Wie Anti-Waldschutz-Botschaften unter Bolsonaro die Abholzung im Amazonas anheizten
Eine internationale Studie unter Leitung der Universität Bonn zeigt, wie politische Äußerungen mit der Abholzung im brasilianischen Amazonasgebiet zusammenhängen können. Jair Bolsonaro und mehrere seiner Minister hatten sich während Bolsonaros Präsidentschaft wiederholt gegen Waldschutz ausgesprochen. Gleichzeitig wurden die brasilianischen Umweltbehörden in seiner Amtszeit stark geschwächt.
Für die Untersuchung werteten die Forschenden Entwaldungswarnungen der Initiative „MapBiomas Alerta“ für ganz Brasilien aus. Dazu kamen mehr als 3.600 Twitter-Beiträge aus dem Jahr 2019 von Bolsonaro sowie den Ministern für Landwirtschaft, Umwelt und Auswärtige Angelegenheiten. 38 dieser Beiträge signalisierten nach Einschätzung des Teams ein geringeres Risiko, für Verstöße gegen Umweltgesetze bestraft zu werden.
Politische Botschaften, reale Folgen
Die mögliche Reichweite der Twitter-Botschaften schätzten die Forschenden für 578 Gemeinden im Amazonasgebiet. Als Grundlage diente die Zahl waldbezogener Tweets, die Bürgerinnen und Bürger dort zwischen 2015 und 2018 veröffentlicht hatten. Dahinter steht die Annahme, dass politische Botschaften nicht auf den Bildschirm beschränkt bleiben, sondern über soziale Netzwerke, Mundpropaganda und Medien weitergetragen werden.
Das Muster war deutlich: In Regionen mit hoher möglicher Reichweite nahm die Abholzung in jenen Monaten spürbar zu, in denen Anti-Waldschutz-Botschaften veröffentlicht wurden. Ein vergleichbarer Zusammenhang zeigte sich auch bei anderen Medienformen, darunter Fernsehberichte. Die Äußerungen veränderten laut Analyse weder die Zahl kommunaler Umweltstrafen noch bereits bestehende Abholzungsverbote.
Den Effekt führen die Forschenden deshalb auf veränderte Erwartungen zurück. Menschen könnten damit gerechnet haben, bei Gesetzesverstößen weniger wahrscheinlich belangt zu werden. Der Zusammenhang fiel stärker aus, wenn in den Kommunen hohe landwirtschaftliche Gewinne möglich waren oder wenn Naturschutzpolitik die Abholzung zuvor eingeschränkt hatte. In Gemeinden mit besonders hoher Unterstützung für Bolsonaro war der Effekt hingegen nicht stärker als anderswo.
Für 2019 schätzen die Forschenden, dass im Zusammenhang mit den Äußerungen der Bolsonaro-Regierung zwischen 190 und 1.700 Quadratkilometer Wald zerstört wurden. Die obere Schätzung entspricht fast der doppelten Fläche Berlins – eine Zahl, die beim Lesen erst einmal im Bauch hängen bleibt.
Ein Blick auf die Zeit danach
Unter Bolsonaros Vorgänger Jair Bolsonaro hatten Abholzung und Brandrodung stark zugenommen. Bolsonaro schwächte unter anderem die Umweltkontrollen und betrachtete die Amazonasregion vor allem als ungenutztes wirtschaftliches Potenzial.
Inzwischen gibt es allerdings auch eine andere Entwicklung: Die Abholzung im brasilianischen Amazonasgebiet ist auf den niedrigsten Stand seit zehn Jahren gesunken. Zwischen August 2025 und Juli 2026 wurden nach Angaben des Nationalen Instituts für Weltraumforschung etwa 2.874 Quadratkilometer Regenwald abgeholzt – rund 36 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.
Präsident Luiz Inácio Lula da Silva bezeichnete die Entwicklung als „fantastisch“. Seit seinem Amtsantritt Anfang 2023 legt Lula wieder größeren Wert auf Umwelt- und Klimaschutz. Bis 2030 soll die Abholzung im Amazonasgebiet vollständig beendet werden.
Auch die Waldbrände gingen zurück. Nach Angaben der Initiative MapBiomas waren im vergangenen Jahr rund 3,1 Millionen Hektar betroffen. Damit war die Fläche etwa 80 Prozent kleiner als im Vorjahr und so gering wie seit Beginn der Aufzeichnungen 1983 nicht mehr.
An der Studie waren neben der Universität Bonn die University of Texas at Dallas und die Wageningen University beteiligt. Finanziert wurde sie unter anderem durch das Bonn-SDG-Fellowship-Programm, das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und das EU-Programm „Horizon“.
Veröffentlicht wurde die Untersuchung von Gustavo Magalhães de Oliveira, Elías Cisneros, Jorge Sellare und Jan Börner unter dem Titel „Anti-Environmental Signals and Deforestation: Evidence from Brazil“ im The Journal of Politics, DOI: 10.1086/744065.
