Im LVR-Landesmuseum Bonn ist die Fotoausstellung „Fluchtpunkt Paris“ zu sehen. Wer durch die Räume geht, begegnet Gesichtern, die aus der Kunst- und Kulturgeschichte vertraut sind: Pablo Picasso, 1954 von Gisèle Freund fotografiert, James Joyce in einer 1939 ebenfalls von Freund aufgenommenen Farbaufnahme und Peggy Guggenheim, die Rogi André 1935 porträtierte. Daneben steht das Bild einer Tänzerin, aufgenommen von Madame d’Ora zwischen 1945 und 1955.

Die begleitenden Aufnahmen der Ausstellung stammen von Benjamin Westhoff. In den Bildnachweisen finden sich unter anderem die Nachlässe von Madame d’Ora, das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, der Fonds MCC von Gisèle Freund sowie die Bibliothèque nationale de France. Der zugrunde liegende Bericht wurde zuletzt am 14.10.2026 aktualisiert.

Paris als Zufluchtsort und Arbeitsfeld

In den 1920er-Jahren zog Paris Intellektuelle und Kunstschaffende aus ganz Europa an. Gisèle Freund, Rogi André und Dora Kallmus, die unter dem Namen Madame d’Ora arbeitete, hielten das kulturelle Leben der französischen Hauptstadt in zahlreichen Fotografien fest. Gemeinsam waren den drei Fotografinnen ihre jüdische Herkunft, Erfahrungen mit Verfolgung und Exil sowie ihre Arbeit in künstlerischen und intellektuellen Milieus.

„Fluchtpunkt Paris“ verfolgt ihre künstlerischen Entwicklungen, stellt die Werke einander gegenüber und fragt nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden. Im Mittelpunkt steht die Porträtfotografie – für alle drei ein zentrales Arbeitsfeld. Sie fotografierten bedeutende Künstlerinnen und Künstler ihrer Zeit, darunter Pablo Picasso, Virginia Woolf, James Joyce und Simone de Beauvoir. Auch Bühnenstars wie Josephine Baker, Maurice Chevalier und Anita Berber wurden von ihnen porträtiert.

Ihre Bilder erschienen in zahlreichen Magazinen. Zugleich arbeiteten Freund, André und d’Ora in der Mode-, Akt- und Tanzfotografie. Gisèle Freund fotografierte 1940, kurz vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris, elegante Pariser Modeschauen. Für Dora Kallmus war Modefotografie schon seit vielen Jahren ein wichtiges Tätigkeitsfeld.

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Zwischen Eleganz und Bedrohung

Ganz glatt und glitzernd bleibt diese Pariser Welt aber nicht. Ein weiterer Schwerpunkt der Ausstellung ist die sozialkritische Reportagefotografie. Die drei Fotografinnen suchten wiederholt Orte auf, an denen soziale Spannungen und gesellschaftspolitische Konflikte sichtbar wurden. Ihre Aufnahmen erzählen deshalb nicht nur von Stil, Bühnenlicht und berühmten Namen, sondern auch von Unsicherheit, Ausgrenzung und dem Druck einer Zeit, die zunehmend aus den Fugen geriet.

Der zeitliche Bogen reicht vom Ende des Ersten Weltkriegs bis zur Neuordnung Europas nach 1945. Zu sehen sind der Aufbruch der Pariser Avantgarde, weibliche Emanzipation, künstlerische Arbeit und Selbstverständnis, aber ebenso Verfolgung und drohende Deportation. Eleganz und Leidenschaft stehen neben Resignation und Verzweiflung; Mut, sozialkritisches Engagement sowie Strategien des Überlebens, Weiterlebens und Weiterarbeitens werden in unterschiedlichen Bildsprachen sichtbar.

Gerade darin liegt der Reiz des Vergleichs: Freund, André und d’Ora arbeiteten an ähnlichen Themen, blickten aber aus unterschiedlichen Perspektiven auf ihre Umgebung. Die Ausstellung widmet sich fotografischen Genres, denen sie sich mit jeweils eigener Haltung näherten. Ein Porträt kann dabei repräsentativ wirken, beiläufig oder beinahe verletzlich – und manchmal kippt die Stimmung schon im nächsten Bild.

Unterstützung und weitere Informationen

Unterstützt wird die Ausstellung vom Institut Mémoires de l’édition contemporaine (IMEC), der Bibliothèque nationale de France und dem Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Das Rahmenprogramm unterstützt das Institut français in Bonn. Weitere Informationen gibt es unter lmb.lvr.de.

Für Studierende in Bonn ist das ein Ausflug ohne große Anreise: Heute, am 15.10.2026, liegt das LVR-Landesmuseum praktisch vor der Haustür der Uni Bonn. Und wer bei Paris nur an Cafés, Bohème und schicke Kleider denkt, dürfte spätestens bei den Fotografien von Verfolgung, Exil und drohender Deportation kurz innehalten.