Europas digitale Souveränität stagniert: Plattformen und Patente bleiben offene Flanken
Uni Bonn, 30.10.2026 – Europas digitale Souveränität kommt nicht recht vom Fleck. Seit Jahren baut der Kontinent seine Unabhängigkeit kaum aus und ist heute stärker von ausländischen Digitaltechnologien abhängig als vor gut einem Jahrzehnt. Währenddessen haben die USA und China ihre technologische Eigenständigkeit deutlich gesteigert.
Das zeigt eine Studie des Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies (CASSIS) der Universität Bonn und des Vodafone Instituts. Untersucht wurden 51 Industrie- und Schwellenländer, darunter 16 europäische Staaten, im Zeitraum von 2010 bis 2023. Als Messinstrument entwickelten die Forschenden den „Digital Dependence Index“, kurz DDI.
Plattformen als Europas offene Flanke
Der DDI erfasst den Handel mit Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), den Handel mit IKT-Dienstleistungen, digitale Plattformen sowie IKT-Patente. Der Wert reicht von 0 – vollständige Unabhängigkeit – bis 1, also vollständige Abhängigkeit.
Für Europas Staaten stieg die durchschnittliche digitale Abhängigkeit zwischen 2010 und 2023 um 0,5 Prozentpunkte auf 0,69. Die Länder lagen durchgehend im Bereich einer mäßigen bis hohen Abhängigkeit. Besonders deutlich wird das bei Plattformen: Bei Betriebssystemen, Suchmaschinen und Cloud-Diensten sind Deutschland und fast alle anderen europäischen Staaten nahezu vollständig auf Anbieter aus dem Ausland angewiesen.
Im europäischen Durchschnitt erreicht die Abhängigkeit bei Dienstleistungen 0,42, bei Hardware 0,59, bei Plattformen 0,98 und bei Patenten 0,99. Gerade bei Plattformen und Patenten hängt Europa damit beinahe vollständig von Drittstaaten ab. Das schränkt laut Studie die Fähigkeit ein, wirtschaftliche und strategische Vorteile technologischer Innovationen zu nutzen.
Die Entwicklung verläuft allerdings nicht überall gleich. Finnland verzeichnete den größten Anstieg der digitalen Abhängigkeit: 13,7 Prozentpunkte. Es folgen Schweden mit 7,2, Norwegen mit 6,4, Estland mit 3,9 und Frankreich mit 3,1 Prozentpunkten. Rückgänge gab es dagegen in Serbien mit minus 17,3 Prozentpunkten, Tschechien mit minus 5,5, Polen mit minus 4,2 und im Vereinigten Königreich mit minus 3,5 Prozentpunkten. Ein einheitliches europäisches Abhängigkeitsprofil gibt es also nicht.
Deutschland: stark bei Patenten, schwach bei Plattformen
Deutschland kommt auf einen DDI-Wert von 0,73 und liegt weltweit auf Rang 25 – gleichauf mit Österreich und Thailand. Zwischen 2010 und 2023 nahm die digitale Verwundbarkeit der Bundesrepublik um 2,4 Prozentpunkte zu. Als wesentliche Ursachen nennt die Studie die wachsende Abhängigkeit von Software und IT-Dienstleistungen.
Unter den untersuchten europäischen Staaten weist Deutschland zwar die geringste Abhängigkeit bei IKT-Patenten auf. Im globalen Vergleich bleibt der Abstand jedoch deutlich: 26 Prozent gegenüber den USA, 20 Prozent gegenüber China und 12 Prozent gegenüber Südkorea. Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien gehören zum Cluster postindustrieller Staaten. Sie sind industriell und in der Forschung stark, haben aber erhebliche Lücken bei digitalen Plattform-Ökosystemen.
Zum Vergleich: China senkte seinen DDI-Wert im selben Zeitraum um 10,8 Prozentpunkte auf 0,43. Die USA verbesserten sich um 6,0 Prozentpunkte auf 0,38 und liegen damit weltweit an der Spitze der digitalen Autonomie. Das ist kein kleiner Vorsprung, eher eine ziemlich breite Lücke.
Die Forschenden warnen zudem vor dem „Irland-Effekt“. Der scheinbare Unabhängigkeitswert Irlands von 0,40 hängt maßgeblich damit zusammen, dass viele US-Konzerne dort aus steuerlichen Gründen ihren Sitz haben. Ohne Irland würde Europas Bilanz im Handel mit digitalen Dienstleistungen für 2022 bis 2024 von einem Überschuss in ein Defizit von rund 350 Milliarden US-Dollar kippen.
Was Europa nun ändern müsste
Die bisherigen politischen Maßnahmen zur Stärkung der technologischen Autonomie seien nicht ausreichend zielgerichtet und ambitioniert, heißt es in der Studie. Eine zentrale Herausforderung bestehe darin, strategische Prioritäten für den Ausbau digitaler Fähigkeiten und den Abbau von Abhängigkeiten festzulegen.
Vorgeschlagen werden vier Handlungswege: Europa soll bestehende industrielle und technologische Kapazitäten stärken und unverzichtbare Positionen in Lieferketten aufbauen. Zugleich brauche es Investitionen in Plattformen, Infrastruktur, Patente und eigene Technologieunternehmen, damit eine wettbewerbsfähige europäische Technologiemacht entstehen kann.
Außerdem sollen kritische technologische Engpässe beseitigt werden – vor allem in sicherheitsrelevanten Bereichen und bei staatlichen Kernfunktionen. Abhängigkeiten von wenigen ausländischen Lieferanten könnten durch europäische Kapazitäten und neue internationale Technologiepartnerschaften breiter verteilt werden.
Empfohlen werden gemeinsame europäische strategische Prioritäten sowie eine grenzüberschreitende Koordinierung von Regulierung, Innovation, Investitionen und Beschaffung. Kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen sollen ineinandergreifen. Parallel dazu soll eine langfristige öffentliche Debatte über digitale Widerstandsfähigkeit entstehen. Klingt sperrig, ist aber im Alltag schnell spürbar: Wer kontrolliert die Software, die Daten und die Rechner, wenn es einmal ernst wird?
Für Vergleiche stellt die Studie eine interaktive DDI-Website bereit. Dort lassen sich Länder und Regionen gegenüberstellen, zeitliche Veränderungen untersuchen und die zugrunde liegenden Daten abrufen. Zusätzlich gibt es ein KI-gestütztes Tool, das bei der Orientierung im Datensatz und in dessen politischem Kontext helfen soll.
EU setzt auf Chips, Cloud und KI
Der politische Rahmen ist inzwischen breiter geworden. Tech-Souveränität meint Europas Fähigkeit, in der digitalen Welt unabhängig zu handeln, Schlüsseltechnologien, Daten und Infrastrukturen zu entwickeln und zu kontrollieren sowie Abhängigkeiten von Drittstaaten zu verringern. Die EU ist derzeit bei mehr als 80 Prozent der wichtigsten digitalen Produkte, Dienstleistungen, Infrastrukturen und geistigen Eigentums von Drittländern abhängig.
Am 3. Juni 2026 verabschiedete die Europäische Kommission ein Maßnahmenpaket zur Stärkung der digitalen Autonomie. Es umfasst die Legislativvorschläge „Chips Act 2.0“ und „Cloud and AI Development Act (CADA)“, die Open-Source-Strategie der EU sowie einen strategischen Fahrplan für Digitalisierung und KI im Energiebereich.
Die Ziele reichen weit über Industriepolitik hinaus: Wettbewerbsfähigkeit, Widerstandsfähigkeit und Sicherheit sollen steigen, strategische Autonomie bei digitalen Schlüsseltechnologien gesichert und offene sowie faire digitale Märkte unterstützt werden. Auch Bürgerrechte und demokratische Prozesse im Internet, Innovation und langfristige Technologieführerschaft gehören dazu.
Im Bereich künstliche Intelligenz konzentriert sich der Aktionsplan für den KI-Kontinent auf Recheninfrastruktur, Daten, Kompetenzen, Einführung und Nutzung sowie Vereinfachung. Die KI-Strategie „Anwenden“ soll die Wettbewerbsfähigkeit strategischer Sektoren erhöhen und die Technologiesouveränität der EU stärken. CADA soll diese Strategie und den Aktionsplan ergänzen.
KI-Fabriken sollen Europas Hochleistungsrechner nutzen und Forschenden, Start-ups sowie kleinen und mittleren Unternehmen Zugang zu Recheninfrastruktur und Daten für die Entwicklung von KI-Modellen ermöglichen. Das KI-Gesetz schafft den ersten Rechtsrahmen für künstliche Intelligenz und soll innovative sowie vertrauenswürdige KI in Europa fördern.
Bis 2030 setzt die Digitale Dekade Ziele bei digitaler Infrastruktur, digitalen Kompetenzen, der Digitalisierung von Unternehmen und digitalen öffentlichen Diensten. Das Europäische Chip-Gesetz und das Chip-Gesetz 2.0 sollen Forschungs-, Design- und Fertigungskapazitäten stärken, das europäische Halbleiter-Ökosystem ausbauen, Lieferketten widerstandsfähiger machen und strategische Abhängigkeiten reduzieren.
Daneben soll die Quantum-Europa-Strategie Europas Führungsrolle bei Quantentechnologien sichern – durch Forschung, Innovation, industrielle Nutzung und den Aufbau eines wettbewerbsfähigen Quantenökosystems. Das Gesetz über digitale Netze (DNA) soll die EU-Konnektivitätsregeln modernisieren und vereinfachen sowie Investitionen in Glasfaser, 5G und künftige Hochleistungsnetze unterstützen.
Auch Daten stehen im Zentrum. Die Strategie für die Datenunion soll den Zugang zu hochwertigen Daten verbessern, ihre Verfügbarkeit für KI erhöhen und eine wettbewerbsfähigere, stärker integrierte europäische Datenwirtschaft fördern. Das Datengesetz harmonisiert Regeln für Zugang und Nutzung, ermöglicht einen fairen Datenaustausch und soll Nutzern und Unternehmen Vorteile aus Daten verschaffen, die durch
