Uni Bonn, 8. Oktober 2026 – Im Schwarzen Meer geraten Handelsschiffe zunehmend zwischen die Fronten des russischen Kriegs gegen die Ukraine. Vor der westlichen Küste, insbesondere vor Bulgarien und Rumänien, wurden mehrere Frachter mutmaßlich angegriffen. Menschen starben, Schiffe wurden beschädigt oder sanken. Für Seeleute ist das keine abstrakte Meldung, sondern eine Fahrt, bei der jederzeit etwas schiefgehen kann.

Der maritime Sicherheitsexperte Moritz Brake spricht von einer Lage, in der Risiken und Krieg inzwischen stärker prägen als ein friedlicher Schiffsverkehr. Versicherungen stufen die Gefahr für die Schifffahrt in der Region bereits seit September als erhöht ein. Steigende Prämien und die Sorge um die Besatzungen könnten dazu führen, dass Reedereien bestimmte Häfen meiden oder sie nur noch zu hohen Kosten anlaufen.

Zwei Frachter, ein Feuer und viele offene Fragen

Zwei Tage vor dem Interview mit Brake wurden in bulgarischen Gewässern zwei Handelsschiffe mutmaßlich von Drohnen angegriffen. Beide wurden beschädigt. Eines sank innerhalb weniger Minuten, seine Besatzung wird vermisst. An Bord eines der Schiffe befand sich Getreide.

Bereits am Montag war auf einem Handelsschiff vor der rumänischen Küste ein Feuer ausgebrochen. Zwei Seeleute starben, elf weitere wurden gerettet. Der Frachter sank schließlich im Schwarzen Meer, rund 30 Seemeilen – etwa 56 Kilometer – südlich von Sfântu Gheorghe in der rumänischen Wirtschaftszone. Nach Angaben der rumänischen Schifffahrtsbehörde begann daraufhin ein Rettungseinsatz; die genaue Brandursache war zunächst unklar.

Rumänische Medien vermuteten, dass eine Drohne das Schiff getroffen hatte. Eine offizielle Bestätigung der rumänischen Behörden gab es dafür nicht. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach dagegen von einem „schrecklichen Angriff“ durch zwei russische Drohnen und machte Russland für den Vorfall verantwortlich. Nach Medienberichten handelte es sich um einen türkischen Frachter, der Getreide nach Italien transportierte.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Dass ein Schiff nach einem Luftdrohnenangriff binnen Minuten sinkt, bezeichnete Brake als ungewöhnlich. Möglich seien auch eine Wasserdrohne oder eine Seemine. Ebenso denkbar sei eine möglicherweise absichtlich herbeigeführte Aktion, um die Risiken für die Handelsschifffahrt zu erhöhen. Rumänien hatte in der Vergangenheit bereits Seeminen geräumt. Ob eine Mine im aktuellen Fall beteiligt war, blieb offen.

Gefahr für eine empfindliche Lebensader

Über die Urheber der Angriffe machten weder die EU noch Rumänien oder Bulgarien offizielle Angaben. Im Schwarzen Meer kommt es im Zusammenhang mit Russlands Krieg gegen die Ukraine jedoch wiederholt zu Angriffen. Rumänien ist NATO- und EU-Mitglied und grenzt an die Ukraine.

Für die internationale Wirtschaft ist das Gebiet kein Nebenschauplatz. Mehr als 90 Prozent des weltweiten Handels und fast 80 Prozent des europäischen Außenhandels laufen über Seewege. Handelsschiffe müssen Europa auch unter Beschuss oder bei stark gestiegenen Risiken erreichen können. Wenn Häfen gemieden werden, Lieferketten ins Stocken geraten oder Transporte nur noch mit teuren Umwegen funktionieren, wird es für Firmen und am Ende auch für Verbraucherinnen und Verbraucher unangenehm.

Höhere Sicherheitskosten und Versicherungsprämien können die Preise der transportierten Waren nach oben treiben. Steigende Benzin-, Erdöl- und Gaspreise sind laut Brake bereits spürbar – unter anderem wegen der Kriege im Nahen Osten und ihrer indirekten Folgen. Eine weitere Gefährdung der Schifffahrt im Schwarzen Meer könnte deshalb die Verbraucherpreise und die europäische Konjunktur treffen. Nicht sofort an jeder Kasse, aber schleichend, in vielen Rechnungen zugleich.

Seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 beobachtet Brake deutlich mehr Angriffe im Cyberraum, auf Infrastruktur in Europa und auf Schiffe. Auch kleinere, wiederholte Gefährdungen kritischer Versorgungslinien könnten die maritime Versorgung Europas beeinträchtigen. Das ist die Sorte Problem, die lange unsichtbar bleibt – bis plötzlich etwas fehlt oder deutlich mehr kostet.

NATO soll Präsenz zeigen

Bulgarien und Rumänien befinden sich laut Brake bereits in erhöhter Alarmbereitschaft. Die NATO müsse beide Staaten stärker unterstützen, um eine mögliche Eskalation Russlands gegenüber NATO-Mitgliedern abzuwehren. Als Schutzmaßnahmen nannte Brake technische Mittel der Marine, Begleitschutz für Handelsschiffe, die Präsenz von Kriegsschiffen und Luftüberwachung. Gegebenenfalls müsse auch eine Minenräumung vorbereitet werden.

Brake betonte, solche Schritte dienten dem Selbstschutz und nicht einer Eskalation gegenüber Russland. Gerade diese Unterscheidung dürfte in einer Region wichtig sein, in der ein brennender Frachter, eine Drohne und eine Mine von außen schnell ähnlich aussehen können – und die Antworten trotzdem sehr unterschiedlich ausfallen.

Selenskyj erklärte, die Ukraine habe wiederholt Deeskalationsschritte im Schwarzen Meer vorgeschlagen. Gleichzeitig verstärkten Russland und die Ukraine nach türkischen Angaben ihre gegenseitigen Angriffe auf Schiffe. Zunächst seien Häfen und Kriegsschiffe Ziele gewesen, inzwischen würden Schiffe „ohne Unterschied“ angegriffen. Betroffen seien auch türkische Schiffe und Schiffe unter türkischer Flagge.

Ankara fordert einen Angriffsstopp

Die Türkei fordert Russland und die Ukraine nach mehreren Drohnenangriffen auf Handelsschiffe zu einem vorläufigen Stopp der Angriffe im Schwarzen Meer auf. Außenminister Hakan Fidan regte am 9. August 2026 die Einrichtung eines Mechanismus an, mit dem ein Moratorium vereinbart werden könnte. Seine Begründung: Der Konflikt habe sich auf das gesamte Schwarze Meer ausgeweitet.

Bei einem Drohnenangriff auf das Frachtschiff „Nadeschda“ wurden am Montagabend mindestens drei Seeleute schwer verletzt. Das Schiff fuhr unter der Flagge Kameruns und wurde etwa 20 Seemeilen, also 37 Kilometer, vom russischen Hafen Noworossijsk entfernt auf dem Weg nach Samsun getroffen.

Das türkische Außenministerium teilte später mit, dass in derselben Woche auch das türkische Schiff „Yasar“ angegriffen worden sei. Nähere Angaben veröffentlichte Ankara nicht. Schon am Dienstag verurteilte die Türkei die Angriffe und warnte vor einer weiteren Gefährdung der zivilen Schifffahrt. Die beteiligten Akteure müssten dringend Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit ergreifen, hieß es.

Die Türkei erklärte, sie sei zutiefst besorgt, dass sich der Krieg trotz ihrer Warnungen weiter im Schwarzen Meer ausbreite und zivile Schiffe in Mitleidenschaft ziehe. Währenddessen bleiben vor Bulgarien und Rumänien Fragen offen: Warum sank ein Schiff so schnell? Was löste den Brand aus? Und wie lange werden Reedereien noch bereit sein, diese Route zu fahren, wenn unter der Wasserlinie, über dem Deck und in den Versicherungsverträgen gleichermaßen Unsicherheit liegt?