Smart Cane: Wie KI blinde und sehbehinderte Menschen unterstützen kann
Am Dienstag, 27. Oktober 2026, wird es im U1 des Kaufhauses KARL in Fulda um 18:30 Uhr um eine Frage gehen, die ziemlich nah am Alltag liegt: Was kann künstliche Intelligenz für blinde und sehbehinderte Menschen leisten – und wo wird sie womöglich selbst zum Problem? Der Live-Podcast „Digital Health Talks“ nimmt dafür den „Smart Cane“ in den Blick, einen intelligenten Langstock, an dessen Entwicklung Forschende verschiedener Fachgebiete der Hochschule Fulda beteiligt sind.
Auf dem Podium sitzen Rasmus Cloes, Leiter Transfer und Kommunikation sowie Pressesprecher des Leibniz-Instituts für Präventionsforschung und Epidemiologie – BIPS, Dr. Monika Wiechers, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Fulda, Lea Widmer, Vorsitzende des Beirats der Menschen mit Behinderungen in Fulda und selbst stark sehbehindert, sowie Prof. Dr. Martin Kumm, Professor für Embedded Systems an der Hochschule Fulda. Es geht um mögliche Vorteile im täglichen Leben, zusätzliche Komplikationen, Entwicklungsprozesse, Hürden und Lösungen – und ausdrücklich um die Perspektive der Menschen, die solche Hilfsmittel später nutzen sollen.
Ein Langstock als Gemeinschaftsprojekt
Im Mittelpunkt steht das Projekt „Smart Cane“ des DFG-Forschungsimpulses „ePart“. Der Forschungsimpuls verfolgt einen inter- und transdisziplinären Ansatz. Beteiligt sind fünf von acht Fachbereichen der Hochschule Fulda sowie die Universität Potsdam. Gesundheits- und Sozialwissenschaften treffen dabei auf Elektrotechnik, Politikwissenschaft, Angewandte Linguistik und Informatik. Ein ziemlich breites Team also – und kein Thema, das sich mit einer einzelnen technischen Lösung erledigen ließe.
ePart untersucht, wie digitale Partizipation Veränderungen in den Bereichen Gesundheit, Energie, Mobilität und Bildung unterstützen kann. Dabei verbindet das Projekt technologische, gesellschaftliche, kommunikative und individuelle Perspektiven. Untersucht werden unter anderem politische Beteiligung und technologische Innovation, soziotechnische Bedingungen digitaler Partizipation, motivationale Faktoren, kommunikative Prozesse sowie die Bedingungen, die Beteiligung ermöglichen oder verhindern.
Wissenschaft und Gesellschaft sollen dabei nicht fein säuberlich getrennt nebeneinanderstehen. ePart versteht sich als offenes Forschungsprojekt: Bürgerinnen und Bürger, zivilgesellschaftliche Organisationen und regionale Institutionen werden aktiv einbezogen. Ihre Beteiligung reicht von der Entwicklung der Forschungsfragen über die Erprobung konkreter Lösungen bis zu deren Evaluation. Gerade beim Smart Cane dürfte das entscheidend sein. Ein Gerät kann technisch klug wirken und im echten Leben trotzdem an einer Kleinigkeit scheitern.
Zwischen Sprachausgabe und Fehlalarm
KI kann große Datenmengen auswerten und Objekte, Personen oder Situationen beschreiben. Die Informationen lassen sich etwa als Text oder per Sprachausgabe ausgeben. Für blinde und sehbehinderte Menschen kann das beim Erfassen der Umgebung helfen, passende Handlungshinweise liefern und den Zugang zu Informationen in Ausbildung und Beruf erleichtern. Auch produktives Arbeiten kann unterstützt werden.
Tragbare Assistenzsysteme und KI als Bedienoberfläche elektronischer Geräte machen dialogbasierte Interaktionen zunehmend möglich. Technik könnte dadurch einfacher, intuitiver und zugänglicher werden – beim Unterwegssein, im Beruf oder bei der Haushaltsführung. Künftig könnten agentische KI-Systeme nach Vorgaben der Nutzenden sogar ganze Arbeitsabläufe selbstständig organisieren und ausführen. Dafür müssten sie allerdings zuverlässig und sicher arbeiten. Ein selbstbewusst vorgetragener Irrtum hilft niemandem über die Straße.
Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband, DBSV, verweist deshalb auf konkrete Risiken: KI-generierte Informationen können fehlerhaft oder unzuverlässig sein, bestehende Vorurteile verstärken und sensible personenbezogene Daten unzureichend schützen. Systeme müssen Unsicherheiten und fehlende Informationen erkennen und kenntlich machen. Auch Schutz gegen Manipulationen, etwa durch Prompt Injections, ist nötig. Bei assistiven Anwendungen können sogenannte Halluzinationen – also erfundene oder falsche Ausgaben – schwerwiegende Folgen haben.
Barrierefreiheit darf kein Zusatzmenü sein
Der DBSV fordert Politik und Industrie auf, Barrierefreiheit, Inklusion und gleichberechtigte Teilhabe zu zentralen Prinzipien bei der Entwicklung und Einführung von KI zu machen. Menschen mit Behinderungen sollen verbindlich in Entwicklungsprozesse einbezogen werden. KI-Systeme und KI-gestützte Hilfsmittel müssen sicher und verlässlich funktionieren und die Rechte der Nutzenden wahren.
KI-Anwendungen sollen ohne zusätzlichen Aufwand barrierefrei und nutzungsfreundlich sein und den einschlägigen Normen digitaler Barrierefreiheit entsprechen. Gefördert werden sollen Lösungen, die bestehende Barrieren abbauen oder neue verhindern. Ungeprüfte öffentliche KI-Inhalte und Deepfakes müssten außerdem barrierefrei als solche erkennbar sein.
Auch Diskriminierung bleibt ein heikler Punkt. KI-Modelle können gesellschaftliche Vorurteile und Stereotype reproduzieren. Technische Maßnahmen und rechtliche Vorgaben sollen verhindern, dass KI Ableismus oder andere Diskriminierungsformen verstärkt. Automatisierte Entscheidungen dürfen niemanden benachteiligen. Unabhängige Stellen sollen den KI-Einsatz überwachen und Verstöße sanktionieren; für die Durchsetzung der Regeln fordert der DBSV ein Verbandsklagerecht.
Dann ist da noch der Datenschutz. KI-Chatbots erzeugen personenbezogene Daten in großem Umfang. Smarte Brillen, smarte Langstöcke und Apps zur Umgebungs- oder Bilderbeschreibung können den Alltag auch in sensiblen Situationen digital abbilden. Personenbezogene Daten sollen möglichst lokal verarbeitet werden. Für Cloud-Dienste verlangt der DBSV klare Datenschutz- und Löschregeln. Mehr Teilhabe darf nicht mit der Preisgabe sensibler Daten erkauft werden; die Datensicherheit muss jederzeit gewährleistet sein.
Arbeit, Zugang und die Kostenfrage
KI könnte den Arbeitsmarkt stark verändern und bestimmte Tätigkeiten verdrängen. Blinde und sehbehinderte Menschen sind wegen ihres überproportionalen Anteils an digitalen Arbeitsplätzen besonders betroffen. Ihre ohnehin schlechteren Arbeitsmarktchancen dürfen sich nicht weiter verschärfen. In Ausbildung und Beruf müssen deshalb Kompetenzen für KI-gestützte Lern- und Unterstützungssysteme vermittelt werden.
Gefordert ist außerdem Forschung zu den Auswirkungen von KI auf die Beschäftigungsmöglichkeiten blinder und sehbehinderter Menschen. Daraus sollen angepasste Berufsperspektiven entstehen. Hochschulen sowie spezialisierte Berufsbildungs- und Berufsförderungswerke brauchen dafür ausreichende finanzielle und strukturelle Ressourcen.
Der DBSV will KI-Kompetenzen gezielt auch für blinde und sehbehinderte Menschen fördern. Finanzielle Gründe dürfen den Zugang zu KI-gestützten Hilfsmitteln nicht verhindern. Technische und regulatorische Maßnahmen sollen Missbrauch verhindern, etwa heimliches Filmen mit Smart Glasses. KI-Technologien sollen gesellschaftlich akzeptabel und für blinde und sehbehinderte Menschen umfassend nutzbar bleiben.
Die Position verabschiedete der DBSV beim Verbandstag am 25. Juni 2026 in Berlin. Sie passt direkt zu den Fragen, die in Fulda auf den Tisch kommen: Wie sieht ein Hilfsmittel aus, das nicht nur funktioniert, sondern auch sicher, bezahlbar und im Alltag wirklich brauchbar ist? Und wer entscheidet, welche Antwort genügt?
Die Veranstaltung gehört zur Reihe „Digital Health Talks – Der Live-Podcast zur Gesundheit der Zukunft“. Sie wird im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2026 „Medizin der Zukunft“ vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert. Organisiert wird sie von der Universität Bremen in Kooperation mit dem BIPS und der Hochschule Fulda. Im Anschluss ist ein gemeinsamer Imbiss vorgesehen – vermutlich der angenehm unkomplizierte Teil des Abends.
Der Eintritt ist frei, der Veranstaltungsort barrierefrei. Eine Anmeldung wird erbeten: https://nc.uni-bremen.de/index.php/apps/forms/s/p9jf5fyWrddRqZwmkRHbjJgL
