Weltweite Studie zeigt: Menschen kooperieren häufiger, als sie denken
Heute, am 9. Oktober 2026, geht es an der Universität Bonn um eine ziemlich alte Frage: Ist sich am Ende jeder selbst der Nächste? In der neuen Folge des Hypothese-Podcasts spricht der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Armin Falk über menschliche Kooperation – und darüber, wie Menschen mit Konflikten und gemeinsamen Herausforderungen umgehen.
Im Gespräch mit Moderator Dennis Nasser geht es um das Verhältnis von Eigeninteresse und Gemeinwohl, um mögliche Unterschiede zwischen Regionen und Ländern weltweit und um die Frage, was Menschen tatsächlich füreinander tun. Falk hat dazu kürzlich gemeinsam mit einer Bonner Kollegin und zwei Frankfurter Wissenschaftlern eine weltweite Studie veröffentlicht. Die Ergebnisse fielen, wie es im Artikel heißt, überraschend aus. Verschiedene Studienbefunde und Argumente für und gegen die These werden im Podcast besprochen; am Ende steht die Prüfung, ob „Jeder ist sich selbst der Nächste“ überhaupt zutrifft.
Kooperation im Experiment
Die Studie von Forschenden der Universitäten Bonn und Frankfurt sowie der Frankfurt School of Finance wurde im Fachmagazin Science veröffentlicht. Grundlage waren Verhaltensexperimente mit mehr als 100.000 Personen aus repräsentativen Stichproben in 125 Ländern. Sie gilt als erste Untersuchung menschlicher Kooperation auf global repräsentativer Grundlage.
Für das Experiment wurden jeweils zwei zuvor unbekannte Personen zusammengebracht. Beide mussten unabhängig voneinander wählen: Entweder sie verzichteten auf Kooperation und erhielten sicher 100 US-Dollar – oder sie kooperierten und bekamen persönlich 70 US-Dollar. Entscheiden sich beide für die gemeinschaftliche Option, wurden zusätzlich 400 US-Dollar für Klimaschutzmaßnahmen gespendet.
Im Durchschnitt kooperierten 69 Prozent der Teilnehmenden. Sie nahmen also die geringere private Auszahlung in Kauf, damit eine gemeinschaftsorientierte Zahlung für Klimaschutz zustande kam. Erwartet hatten die Befragten allerdings im Schnitt nur 47 Prozent Kooperationsbereitschaft. In 124 von 125 Ländern unterschätzten die Teilnehmenden damit den Kooperationswillen ihrer Mitmenschen.
Deutschland lag mit 86 Prozent kooperierenden Personen deutlich über dem internationalen Durchschnitt von 69 Prozent. Bei der Einschätzung anderer waren die Befragten hierzulande jedoch kaum großzügiger: Die erwartete Kooperationsbereitschaft lag bei 47,6 Prozent und damit ähnlich niedrig wie im weltweiten Durchschnitt.
Das „Ich“ und das „Wir“
Die Forschenden werteten die Ergebnisse als Hinweis darauf, dass Menschen kooperativer handeln, als sie selbst annehmen. Kooperation sei eine Voraussetzung für gesellschaftliches Wohlergehen, weil viele Herausforderungen Beiträge zugunsten des Gemeinwohls erforderten. Gerade bei globalen Problemen reicht der sichere persönliche Vorteil eben nicht immer bis zur nächsten Türschwelle.
Das Spannungsverhältnis zwischen Eigeninteresse und Gemeinschaftsinteresse wird auch in der Arbeit der AG Zukunftswerte als grundlegender menschlicher Konflikt beschrieben. Es müsse immer wieder ausgehandelt werden, um das Überleben zu sichern.
Eigeninteresse, das „Ich“, meint dort die Verfolgung eigener Ziele ohne Rücksicht auf die Interessen anderer. Gemeinschaftsinteresse, das „Wir“, bezeichnet Ziele, die für eine Gemeinschaft wichtig und vorteilhaft sind – selbst dann, wenn sie dem Eigeninteresse teilweise widersprechen. Beide Interessen können dabei unterschiedliche Wertformen annehmen.
Werte sind nicht überall gleich gewichtet
Die Arbeit orientiert sich am Wertesystem von Shalom Schwartz. Er leitet Werte aus drei universellen menschlichen Erfordernissen ab: den Bedürfnissen des Menschen als biologischem Organismus, der Koordination sozialer Interaktionen sowie dem Überleben und Wohlergehen der menschlichen Gemeinschaft.
Schwartz unterscheidet insgesamt 19 Werte. In einem motivationalen Kreismodell werden sie entlang zweier Achsen dargestellt: Selbstschutz versus Selbstwachstum sowie individueller versus sozialer Fokus. Die grundlegende Wertestruktur betrachtet Schwartz als universell; empirische Studien stützen diese Annahme.
Das heißt aber nicht, dass in allen Ländern und Gruppen dasselbe oben auf der Liste steht. Zwischen einzelnen Kulturen und auch innerhalb von Kulturen gibt es Unterschiede darin, wie stark bestimmte Werte befürwortet werden. Die betreffende Teilgruppe der AG Zukunftswerte untersucht deshalb, wie diese Werte in offiziellen Dokumenten dargestellt werden, wie sie in verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen umgesetzt und ausgeprägt sind und ob zwischen solchen Gruppen überhaupt Übereinstimmung besteht.
Außerdem geht es um die Perspektive: Verändert sie die Akzeptanz von Werten? Eine Rolle spielt dabei insbesondere der Unterschied zwischen dem Propagieren bestimmter Werte und der Rezeption entsprechender Mitteilungen. Genau dort wird es schnell kompliziert – und irgendwie sehr menschlich.
