und zum Sommersemester 2029 auf 563 Euro. Ab dem Wintersemester 2028/2029 sollen die Freibeträge jährlich angehoben werden. Die Bedarfssätze für Schülerinnen und Schüler sollen entsprechend steigen, außerdem werden die Zuschläge zur Kranken- und Pflegeversicherung angepasst.
Die Wohnkostenpauschale für Studierende außerhalb des Elternhauses soll zum Sommersemester 2027 um rund 16 Prozent von 380 auf 440 Euro steigen. Ursprünglich war die Erhöhung bereits für das kommende Wintersemester vorgesehen, verzögerte sich aber wegen ungeklärter Finanzierungsfragen innerhalb der Koalition. Mit 440 Euro würde laut MLP-Report in acht von 38 Städten die Warmmiete für ein WG-Zimmer abgedeckt, in drei Städten auch die Miete für eine eigene Wohnung.
Für Studierende, die noch bei ihren Eltern wohnen, soll die Pauschale zunächst von 59 auf 41 Euro sinken und anschließend vollständig entfallen. BAföG-Anträge sollen künftig grundsätzlich ausschließlich über das Portal „Bafög Digital“ gestellt werden; Ausnahmen sind nur in besonderen Fällen vorgesehen.
Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) begrüßte die Reform bei der ersten Lesung im Bundestag. Studium und Ausbildung hätten einen hohen Stellenwert, sagte sie; die Ausbildungswahl solle nicht am Geld scheitern. Wegen der angespannten Haushaltslage seien die Maßnahmen finanziell abgewogen worden.
Kritik an Pauschale und Verfahren
Ayse Asar (Bündnis 90/Die Grünen) kritisierte, die Erhöhung der Wohnkostenpauschale komme ein halbes Jahr später als im Koalitionsvertrag vereinbart. Außerdem müsse sich die Pauschale stärker an den regionalen Mieten orientieren. Auch 440 Euro würden in vielen Städten nicht für die Warmmiete reichen.
Nicole Gohlke (Linke) erklärte, die Reform schaffe keine ausreichende Chancengerechtigkeit. Sie forderte ein BAföG als Vollzuschuss ohne Verschuldung und eine regional gestaffelte Wohnpauschale. Lina Seitzl (SPD) bezeichnete BAföG als zentrale sozialpolitische Errungenschaft und als Investition in Wissenschaft und Wohlstand.
Joachim Ebmeyer (CDU) lenkte den Blick auf ein anderes Problem: Viele Studierende kennen ihre mögliche Antragsberechtigung nicht, vermuten ein zu hohes Elterneinkommen oder meiden das Verfahren wegen seiner Komplexität. Ein KI-Chatbot soll künftig bei der Antragstellung helfen. Ebmeyer forderte außerdem das „Once-Only“-Prinzip, damit Behörden bereits vorhandene Daten staatlicher Stellen nutzen können. Christoph Birghan (AfD) sprach sich für eine Leistungskomponente aus, die Studienerfolge im BAföG-System berücksichtigt.
Wohnraum bleibt der Engpass
Vorgestellt wurde der Studentenwohnreport am 30. September 2026 bei einer Online-Pressekonferenz mit Prof. Dr. Michael Voigtländer, Immobilienmarktexperte am IW, und Dr. Uwe Schroeder-Wildberg, Vorstandsvorsitzender der MLP SE. Der Report sieht trotz der angespannten Lage einen kleinen Hoffnungsschimmer: Vorübergehend rückläufige Studierendenzahlen an einzelnen Standorten könnten Spielräume für den Ausbau bezahlbaren Wohnraums schaffen. Die Studierendenzahlen werden voraussichtlich wieder steigen.
Bis dahin bleibt die Suche vielerorts ein Geduldsspiel. Ein WG-Zimmer, eine Besichtigung, dann die nächste Absage – und nebenbei Seminare, Nebenjob und Antrag. In München kostet das Musterzimmer rund 850 Euro, in Chemnitz rund 220 Euro. Dazwischen liegen nicht nur hunderte Kilometer, sondern auch sehr unterschiedliche Chancen, ein Studium tatsächlich finanzieren zu können.
