Heute, am 23. Oktober 2026, wirkt Paris noch immer wie eine Stadt, die schlecht geschlafen hat: Müll auf den Straßen, eingeschlagene Schaufenster, Aufräumarbeiten. Zuvor war es in mehreren französischen Städten zu schweren Krawallen mit Verletzten und Plünderungen gekommen. Für das kommende Wochenende planen verschiedene Gruppen bereits neue Proteste; die für Donnerstag angekündigten Demonstrationen haben die Behörden verboten.

Begonnen hatten die Proteste mit Schülerinnen und Schülern, die auf Missstände im Bildungsbereich aufmerksam machen wollten. Inzwischen sind weitere Bevölkerungsgruppen dazugekommen. Es geht auch um hohe Lebenshaltungskosten und Spritpreise. In sozialen Netzwerken wird für den 31. Oktober zu Aktionen in Deutschland, unter anderem in Bremen, aufgerufen. Eine offizielle Anmeldung lag der Bremer Innenbehörde am 23. Oktober noch nicht vor.

„Man weiß nie, ob Unterricht stattfindet“

Bremer Austauschstudierende erleben die Lage in Paris aus nächster Nähe. Der Maschinenbaustudent Lars-Ferdinand Krickow beobachtete die Proteste am vergangenen Wochenende während einer Bootstour auf der Seine. Rauchschwaden zogen durch die Stadt, dazu Gestank, eingeschlagene Fensterscheiben und abgebrannte Autos. Und daneben: Touristinnen und Touristen, die weiter fotografierten und Selfies machten. Ein ziemlich schräger Kontrast.

Die Politikwissenschaftsstudentin Hannah Ha Minh nahm eine veränderte Stimmung wahr. Die Menschen wirkten weniger lebensfroh als noch vor einem Monat. Sie beobachtet einen gesellschaftlichen Umbruch. Beide können die Forderung nach besserer Bildungsfinanzierung nachvollziehen. Krickow kritisiert fehlende finanzielle Mittel, Ha Minh sieht an ihrer Universität Verbesserungsbedarf bei Gebäuden, Ausstattung und Personal.

Der Studienalltag leidet vor allem unter Blockaden. An Ha Minhs Universität wird bereits seit Mitte September demonstriert. Wiederholt angekündigte Sperren sorgen für Unsicherheit: Findet die Lehrveranstaltung statt oder nicht? Trotz Sachbeschädigungen und Zerstörungen fühlen sich beide Bremer Studierenden sicher genug, ihr Auslandssemester fortzusetzen. Krickow bewegt sich vorsichtiger durch Paris, achtet stärker darauf, welche Orte er zu welchen Zeiten aufsucht. Überall besonders gefährlich empfindet er die Stadt aber nicht.

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Von den Gelbwesten bis zu den Schulen

Der Konflikt erinnert an die Gelbwestenbewegung, die im November 2018 begann. Anlass waren geplante zusätzliche Treibstoffabgaben ab Januar 2019: sieben Cent je Liter Diesel und drei Cent je Liter Benzin. Bereits 2018 waren die Kraftstoffpreise um 18 Prozent gestiegen. Zu den Initiatoren und Sprechern gehörten Priscillia Ludosky, Éric Drouet, Jacline Mouraud und Ingrid Levavasseur. Ludosky veröffentlichte im Mai eine Online-Petition gegen die Abgabenerhöhung.

Die Bewegung organisierte sich vor allem über soziale Medien und war nahezu landesweit verteilt. Später veröffentlichte sie mehr als 40 Forderungen: einen höheren Mindestlohn und höhere Renten, die Wiedereinführung der abgeschafften Vermögenssteuer, Maßnahmen gegen Steuerflucht, Unterstützung des Einzelhandels und mehr direkte Demokratie. Zentral war ein Bürger- oder Volksinitiativen-Referendum nach Schweizer Vorbild, mit dem Gesetze ohne parlamentarischen Weg angestoßen werden könnten.

Am 17. November 2018 wurden etwa 2.000 Straßensperren eingerichtet; nach damaligen Angaben beteiligten sich rund 300.000 Menschen. Das französische Innenministerium nannte 288.000 Teilnehmer. Danach sanken die Zahlen zunächst: 166.000 am 24. November, 136.000 am 1. Dezember, 126.000 am 8. Dezember, 66.000 am 15. Dezember, 39.000 am 22. Dezember, 32.000 am 5. Januar 2019, 50.000 am 12. Januar, 84.000 am 19. Januar, 69.000 am 26. Januar, 58.600 am 3. Februar, 51.400 am 9. Februar, 41.500 am 16. Februar, 46.600 am 23. Februar, 39.300 am 2. März, 28.600 am 9. März, 32.300 am 16. März, 40.500 am 23. März, 33.700 am 30. März, 22.300 am 6. April, 31.000 am 13. April, 27.900 am 20. April, 23.600 am 27. April, 164.400 am 1. Mai, 18.900 am 3. Mai, 18.600 am 10. Mai, 15.500 am 18. Mai, 12.500 am 25. Mai, 9.500 am 1. Juni, 10.300 am 8. Juni, 7.000 am 15. Juni, 11.800 am 22. Juni und 5.800 am 29. Juni.

In Paris wollten Demonstranten zum Élysée-Palast vordringen. Am 24. November beteiligten sich landesweit etwa 106.000 Menschen, rund 8.000 davon in Paris und etwa 5.000 auf den Champs-Élysées. Straßen wurden blockiert, es kam zu Brandstiftungen. Der 1. Dezember brachte bis dahin die gewaltsamsten Auseinandersetzungen mit der Polizei: Fahrzeuge brannten, Geschäfte und Bankfilialen wurden geplündert. Rund 5.500 Menschen versammelten sich auf den Champs-Élysées, etwa 5.000 Polizisten waren dort im Einsatz.

Am 3. Dezember waren mehr als 100 Gymnasien teilweise blockiert. Schülerinnen und Schüler protestierten gegen die geplante Reform des Abiturs und der Gymnasien. Mehrere hundert Krankenwagenfahrer blockierten gemeinsam mit Taxifahrern die Place de la Concorde. Am 4. Dezember kündigte die Regierung an, die geplante Erhöhung der Benzin- und Dieselsteuern zunächst nicht zum 1. Januar umzusetzen.

Am 8. Dezember demonstrierten laut Innenministerium etwa 125.000 Menschen. Rund 120.000 Polizisten waren im Einsatz, mehr als 700 Menschen wurden festgenommen, davon 575 in Paris. Der Eiffelturm, der Louvre und zahlreiche Geschäfte blieben wegen erwarteter Ausschreitungen geschlossen. Eine Woche später zählte das Ministerium landesweit 66.000 Teilnehmer, davon 4.000 in Paris; 69.000 Ordnungskräfte waren im Einsatz, in Paris wurden 168 Personen festgenommen. Innenminister Christophe Castaner forderte die Räumung dauerhaft besetzter Kreisverkehre.

Trotz deutlich geringerer Beteiligung gingen am 22. Dezember rund 33.600 Menschen auf die Straße. Éric Drouet wurde wegen des Mitführens eines Knüppels und der Organisation einer unangemeldeten Demonstration kurzzeitig festgesetzt, am 2. Januar erneut. Am 29. Dezember protestierten etwa 800 Gelbwesten in Paris vor BFM TV und France Télévisions; auch in mehreren Städten der Provinz gab es Aktionen.

Gewalt, Gegenproteste und politische Antworten

Die anfangs unangemeldeten Samstagsdemonstrationen wurden wiederholt von Gewalt begleitet. Als Faktoren galten die fehlende zentrale Leitung und die Beteiligung extremistischer Gruppen, darunter Mitglieder des Black Bloc. Anfang Dezember wurden im Arc de Triomphe eine Marianne-Plastik und weiteres Inventar schwer beschädigt; auch das Grabmal des unbekannten Soldaten war gefährdet. Sicherheitsbarrieren am Élysée-Palast wurden mehrfach angegriffen.

In Angers wurde am 23. November ein 45-jähriger Mann festgenommen, der sich eine Sprengstoffvorrichtung um den Hals gebunden hatte, um ein Gespräch mit Macron zu erzwingen. Später ergab er sich der Polizei. Am 5. Januar drangen Anhänger mit einem Gabelstapler in das Pariser Gebäude des Regierungssprechers Benjamin Griveaux ein. In Dijon wurde eine Polizeikaserne angegriffen, sieben Gendarmen wurden verletzt, zwei davon schwer. Am 9. Februar kam es in Lyon zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen rechts- und linksgerichteten Gelbwesten.

Reporter ohne Grenzen berichtete über gewalttätige Übergriffe auf Medienschaffende. Barrikaden, Fahrzeuge, Geschäfte und Kioske wurden wiederholt angezündet. Anfang Dezember brannte die Polizeipräfektur von Puy-en-Velay; im März 2019 wurde ein siebenstöckiges Wohnhaus mit einer Bankfiliale im Erdgeschoss in Brand gesetzt. Antisemitische Plakate, Graffiti, Parolen und Gesten wurden festgestellt. Am 16. Februar wurde Alain Finkielkraut antisemitisch beschimpft und von