Am 3. Oktober 2026, dem Tag der Deutschen Einheit, richten sich viele Blicke auf die politische Landkarte: Die AfD ist in Ostdeutschland deutlich stärker als im Westen und kann dort zur stärksten politischen Kraft werden. In Mecklenburg-Vorpommern kommt sie laut Juli-Ländertrend auf 36 Prozent, die CDU auf neun. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD ebenfalls vor der CDU. An der Universität Duisburg-Essen ordnet der Politikwissenschaftler Achim Goerres diese Entwicklung ein.

Goerres, Professor für empirische Politikwissenschaft, sieht hinter dem Aufstieg rechter Parteien mehr als einen kurzfristigen Ausschlag. Viele Wählerinnen und Wähler fühlten sich politisch nicht gehört. Dazu kommen Abstiegsängste und das Gefühl, dass sich die eigene Lebenssituation verschlechtert. Rechte Parteien greifen diese Stimmung mit Kultur- und Identitätsthemen auf, vor allem mit Migration.

Warum die AfD im Osten so stark ist

In Mecklenburg-Vorpommern stieg die SPD zuletzt von 27 auf 29 Prozent. Die AfD blieb mit 36 Prozent vorn, während die CDU auf ihren niedrigsten gemessenen Wert fiel: von 19 Prozent im Jahr 2024 auf neun Prozent im Jahr 2026. 2022 hatte die AfD dort noch 19 Prozent erreicht. Der Artikel wertet diese Entwicklung als Neuordnung des Parteiensystems.

Ein wichtiger Faktor ist die dauerhafte Erosion traditioneller Parteibindungen. In Westdeutschland halten CDU-, SPD- oder FDP-Bindungen teilweise über Generationen. Solche langfristigen Parteimilieus entwickelten sich in Ostdeutschland nach 1990 deutlich schwächer. Wechselwählen ist dort historisch verbreiteter.

Die Wiedervereinigung war für viele Ostdeutsche ein umfassender Systemwechsel. Betriebe verschwanden, Berufe verloren an Wert, Eigentumsstrukturen veränderten sich und Verwaltungen wurden neu aufgebaut. Viele Menschen mussten ihre berufliche und persönliche Zukunft neu organisieren. Der Deutschland-Monitor 2025 stellt einen Zusammenhang zwischen solchen früher negativ erlebten Umbrüchen und größerer Skepsis gegenüber neuen Veränderungen her.

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Migration, Energiewende, Digitalisierung und wirtschaftlicher Strukturwandel werden demnach auch vor dem Hintergrund früherer biografischer Erfahrungen bewertet. Besonders strukturschwache ostdeutsche Regionen weisen höhere Veränderungsskepsis, geringere Demokratiezufriedenheit, weniger Vertrauen in Institutionen und ein niedrigeres Gefühl politischer Einflussmöglichkeiten auf.

Der Gegensatz verläuft allerdings nicht einfach zwischen Ost und West. Strukturstarke Regionen in Ost- und Westdeutschland ähneln sich stärker. Problematisch ist vor allem die Kombination aus wirtschaftlicher Schwäche, Bevölkerungsverlust und geringer politischer Selbstwirksamkeit. Wirtschaftskraft und Finanzkraft der ostdeutschen Länder liegen laut DIW weiterhin unter dem Durchschnitt, auch wenn sich der Abstand zu schwächeren westdeutschen Ländern verringert hat.

Beim Vermögensaufbau wirken die unterschiedlichen Geschichten ebenfalls nach. Westdeutsche Familien konnten über längere Zeit Eigentum, Unternehmen und Kapital aufbauen und vererben. Diese Kontinuität war in der DDR deutlich geringer. Auf den höchsten Leitungsebenen der Bundesbehörden sind Ostdeutsche weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Da kann schon der Eindruck entstehen, dass über ostdeutsche Regionen vor allem Menschen entscheiden, die nicht aus diesen Regionen stammen.

Alltagserfahrungen und politische Distanz

Die AfD greift Themen auf, die in Teilen Ostdeutschlands mobilisieren: Migration, soziale Sicherheit, Energiepolitik, Kritik an politischen Institutionen und die mangelnde Berücksichtigung regionaler Lebensrealitäten. Untersuchungen der Bundeszentrale für politische Bildung zeigen, dass AfD-Wähler Sorgen über Migration häufig mit Fragen sozialer Gerechtigkeit, Verteilung, Staat, Sicherheit und Fairness verbinden.

Die Erklärung als bloße Protestwahl reicht deshalb nicht mehr aus. Ein Teil der Wähler unterstützt die AfD dauerhaft und aus ideologischer Nähe. Mehr als ein Drittel Zustimmung lässt sich nicht ausschließlich als spontaner Denkzettel erklären. Radikale Parteipositionen können dabei neben realen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Gründen für eine Wahlentscheidung bestehen.

Westdeutsche unterschätzen laut dem Artikel häufig, dass die Bundesrepublik für viele Ostdeutsche mit Arbeitsplatzverlust, Abwanderung, Privatisierung und gesellschaftlicher Neuordnung verbunden war, während sie im Westen überwiegend für Stabilität stand. Dazu kommen konkrete Erfahrungen: Krankenhausschließungen, zusammengelegte Schulen oder ein schlechterer Nahverkehr können das Vertrauen in staatliche Leistungsfähigkeit empfindlich ankratzen.

Auch politische Debatten, soziale Netzwerke und Medienmilieus werden zunehmend von großstädtischen Perspektiven geprägt. Wer seine Alltagssorgen darin nicht wiederfindet, zieht sich leichter zurück. Die AfD nutzt diese Distanz und stellt sich als Gegenpol zum politischen Establishment dar.

Der Osten ist dabei keineswegs ein einheitlicher Block. Berlin unterscheidet sich von ländlichen Regionen Brandenburgs, Leipzig von Teilen der Lausitz, Universitätsstädte von schrumpfenden ländlichen Regionen. Der zentrale Gegensatz verläuft laut dem Artikel zunehmend zwischen Wachstums- und Verlustregionen sowie zwischen Menschen mit hoher und niedriger politischer Selbstwirksamkeit.

Die Bühne der sozialen Netzwerke

Konfliktträchtige Themen erhalten in sozialen Netzwerken durch Algorithmen besonders viel Aufmerksamkeit. Rechte Parteien profitieren zusätzlich davon, dass Medien häufig über Streit und Tabubrüche berichten. Ihre Botschaften lassen sich mit einfachen Aussagen, dramatischer Musik und KI-generierten Bildern rasch in kurze Videos verwandeln.

Rechte Parteien verfügen inzwischen über eigene digitale Öffentlichkeiten und reichweitenstarke Influencer. Mit wenigen Anleitern können viele Influencer geschult werden, die Botschaften anschließend massenhaft verbreiten. Für etablierte Parteien ist eine seriöse Antwort darauf schwierig: Die meisten politischen Probleme sind komplizierter als ein Satz, ein Beat und ein künstlich erzeugtes Bild.

Früher nutzten Menschen stärker ähnliche Informationsquellen, etwa die Tagesschau sowie eine begrenzte Zahl von Zeitungen und Magazinen. Demokratie wurde vor allem mit freien Wahlen und Meinungsfreiheit verbunden. Heute bewerten viele Menschen Demokratie stärker danach, welchen konkreten Nutzen und welche Leistungen sie für sie erbringt.

Das trifft auf einen Sozialstaat, der stark ausgeweitet wurde und zugleich durch den demografischen Wandel, Fachkräftemangel und nachlassende staatliche Leistungsfähigkeit in Teilen der Verwaltung belastet ist. Viele Bürger nehmen diese strukturellen Ursachen nicht wahr und sehen stattdessen das politische System als verantwortlich für Probleme. Daraus entsteht bei manchen die Einschätzung, Demokratie sei ungeeignet – verbunden mit Unterstützung für Parteien, die das bestehende System grundlegend verändern wollen.

Was etablierte Parteien tun könnten

Goerres rät etablierten Parteien, eigene Themen zu setzen, statt sich immer wieder die Agenda rechter Parteien aufzwingen zu lassen. Materielle Fragen können Menschen mobilisieren. Er verweist auf Erfolge der Linken in Berlin mit dem Thema Wohnen. Auch die Linke setzte dabei auf Polarisierung und vermeintlich radikale Lösungen wie Enteignungen.

Studien zufolge verlieren rechte Parteien an Aufmerksamkeit, wenn etablierte Parteien Kernthemen wie Wohnen, Pflege, Bildung und Rente sichtbar bearbeiten. Niedrigschwellige Kontakte vor Ort könnten Menschen wieder das Gefühl geben, von der Politik wahrgenommen zu werden: Gespräche beim gemeinsamen Essen oder Haustürwahlkampf etwa. Solche Kampagnen haben in anderen Ländern den Einfluss radikal rechter Parteien zurückgedrängt.

„Besser regieren“ allein greift laut Goerres zu kurz. Gesetzgebung kann Abstiegsängste und große Krisenerzählungen nicht einfach entkräften. Die tatsächliche Entwicklung ist nicht in allen Bereichen negativ; die Lebenserwartung in Deutschland steigt etwa. Radikale Kräfte haben allerdings ein Interesse daran, positive Entwicklungen durch Krisenerzählungen zu überlagern, weil Ängste ihnen Zulauf bringen.

Konflikte zwischen Parteien gehören grundsätzlich zur Demokratie. Aus ihnen entstehen Kompromisse. Reformen werden häufig durch Kommissionen vorbereitet; bei Rente und Pflege sind die fachlichen Ergebnisse in Expertenkreisen weitgehend unstrittig, weil es nur begrenzte politische Stellschrauben gibt. Regierungen versuchen meist, Reformen zu Beginn ihrer Amtszeit umzusetzen, damit mögliche Belastungen bis zur nächsten Wahl weniger präsent sind.

Die jüngsten Landtagswahlen fielen jedoch in eine Phase laufender Reformprozesse. Genau dann werden Entscheidungen über Belastungen, Kürzungen und neue Regeln besonders sichtbar. Andere Parteien müssten deshalb stärker zeigen, wie ihre Politik den Alltag in ostdeutschen Regionen konkret verbessert.

Die anderen etablierten Parteien schließen Koalitionen mit der AfD aus; die CDU-Bundesführung bekräftigte diese Linie. Bei AfD-Anhängern kann dadurch der Eindruck entstehen, dass ihre Partei selbst als stärkste Kraft grundsätzlich von Regierungsverantwortung ausgeschlossen würde. In Sachsen-Anhalt wird die AfD vom dortigen Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.