Wenn Charline Effah tagsüber als CEO arbeitet, beginnt ihr zweites Leben erst nach Einbruch der Dunkelheit: Nachts schreibt die 1977 in Gabun geborene Autorin. Heute lebt sie in Paris. Am 16. November 2026 kommt sie an die Universität Erfurt, um ihren Roman „Die Frauen von Bidi Bidi“ vorzustellen.

Für das Buch reiste Effah nach Norduganda und recherchierte die Realität des Geflüchtetenlagers Bidi Bidi. Die deutsche Übersetzung von Ela zum Winkel erschien im März 2025 beim Orlanda Verlag. Die gebundene Ausgabe umfasst 224 Seiten und kostet 23 Euro.

Eine Tochter sucht ihre Mutter

Im Mittelpunkt steht Minga, eine in Paris aufgewachsene Afrikanerin. Nach dem Tod ihres Vaters entdeckt sie Briefe ihrer Mutter Joséphine – Briefe, die ihr nie zugestellt worden waren. Auch der Vater hatte Joséphine geschrieben, reumütig und vergeblich um ihre Rückkehr gebeten.

Joséphine war vor ihrem Mann geflohen. Der Maler misshandelte sie regelmäßig, fühlte sich von ihr nicht als Mann anerkannt und hing frauenfeindlichen Vorstellungen an. Joséphine arbeitete als Krankenschwester und verließ schließlich ihren Mann und die kleine Minga, um in Bidi Bidi zu arbeiten. Aus dem zunächst begrenzten Aufenthalt wurden 40 Jahre; nach Paris kehrte sie nicht zurück.

Ein Brief einer NGO informiert Minga über Joséphines mysteriösen Tod. Die Spur der Mutter verliert sich in Uganda. Also reist Minga nach Norduganda. Sie will herausfinden, wie Joséphine dort gelebt hat – und was mit ihr geschehen ist. Finden wird sie ihre Mutter nicht. Die Reise verändert sie trotzdem nachhaltig: Am Ende erkennt Minga die Erfahrungen und Stimmen der Frauen von Bidi Bidi als Teil ihrer eigenen Identität und kehrt nach Paris zurück.

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Bidi Bidi: Schutzort und Gefahrenzone

Das Flüchtlingscamp liegt in der Provinz Yumbe im Nordwesten Ugandas und gilt als zweitgrößte Flüchtlingssiedlung der Welt. Bis zu 270.000 Menschen leben dort; die meisten flohen seit 2016 vor dem Bürgerkrieg im Südsudan. Minga begegnet Frauen, die mittellos vor dem Krieg geflohen sind. Nach und nach rekonstruiert sie die Geschichten dreier Frauen, deren Wege sich im Lager kreuzen.

Da ist Veronika, die mit Mose verheiratet ist, dem Vorsteher von Village 10. Mose gehört zu den wenigen positiv dargestellten männlichen Figuren und versucht, Frauen im Camp zu helfen. Jane Kanyingo lebt mit ihrem kleinen Sohn Jonathan dort und ist als alleinstehende Frau besonders gefährdet. Rose Akech hat einen Mann, der Guerillakämpfer ist, und verlor auf der Flucht ihre Zwillingsbabys.

Alleinstehende Frauen und Mädchen werden häufig missbraucht, sicher ist Bidi Bidi für sie nicht. Der Roman beschreibt, wie Überlebende häuslicher und kriegerischer Gewalt ihr Leben neu aufbauen, alte Träume wieder aufnehmen und neue Formen der Liebe finden. Weibliche Solidarität gibt es – aber das Lagerleben wird nicht romantisiert. Gemeinsames Leid schafft nicht automatisch Zusammenhalt. Neid, Feindseligkeiten und Gewalt gehören ebenfalls zum Alltag.

Die Bewohnerinnen und Bewohner kennen die Besuche von Journalisten, Schriftstellern und Politikern. Die immer gleichen Fragen nach ihrem Leid empfinden viele als belastend. Was folgt eigentlich auf Berichte, Proteste, Petitionen und öffentliche Aufmerksamkeit? Effahs Roman lässt diese Frage unangenehm lange im Raum stehen.

Lesung auf Französisch und Deutsch

Die Veranstaltung an der Universität Erfurt beginnt am 16. November 2026 um 18:00 Uhr auf dem Campus, Raum C01-AMG 0012. Gelesen wird auf Französisch und Deutsch, das Gespräch findet auf Französisch statt. Moderiert wird der Abend von Béatrice Giribone-Fritz und Cécile Leclercq. Veranstalter beziehungsweise Verlag ist der Orlanda Verlag.

Die literarische Reise führt dabei in eine Region, deren politische Geschichte bis heute in den Alltag hineinreicht. Mehr als 2,2 Millionen Südsudanesen leben als Flüchtlinge im Ausland, etwa 1,5 Millionen sind binnenvertrieben. Der Südsudan weist damit die höchste Vertreibungsrate Afrikas auf. Laut UNHCR sind 83 Prozent der südsudanesischen Flüchtlinge Frauen und Kinder.

Flucht, Krieg und die Arbeit des Überlebens

Die Vorgeschichte ist lang und blutig: Der erste Bürgerkrieg im Sudan dauerte von 1955 bis 1972. Der zweite Bürgerkrieg zwischen der Regierung in Khartum und der SPLA begann 1983 und endete mit dem Friedensabkommen vom 9. Januar 2005. Mehr als zwei Millionen Menschen starben, überwiegend Zivilisten, mehr als fünf Millionen wurden zur Flucht gezwungen. Am 9. Juli 2011 wurde der Südsudan unabhängig.

Im Dezember 2013 brach erneut Gewalt zwischen regierungstreuen und oppositionellen Kräften aus. Dazu kamen lokale Konflikte um Weideland und Wasser, Viehdiebstähle sowie Entführungen von Frauen und Kindern. Mehrere Friedensabkommen und Waffenstillstände wurden kurz nach ihrem Abschluss verletzt. Ein 2018 geschlossenes Friedensabkommen hielt danach in den meisten Landesteilen weitgehend. Der Krieg von 2013 bis 2018 verursachte schätzungsweise 382.900 Todesfälle und vertrieb fast 4,5 Millionen Menschen.

Für Frauen und Mädchen bedeutet Vertreibung Anpassung unter denkbar schwierigen Bedingungen: fehlende Grundversorgung, Ernährungsunsicherheit, körperliche Gewalt, sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen, Gruppenvergewaltigungen und Zwangsarbeit. Besonders gefährdet sind Vertriebene sowie Frauen, die zu Lebensmittelverteilungen, Wasserstellen oder zum Sammeln von Brennholz unterwegs sind. Sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt gibt es in Konflikt- wie in Friedenszeiten; patriarchal geprägte Strukturen begünstigen sie.

Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung leben unterhalb der absoluten Armutsgrenze. 2019 waren über sechs Millionen Menschen, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung, von schwerer Ernährungsunsicherheit betroffen. Steigende Temperaturen und unregelmäßigere Regenfälle führen häufiger zu Ernteausfällen und Viehsterben. Konflikte zwischen Viehhirten um Wasser und Weideflächen nehmen ebenso zu wie Auseinandersetzungen zwischen Viehhirten und Bauern. Fast eine Million Menschen waren 2019 von schweren Überschwemmungen betroffen, etwa 420.000 wurden dadurch neu vertrieben.

Frauen sind laut Nationaler Gender-Politik die wichtigsten Nahrungsmittelproduzentinnen, haben wegen traditioneller Geschlechterrollen aber nur eingeschränkten Zugang zu Produktionsmitteln und wenig Kontrolle darüber. In 58 Prozent der südsudanesischen Haushalte tragen Frauen die Verantwortung, bei Haushalten von Vertriebenen beträgt ihr Anteil bis zu 80 Prozent.

Uganda nahm am 31. Dezember 2019 mit 861.590 Menschen die meisten südsudanesischen Flüchtlinge auf, gefolgt vom Sudan mit 810.917, Äthiopien mit 334.014, Kenia mit 121.414 und der Demokratischen Republik Kongo mit 88.717. Das entsprach Anteilen von 39 Prozent, 36,5 Prozent, 15 Prozent, 5,4 Prozent und 3,9 Prozent; insgesamt waren es 2.216.652 Menschen. Für Ende 2020 wurden 2,2 Millionen Flüchtlinge prognostiziert, für Ende 2021 rund 2,13 Millionen.

Die Rolle der Frauen erschöpft sich dabei nicht im Opfersein. Mobilität und Flucht waren in Kriegs- und Friedenszeiten Strategien, um das Überleben und die Lebensgrundlagen zu sichern. Während des zweiten Bürgerkriegs schlossen sich Frauen der SPLA als Unterstützerinnen und Kämpferinnen an. Einige begleiteten ihre Ehemänner in Ausbildungslager nach Äthiopien und übernahmen Gesundheitsversorgung, Kochen, Hausarbeit und sexuelle Dienste. Andere wurden als Soldatinnen ausgebildet und nahmen an Kampfhandlungen teil. Zum Zeitpunkt des Friedensabkommens von 2005 gab es etwa 3.600 Kämpferinnen.

Auch Lieder konnten politisch wirken: Frauen ermutigten männliche Verwandte damit zum Beitritt zu bewaffneten Gruppen oder setzten sie öffentlich unter Druck. Teilweise stachelten sie Männer zu Viehdiebstählen und Rachemorden an – die Gewalt weitete sich dadurch weiter aus.

In ihren Gemeinschaften übernahmen Frauen Führungsaufgaben, die traditionell Männern vorbehalten waren. Einige wurden Gemeindevorsteherinnen und organisierten die Verteilung von Nahrung sowie Dienstleistungen für Waisen, Witwen und andere gefährdete Gruppen. Frauen im Exil, besonders in Flüchtlingslagern,