Bonner Forschung verjüngt menschliche Nervenzellen im Labor auf unter 20 Jahre
Uni Bonn, 28.10.2026 – Forschenden der Universität Bonn ist es im Labor gelungen, den Alterungsprozess menschlicher Zellen teilweise umzukehren. Dafür behandelten sie Blutzellen eines 80-jährigen Mannes. Anschließend zeigten die daraus entstandenen Zellen biologische Eigenschaften, die eher zu einem Menschen unter 20 Jahren passten.
Die Studie entstand gemeinsam mit der Technischen Hochschule Aachen und wurde im Fachmagazin „Aging Cell“ veröffentlicht. Unter der Leitung von Oliver Brüstle untersuchte das Team Blutproben von 15 Menschen im Alter von 0 bis 101 Jahren – darunter also auch über 100-Jährige.
Direkter Weg zu neuralen Stammzellen
Als Ausgangsmaterial dienten Vorläufer roter Blutkörperchen. Mithilfe von Viren regten die Forschenden sie dazu an, die Proteine SOX2 und cMYC zu bilden. Dadurch wurden die Zellen direkt in neurale Stammzellen umprogrammiert, aus denen Nervenzellen entstehen können. Der sonst übliche Zwischenschritt über induzierte pluripotente Stammzellen, kurz iPS-Zellen, entfiel.
Bei einer vollständigen iPSC-Reprogrammierung erfolgt der molekulare Reset nach etwa 20 Tagen. Nach rund sieben Wochen liegt das epigenetische Alter laut dem Bericht bei ungefähr 20 Prozent des chronologischen Ausgangsalters. In Bonn waren dagegen bereits nach zwölf Tagen typische Stammzellmerkmale erkennbar. Anfangs entsprach das epigenetische Alter der erzeugten neuralen Stammzellen durchschnittlich 13 Prozent des jeweiligen Spenderalters; bei längerer Kultivierung sank dieser Wert teilweise auf unter 5 Prozent.
Gemessen wurden die Altersmerkmale anhand chemischer Veränderungen am Erbgut, vor allem anhand des sogenannten Methylierungsalters. Der größte Teil der altersbezogenen Veränderungen bildete sich nach etwa 50 Tagen zurück. Bei den Zellen des 80-Jährigen entsprach das biologische Profil dann dem eines Menschen unter 20 Jahren. Bei einem 101-jährigen Spender wurde das epigenetische Alter je nach Messung um 87 bis 95 Jahre zurückgesetzt. Bei niedriger Passage lag das Methylierungsalter bei etwa 13 Prozent des Spenderalters, bei hoher Passage sank es im transgenfreien Zustand auf unter 5 Prozent.
Was in den Zellen passierte
Von 1.871 Genen mit altersabhängiger Aktivität waren nach 14 Tagen noch 20 aktiv, später nur noch 12. Auch der Autophagie-Fluss normalisierte sich. Die mitochondrialen reaktiven Sauerstoffspezies, kurz ROS, gingen auf ein embryonales Niveau zurück. Für den beobachteten Effekt wurde eine Effektstärke von Cohen’s d > 6 angegeben – statistisch also ein ziemlich großer Brocken.
Die Verjüngung hing dabei weitgehend nicht von intensiver Zellteilung ab. Selbst als die Teilung experimentell mit Glycerol und Thymidin gehemmt wurde, setzte sich der Prozess fort. Postmitotische Nervenzellen, die sich nicht mehr teilen, verloren im weiteren Verlauf ebenfalls schrittweise Altersmerkmale.
Beobachtet wurden die Zellen über mehr als 100 Tage. Das ist für die weitere Arbeit wichtig: Die Forschenden können länger prüfen, welche Stoffe eine molekulare Verjüngung beschleunigen oder bremsen. Oliver Brüstle bezeichnete das Verfahren vor allem als experimentelles Werkzeug, mit dem sich solche Faktoren und Wirkstoffe untersuchen lassen.
Keine Therapie, kein kompletter Neustart
So weit die Nachricht. Der Haken – und der ist nicht klein: Die Methode beseitigt nicht sämtliche altersbedingten Veränderungen. Schäden und Veränderungen im Erbgut, die über Jahrzehnte entstanden sind, bleiben bestehen. Die Zellen kehren also nicht vollständig in ihren ursprünglichen Zustand zurück.
Für die Alzheimer-Forschung könnten die Ergebnisse dennoch neue Ansätze liefern. Das Alter gilt als wichtigster Risikofaktor der Erkrankung, weshalb die Forschenden besser verstehen wollen, wie sich alternde Nervenzellen verändern lassen. Eine Alzheimer-Behandlung ist daraus bislang nicht entstanden. Auch gegen andere neurodegenerative Erkrankungen gibt es keine konkrete Therapie. Die Verjüngung wurde ausschließlich im Labor erreicht – zwischen Zellkultur, Messreihen und ziemlich viel Geduld.
Die Ergebnisse der Universität Bonn und des Universitätsklinikums Bonn zeigen damit vor allem ein Forschungsinstrument: menschliche Zellen lassen sich molekular in Richtung eines deutlich jüngeren Zustands bewegen, ohne dass damit automatisch ein junger, gesunder Organismus entsteht. Der nächste Schritt bleibt die genaue Frage, welche biologischen Prozesse dabei wirklich zurückgedreht werden – und welche nur jünger aussehen.
