In Serbien zeichnet sich nach der vorgezogenen Parlamentswahl ein Machtwechsel ab. Eine von Studierenden angeführte oppositionelle Liste errang nach ersten Hochrechnungen die absolute Mehrheit. Präsident Aleksandar Vučić räumte am Sonntagabend seine Niederlage ein – nach 14 Jahren an der Macht.

Angeführt wird die Studentenliste vom Kardiologen Ilija Srdanovic aus Novi Sad. Auf ihr kandidierten allerdings überwiegend Vertreter der Zivilgesellschaft: Hochschullehrer, Ärzte und Künstler, nicht Studierende. Ihr Programm verspricht mehr Rechtsstaat und Demokratie sowie einen entschlossenen Kampf gegen Korruption und Kriminalität.

Feiern in Belgrad, offene Frage an der Regierungsspitze

In Belgrad feierten Zehntausende den erwarteten politischen Umbruch. Auf dem Slavija-Platz wurde getanzt, in vielen anderen Städten ebenfalls. Autos fuhren hupend durch die Straßen. Vor der Zentrale der Studentenliste riefen Unterstützer „Sieg, Sieg“ und umarmten einander. Beteiligte Studenten sprachen von einem „Wunder“, nannten das Ergebnis „unglaublich“ und traumhaft.

Der Belgrader Professor Radomir Sajcic sagte im Namen der Studentenbewegung: „Heute Abend findet die Stimme des Volkes Gehör. Heute Abend feiern wir den Sieg, morgen gestalten wir die Zukunft.“ Wer künftig Regierungschef wird, ist allerdings noch offen. Die siegreiche, basisdemokratisch organisierte Bewegung steht vor der schwierigen Aufgabe, aus dem Wahlerfolg politische Führung zu machen.

Nach Vučićs Angaben dürfte die Studentenliste 135 bis 140 der 250 Parlamentssitze erhalten, während seine regierende Fortschrittspartei SNS auf etwa 105 Mandate kommt. Die endgültigen Ergebnisse lagen zunächst nicht vor. Die Wahlforschungsgruppe CRTA sah die Studentenliste bei 51,5 Prozent und die SNS bei 40,4 Prozent. Eine Stunde vor Schließung der Wahllokale lag die Beteiligung laut CRTA bei 67,8 Prozent; Reuters zufolge erreichte sie endgültig fast 70 Prozent – den höchsten Wert seit dem Zerfall Jugoslawiens 1992. Im Dezember 2023 waren es insgesamt 58,8 Prozent gewesen.

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Vom Bahnhofsunglück auf die Wahlliste

Entstanden ist die Bewegung nach dem Einsturz des Vordachs eines Bahnhofs in Novi Sad im November 2024. 16 Menschen starben. Kritiker führten das Unglück auf Korruption, mangelnde Kontrollen und mangelhafte Arbeit der Regierung Vučićs zurück. Studierende organisierten Proteste gegen die Regierung, daraus wurde eine landesweite Bewegung mit großer Unterstützung in der Bevölkerung.

Hunderttausende gingen auf die Straße und forderten vorgezogene Neuwahlen. Es waren die größten Proteste in Serbien seit dem Sturz Slobodan Miloševićs im Jahr 2000. Die Bewegung gründete daraus die „Studentska Lista“, um Vučićs Fortschrittspartei abzulösen. Dass diese Liste nun so deutlich vorne liegt, überraschte selbst Beteiligte – irgendwie war der politische Boden plötzlich weg unter den Füßen.

Vučić hatte die serbische Politik seit 2012 in wechselnden Ämtern maßgeblich geprägt. Ende September trat der 56-Jährige als Staatspräsident zurück. Die vorgezogene Wahl sollte ihm nach Angaben von Nachrichtenagenturen den Weg zurück an die Regierungsspitze ermöglichen; von 2014 bis 2017 war er bereits Ministerpräsident. Seine politische Führung stand diesmal direkt zur Abstimmung.

Vorwürfe und europäische Perspektive

Kritiker werfen Vučić vor, demokratische Institutionen geschwächt, unabhängige Medien und Andersdenkende unter Druck gesetzt sowie Korruption begünstigt zu haben. Zivilgesellschaftliche Organisationen erklärten schon vor der Wahl, die Voraussetzungen für eine freie und faire Abstimmung seien nicht erfüllt. CRTA meldete am Wahlabend Hinweise auf Stimmenkauf und die Einschüchterung von Wählern. In zahlreichen Wahllokalen seien ausgefüllte Stimmzettel fotografiert worden; Medien berichteten außerdem über gewalttätige Angriffe auf Wahlbeobachter und Journalisten.

Seit 2014 verhandelt Serbien über den Beitritt zur Europäischen Union, doch die Gespräche kamen zuletzt kaum voran. Beobachter nennen den Abbau demokratischer Strukturen unter Vučić als einen Grund. Die Protestbewegung wurde zusätzlich durch den Machtwechsel in Ungarn inspiriert.

Am Slavija-Platz blieb die Freude über den politischen Umbruch trotzdem nicht leise. Musik, Rufe, Hupen – und ein Wahlergebnis, das in Belgrad noch am 26.10.2026 vielerorts wie ein Traum wirkte. Der Artikel der General-Anzeiger wurde zuletzt am 26.10.2026 aktualisiert.