Trockenheit bremst die Entstehung neuer Tagebauseen in Sachsen und Sachsen-Anhalt
In Sachsen und Sachsen-Anhalt könnte sich die Entstehung neuer Seen länger hinziehen als bisher geplant. Die noch aktiven Braunkohletagebaue Vereinigtes Schleenhain in Sachsen und Profen in Sachsen-Anhalt werden zwar weiter auf ihre spätere Flutung vorbereitet – doch niedrige Pegelstände in den Flüssen und sinkende Grundwasserstände machen die Rechnung unsicher. Heute, am 3.10.2026, liegen die Grundwasserstände in beiden Ländern nahezu flächendeckend etwa 0,5 Meter unter dem langjährigen Mittel. Die Flüsse führen nach der anhaltenden Sommertrockenheit weiterhin nur einen Bruchteil ihrer üblichen Wassermengen.
An der TU Freiberg beschäftigen sich derzeit Facharbeitsgruppen mit zwei ziemlich entscheidenden Fragen: Welche Wassermengen stehen künftig für die Flutung zur Verfügung? Und welche ökologischen Mindestabflüsse müssen in den Flüssen eingehalten werden? Konkrete Auswirkungen auf die geplanten Seen lassen sich derzeit noch nicht absehen. Dafür ist die Lage zu sehr in Bewegung.
Wasser fehlt, Zeit kostet Geld
Der Bergbausanierungsexperte Martin Kreßner von der TU Bergakademie Freiberg rechnet damit, dass ein geringeres Wasserangebot die Sanierungszeiträume verlängern, den technischen Aufwand erhöhen und höhere Kosten verursachen könnte. Unternehmen müssten sich auf längere Projektzeiten bis zum Abschluss der Rekultivierungsarbeiten einstellen.
In der Planung wird zunehmend darauf verzichtet, die Flutung der Tagebaurestlöcher durch zusätzliches Flusswasser zu beschleunigen. Steigt der Wasserspiegel langsamer, könnten weitere technische Maßnahmen nötig werden, um die Böschungen zu stabilisieren. Das ist kein kleiner Zusatzposten, sondern kann die Arbeiten ordentlich in die Länge ziehen.
Eine grundsätzliche Alternative zur Flutung sieht Kreßner dennoch nicht. Sobald die künstliche Entwässerung endet, steigt das Grundwasser automatisch wieder an – faktisch wird sich also ein Restsee bilden. Der Bergbaukonzern Mibrag stellt die grundsätzliche Planung deshalb nicht infrage. Für die Berechnung der Flutungsdauer verwendet das Unternehmen mehrjährige Niederschlagsreihen, in denen auch einzelne trockene Jahre berücksichtigt sind.
Ein Teil der geplanten Restseen wird bereits während des laufenden Tagebaubetriebs geflutet. Dafür kann Wasser genutzt werden, das zur Freihaltung der Lagerstätte ohnehin abgepumpt werden muss. Für das jeweils letzte Restloch muss zusätzlich Wasser von außen zugeführt werden, meist aus umliegenden Flüssen. Öffentlich geplante Wasserzufuhren sollen unter anderem aus der Mulde und der Weißen Elster erfolgen. Die Zielwasserstände sind behördlich festgelegt.
Pereser See mit 430 Millionen Kubikmetern
Der geplante Pereser See soll rund zwölf Quadratkilometer groß werden, etwa 430 Millionen Kubikmeter Wasser enthalten und bis zu 80 Meter tief werden. Damit wäre er das größte Gewässer im Leipziger Neuseenland. Nach Angaben der Mibrag ist der Beginn seiner Flutung ab etwa 2039 vorgesehen.
Auf dem Gebiet des Tagebaus Profen in Sachsen-Anhalt sollen der Schwerzauer See und der Domsener See entstehen. Ob und wie stark sich die aktuellen Wasserprobleme auf diese Vorhaben auswirken, ist noch offen. Der trockene Sommer steckt den Flüssen jedenfalls noch in den Knochen – beziehungsweise im Flussbett.
Was vorher genehmigt werden muss
Die erste Planungsebene bilden Sanierungsrahmenpläne für den Sanierungsbergbau und Abschlussbetriebspläne für den aktiven Braunkohlebergbau. Sie konkretisieren die Regionalplanung für einzelne Tagebaue und weisen Vorrang- sowie Vorbehaltsgebiete für bestimmte Nachnutzungen aus.
Die zuständigen Bergbauunternehmen planen darin Maßnahmen zur Herstellung der Standsicherheit, zur Flutung der Tagebaue und zur Regulierung der Gewässergüte. Anschließend werden die Planungen zur Genehmigung bei den zuständigen Behörden eingereicht: beim Sächsischen Oberbergamt, bei der Sächsischen Landesdirektion und bei den Landratsämtern.
Die Herstellung von Tagebaurestseen wird in Planfeststellungsverfahren beantragt und genehmigt. Dabei wird unter anderem festgelegt, wie die künftige Seewasserqualität erreicht und eingehalten werden soll. Zur Neutralisierung saurer Seen und zur Erhaltung neutraler Wasserverhältnisse wird Kalk eingespült. Beispiele dafür sind der Geierswalder See und der Bernsteinsee.
Zwischen Naturraum und Altlast
Wie solche künstlichen Seen später aussehen und funktionieren, hat das Umweltbundesamt in einer Untersuchung im Auftrag der Behörde an 36 Tagebauseen in der Lausitz, in Mitteldeutschland, im Rheinland, in Hessen und Bayern bewerten lassen. Tagebaukrater werden nach dem Ende der Förderung meist mit Wasser gefüllt oder durch Grundwasseranstieg und Niederschlag zu Seen.
19 Seen hatten ein „gutes“ oder „sehr gutes“ ökologisches Potenzial. Zwölf wurden als „mäßig“ eingestuft. Ihre biologische Ausstattung war intakt, doch Belastungen durch Quecksilber oder hormonell wirksame Tributylzinnverbindungen verhinderten eine bessere Bewertung. Ein See erhielt wegen zu hoher Nährstoffgehalte die Einstufung „unbefriedigend“, fünf Seen konnten noch nicht abschließend beurteilt werden.
In die Bewertung flossen biologische Faktoren wie Plankton und Wasserpflanzen ebenso ein wie chemische Belastungen. Die künstlichen Seen können Lebensräume für Pflanzen und Tiere werden und zugleich Raum für Freizeit und Erholung bieten. Je nach Abbautechnik haben sie unterschiedliche Formen, die in den jeweiligen Regionen natürlicherweise nicht vorkommen. Ein bisschen fremd sehen diese Landschaften oft aus – und gerade deshalb bleiben sie im Kopf.
Alte Tagebauseen sind meist klein, neue können dagegen riesige Flächen einnehmen. Beispiele sind der Geiseltalsee in Sachsen-Anhalt, der Senftenberger See in Brandenburg und der Partwitzer See in Sachsen, der künftig mehr als 1.000 Hektar Wasserfläche haben soll. In Deutschland gibt es mehr als 500 Tagebauseen. Bis 2018 sollte in Brandenburg und Sachsen Europas größtes künstliches Seengebiet entstehen.
Die positive Entwicklung vieler Tagebauseen ändert allerdings nichts daran, dass Braunkohle in der Gesamtumweltbilanz der am stärksten belastende Energieträger bleibt. Allein 2014 verursachte Braunkohle Umweltschäden in Höhe von 16,8 Milliarden Euro. Hauptursachen sind Emissionen von Feinstaub, Stickstoffdioxid und Kohlendioxid bei der Verbrennung zur Stromerzeugung.
| Energieträger | Angegebene Umweltschäden pro Kilowattstunde |
|---|---|
| Braunkohle | knapp 11 Cent |
| Erdgas | 5 Cent |
| Solarstrom | 1 Cent |
| Windkraft | durchschnittlich 0,25 Cent |
Bis im Leipziger Neuseenland tatsächlich Boote fahren oder Uferwege entstehen, bleibt damit vorerst Geduld gefragt. Vor allem aber bleibt die Frage, wie viel Wasser die Flüsse in den kommenden Jahren überhaupt abgeben können, ohne selbst an ihre Grenze zu kommen.
