CampusSegen und DZPG: Psychische Gesundheit Studierender zwischen Beratung und Forschung
Am Uni-Center nahe der zentralen U-Bahn-Station der Ruhr-Universität Bochum ist psychologische Beratung ohne Rechnung möglich. CampusSegen hilft Studierenden kostenlos – und zwar nicht nur denen der Ruhr-Universität, sondern allen Studierenden an Hochschulen im Bereich des Bistums Essen. Das Angebot ist unabhängig von Religion, Weltanschauung, Geschlecht und Herkunft.
Annette Stolarski, 37 Jahre alt und psychologische Beraterin, arbeitet seit zwei Jahren bei CampusSegen. Montags und donnerstags ist sie dort von 9 bis 17 Uhr erreichbar. An den übrigen Tagen leitet sie die Ehe-, Familien- und Lebensberatung der Caritas in Bochum. Für ein Erstgespräch bei CampusSegen vergehen häufig zwei bis drei Wochen; in der Caritas-Beratung warten Ratsuchende dagegen oft acht bis zehn Monate.
Wenn der neue Lebensabschnitt schwer wird
Prüfungsangst gehört zu den häufigen Gründen, weshalb Studierende anklopfen. Dazu kommen Einsamkeit am neuen Studienort, Zukunfts- und Veränderungsängste, Beziehungsprobleme sowie Schwierigkeiten, Haushalt, Studium und Finanzen unter einen Hut zu bekommen. Auch Probleme mit Drogen oder Alkohol spielen eine Rolle.
Der Studienbeginn sei oft der Übergang in einen neuen Lebensabschnitt, sagt Stolarski: weg vom Elternhaus, hinein in ein Leben, das plötzlich selbst organisiert werden muss. Stundenplan, Wäsche, Geld, Lernen – alles gleichzeitig, und der Kopf läuft ohnehin schon heiß. Derzeit betreut sie rund 30 Studierende.
Einige fahren bewusst von anderen Hochschulen nach Bochum, um Abstand zur eigenen Hochschule zu haben. Das Beratungszimmer liegt mitten im studentischen Umfeld, aber eben nicht direkt im eigenen Fachbereich. In den Gesprächen geht es zunächst darum, die eigentlichen Ursachen der Belastung herauszuarbeiten. Hinter vermeintlichen Studienproblemen können Zukunftsängste, Veränderungen im Leben oder Erwartungen anderer stecken.
Gedanken auszusprechen und zu sortieren, kann dabei helfen, wieder eigene Kräfte zu mobilisieren und selbstständig Entscheidungen zu treffen. Die Zahl der Anfragen bei CampusSegen nimmt zu. Als zusätzliche Belastungen werden die Corona-Pandemie, der Klimawandel, Kriege und Konflikte sowie soziale Medien genannt. Idealisierten Darstellungen von Influencern können Studierende laut Stolarski ansehen und dabei den Eindruck bekommen, mit dem eigenen Leben stimme etwas nicht.
Beratung ist keine Therapie
Seit mehr als 40 Jahren gibt es das Angebot. Getragen wird es von der katholischen Hochschulseelsorge in Kooperation mit dem Caritasverband Ruhr-Mitte. CampusSegen hat Standorte in Bochum und Essen, bietet Beratungen und Gottesdienste an und ist außerdem an weiteren Hochschulstandorten, online und auf Instagram aktiv.
Die Gespräche unterliegen der Schweigepflicht. Die Beratung findet ausschließlich auf Deutsch statt, wird aber auch von Studierenden mit begrenzten Deutschkenntnissen genutzt. Ein Termin kann per E-Mail an annette@campussegen.de vereinbart werden.
Stolarski macht zugleich keinen Hehl daraus, wo die Grenzen liegen: Fehlende Therapieplätze verschärfen die Lage. Viele Wartelisten sind geschlossen, eine anschließende Psychotherapie deshalb oft nicht absehbar. Psychologische Beratung kann diesen Mangel nicht ausgleichen. In akuten Notfällen verweist sie an eine Klinik.
Für den Alltag empfiehlt die Beraterin, regelmäßig zu prüfen, wie es einem geht und was gerade gebraucht wird. Ausreichend essen, trinken und schlafen klingt banal, ist im Prüfungsstress aber schnell vergessen. Zeit mit Freunden und wichtigen Bezugspersonen hilft ebenso wie ein offenes Gespräch oder das Aufschreiben von Gedanken. Wenn die Überlastung zu groß wird, kommen auch Telefonseelsorge oder Chatberatung infrage. Stolarski wünscht sich mehr Beratungspersonal und politische Rahmenbedingungen für ausreichend verfügbare Psychotherapieplätze.
Forschung mit Blick auf ganz Deutschland
Wie verbreitet psychische Belastungen unter Studierenden sind, untersucht seit 2026 ein neuer Forschungsverbund des Deutschen Zentrums für Psychische Gesundheit (DZPG) unter Leitung der Universitätsmedizin Halle. Das Vorhaben soll Risiken früh erkennen, bestehende Unterstützungsprogramme anpassen und die psychische Widerstandsfähigkeit, also Resilienz, stärken.
In Deutschland studieren fast drei Millionen Menschen, mehr als die Hälfte davon an Universitäten. Bisherige Daten deuten darauf hin, dass in einzelnen Fachbereichen etwa ein Viertel der Studierenden depressive Symptome aufweist und rund ein Drittel von Angststörungen betroffen ist. Nach Einschätzung der Forschenden nehmen psychische Belastungen seit Jahren zu. Das kann Studienerfolg, Wohlbefinden und die Funktionsfähigkeit des Hochschulsystems beeinträchtigen.
Eine umfassende Übersicht für den deutschen Bildungssektor fehlt bislang. Frühere Untersuchungen waren oft schwer vergleichbar, nicht aktuell oder auf bestimmte Fachgruppen beschränkt. Koordiniert wird der Verbund von Prof. Oliver Tüscher und Prof. Stefan Watzke von der Universitätsmedizin Halle.
Zum Start werden internationale Studien systematisch ausgewertet und mit Versorgungsdaten gesetzlicher Krankenversicherungen sowie Daten des Deutschen Jugendinstituts verknüpft. Zusätzlich geht es um die Frage, welche Rolle Sport bei der Verringerung von Stress und Ängsten spielt. Die erhobenen Daten und die daraus entwickelten Maßnahmen sollen später auch Schülerinnen und Schülern sowie Auszubildenden zugutekommen – mit dem Ziel, Ausbildungsabbrüche zu verringern und junge Menschen besser auf die Arbeitswelt vorzubereiten.
Eine bundesweite Erhebung soll zeigen, wie sich die psychische Gesundheit von Studierenden im Zeitverlauf verändert. Beteiligt sind Studierende aus Berlin, München, Halle (Saale), Jena, Mainz, Braunschweig und Mannheim; die Befragungen finden zu verschiedenen Zeitpunkten im Studienjahresverlauf statt. Über die Online-Studienplattform „DigiHero“ werden außerdem Teilnehmende aus ganz Deutschland gewonnen. So sollen regionale Besonderheiten ebenso sichtbar werden wie ein bundesweiter Überblick.
Im Mittelpunkt stehen sogenannte „Red Flags“, also Warnzeichen für eine Verschlechterung der psychischen Gesundheit. In die Analysen fließen psychologische Daten, biologische und neurobiologische Marker sowie Angaben zur mentalen Gesundheitskompetenz ein. Gemeint ist damit die Fähigkeit, die eigene psychische Gesundheit einzuschätzen und bewusst mit ihr umzugehen.
Der Forschungsverbund umfasst 13 Teilvorhaben und arbeitet mit Studierendenvertretungen sowie dem Trialogischen Zentrumsrat des DZPG zusammen. In diesem Rat sind Betroffene, Angehörige und Forschende aus den DZPG-Standorten vertreten. Beteiligt sind Einrichtungen unter anderem aus Halle, Mainz, Braunschweig, Dortmund, München, Berlin, Jena und Mannheim sowie das Deutsche Jugendinstitut.
Das Vorhaben wurde zum 1. Januar 2026 bewilligt, der Projektstart ist für den 1. März 2026 vorgesehen. Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) fördert den Verbund mit rund 730.000 Euro, die Förderung läuft bis Mitte 2028.
Bis Forschungsergebnisse im Beratungsalltag ankommen, bleibt CampusSegen eine konkrete Anlaufstelle zwischen U-Bahn, Hörsaal und dem ganz normalen Durcheinander des Studierendenlebens. Ein Gespräch, ein Termin, manchmal erst einmal ein Satz, der überhaupt herauskommt.
