Kawsak Sacha: Wie der Lebendige Wald Ecuadors Verfassungsrecht neu denkt
Am 21. Oktober 2026 ist an der Universität Erfurt ein Buch von Jenny García Ruales erschienen, das eine scheinbar einfache Frage ziemlich gründlich auseinandernimmt: Wenn die ecuadorianische Verfassung die Natur beziehungsweise Pacha Mama bereits als Rechtssubjekt anerkennt – warum erklärte das Kichwa-Volk von Sarayaku sein Territorium trotzdem zum „Lebendigen Wald“?
Die Erklärung von Kawsak Sacha bedeutet wörtlich „Lebender Wald“. Sie wurde im Territorium von Sarayaku in Ecuador zunächst 2012 von der Generalversammlung des indigenen Kichwa-Volkes verabschiedet. Kawsak Sacha gilt darin als „lebendiges und bewusstes Wesen mit eigenen Rechten“, als Waldökosystem und als Rechtssubjekt. 2018 wurde die Erklärung überprüft und aktualisiert; dabei kam ausdrücklich die Formulierung zur Rechtspersönlichkeit hinzu. Beteiligt war das Pueblo Originario Kichwa de Sarayaku.
Ein Wald, der mehr ist als Bäume
Jenny García Ruales untersucht, warum diese indigene Erklärung trotz der verfassungsrechtlichen Anerkennung der Natur notwendig erschien. Grundlage ist ethnografische Rechtsforschung, die sie gemeinsam mit indigenen Gemeinschaften im ecuadorianischen Amazonasgebiet durchführte. Im Zentrum stehen die indigene Rechtslehre und die mehr-als-menschlichen Normativitäten des Lebendigen Waldes.
Nach der Erklärung umfasst Kawsak Sacha sämtliche Wesen des Waldes – von den kleinsten bis zu den größten: die Tierwelt, die Pflanzenwelt, die Mineralwelt sowie spirituelle und kosmische Bereiche. Diese Wesen stehen mit den Menschen in Verbindung. Sie tragen zur Wiederherstellung psychischer, physischer und spiritueller Energie, des Lebens und des Gleichgewichts der indigenen Völker bei.
Die Kawsak-Sacha-Erklärung ist eine indigene Erklärung auf Grundlage indigener Rechtsprechung und der Rechte der Natur. Sie versteht sich als Ausübung des Rechts auf Selbstbestimmung und fordert die ecuadorianische Regierung auf, Kawsak Sacha als Lebewesen und Träger von Rechten anzuerkennen. Als rechtlicher Ausgangspunkt dient dabei die Anerkennung Ecuadors als plurinationaler Staat.
Im Hintergrund steht die ganzheitliche amazonische Vorstellung von Pachamama und das Prinzip Sumak Kawsay – „Leben in Harmonie“, oft auch mit „buen vivir“ übersetzt. Kawsak Sacha beruht auf der wechselseitigen Beziehung zu den Sacha Runakuna, den sichtbaren und unsichtbaren Bewohnern des Regenwaldes, sowie zu den Runayuk. Diese Wächter- und Schutzwesen überwachen das Gleichgewicht empfindlicher Ökosysteme und deren Beziehung zu den Menschen.
Von Sarayaku bis zu internationalen Konferenzen
Die Erklärung blieb nicht im Territorium von Sarayaku. Vorgelegt wurde sie der Nationalversammlung Ecuadors im Jahr 2013, der UN-Klimakonferenz COP21 2015, dem IUCN-Weltkongress für Naturschutz 2016 und CONFENIAE, dem Verband der indigenen Nationalitäten des ecuadorianischen Amazonasgebiets, ebenfalls 2016. Es folgten die UN-Klimakonferenz COP23 und CONAIE, der Verband der indigenen Nationalitäten Ecuadors, im Jahr 2017.
Als möglicher nächster Schritt wird eine Verfassung des Lebenden Waldes auf Grundlage indigener Rechtsprechung genannt. Daneben gibt es den Vorschlag, Kawsak Sacha als Kategorie geschützter Gebiete anzuerkennen. Das ist keine bloße Umbenennung eines Naturschutzgebiets: In der Erklärung geht es um Beziehungen, um Verantwortung und um Wesen, die nicht erst durch menschliche Institutionen Bedeutung erhalten.
Aus ihrer Untersuchung entwickelt García Ruales das Konzept des „Living Forest Constitutionalism“, auf Deutsch: Konstitutionalismus des Lebendigen Waldes. Der Ansatz versteht sich als Verfassungstheorie, die die Grundlagen des Konstitutionalismus ausgehend von der Rechtslehre des Lebendigen Waldes neu denkt. Das Buch richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ebenso wie an Leserinnen und Leser, die sich fragen: Woher stammen Verfassungen? Wer schafft Recht? Und was bedeutet es, das Leben zu verteidigen?
Was Ecuador der Natur schon 2008 versprochen hat
Die verfassungsrechtliche Grundlage entstand in einer politischen und wirtschaftlichen Krise. 2007 wurde eine verfassungsgebende Nationalversammlung einberufen, um den Staat neu zu ordnen und anhaltende Konflikte zu bearbeiten, unter anderem über den Bergbau. Viele Angehörige indigener und anderer sozialer Bewegungen waren in der Versammlung vertreten, zusätzlich brachten zivilgesellschaftliche Gruppen ihre Anliegen ein.
Indigene Vertreter:innen sahen in den Rechten der Natur einen Ausdruck ihrer Beziehung zur Natur. Naturschützer:innen hofften auf bessere Möglichkeiten, gegen Umweltverschmutzung vorzugehen. Kritiker:innen warnten hingegen vor Einschränkungen menschlicher Freiheiten oder hielten Rechte der Natur für undurchführbar. 2008 trat die neue Verfassung in Kraft. Artikel 71 räumt der „Natur oder Pacha Mama“ unter anderem das Recht auf Respektierung ihrer Existenz ein.
„Pacha Mama“ stammt aus der indigenen Sprache Kichwa, die von Gemeinschaften in den Anden und in Teilen des Amazonas gesprochen wird. In den zugrunde liegenden Weltbildern gibt es keine strikte Trennung zwischen Mensch und Natur. „Pacha“ bezeichnet den Kosmos einschließlich der Menschen und der gesamten mehr-als-menschlichen Umwelt. Tiere, Menschen, Pflanzen und unbelebte Bestandteile gelten als miteinander verbunden.
Eine Schädigung der Natur ist in dieser Vorstellung zugleich eine Schädigung des Menschen, weil die Bestandteile des Kosmos voneinander abhängig sind. Die ecuadorianischen Rechte der Natur verbinden indigene Vorstellungen mit westlichen naturwissenschaftlichen Sichtweisen. Dass indigene Denkweisen in das Recht einfließen, kann als Beitrag zur Dekolonialisierung des Rechts verstanden werden.
Wenn ein Fluss vor Gericht zieht
In den ersten Jahren gab es nur wenige Verfahren zu den Rechten der Natur. Wegen der zögerlichen Umsetzung und einzelner Rückschläge wurden sie teilweise als wirkungslos bewertet. Das Rechtssystem musste mit einem völlig neuen juristischen Instrument umgehen, ohne vorhandene Erfahrungen. Richter:innen, Anwält:innen, Verwaltungsbeamt:innen und Umweltorganisationen mussten das Konzept erst lernen – und so etwas geht nicht über Nacht.
Wie weit die Rechte der Natur praktisch reichen können, zeigte sich 2020 in einem Verfahren, von dem berichtet wurde: Zwei Froscharten in Ecuador gewannen gegen ein Bergbauprojekt. Die Biologin Andrea Terán Valdez hatte ihre Rechte geltend gemacht, weil das Projekt den Lebensraum der Frösche bedrohte.
Auch der Fall Los Cedros machte deutlich, wie Gerichte bestimmen müssen, was konkret als Natur gilt. Die Verfassung bezieht die gesamte Natur ein, definiert den Begriff aber nicht abschließend. Im Einzelfall müssen Gerichte daher klären, welches Ökosystem betroffen ist, wie es aufgebaut ist und wie es funktioniert. Erst dann lässt sich entscheiden, wie seine Rechte geschützt werden sollen.
Los Cedros ist ein Nebelwald im Nordwesten Ecuadors, in dem ein Bergbauprojekt geplant war. Das Verfassungsgericht untersuchte den Wald, seine Tier- und Pflanzenwelt, Wasserkreisläufe und klimatischen Bedingungen. Es stufte Los Cedros als fragiles Ökosystem ein, das durch das Bergbauprojekt gefährdet würde.
Beim Río Monjas ging es um einen stark verschmutzten Fluss, der durch Quito fließt. Nach Auffassung des Verfassungsgerichts verliert ein Fluss auch in einer von Menschen geschaffenen städtischen Umgebung nicht seine Eigenschaft als Natur. Der Río Monjas steht mit anderen Ökosystemen in Verbindung; Verschmutzungen in Quito können deshalb weitergetragen werden.
Nach Artikel 71 Absatz 2 kann in Ecuador jede Person die Rechte der Natur geltend machen. Andere Länder wählen andere Modelle: In Kolumbien erklärte das Verfassungsgericht den Río Atrato 2018 zur Rechtsperson. Für ihn wurde eine Kommission aus sogenannten Hüter:innen eingesetzt, die den Fluss gemeinschaftlich vertritt. Eine solche Vertretung kann verhindern, dass Einzelpersonen ihre eigenen Interessen als Interessen der Natur ausgeben.
Ecuadorianische Gerichte bemühen sich häufig, möglichst viele Beteiligte anzuhören. Im Verfahren um den Los-Cedros-Nebelwald kamen unter anderem Anwohner:innen, Biolog:innen und Vertreter:innen des Bergbauprojekts zu Wort. Dahinter steht die Annahme, dass es keine einzige objektiv richtige Sichtweise auf ein Ökosystem gibt. Menschen nehmen Landschaften unterschiedlich wahr
