Mythen der Migration: Studierende der Universität Erfurt prüfen verbreitete Behauptungen
Zwölf Tafeln, viele vertraute Behauptungen und die Frage, was davon eigentlich stimmt: Studierende der Universität Erfurt zeigen vom 30. Oktober bis 1. November die Wanderausstellung „Mythen der Migration“. Zu sehen ist sie in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße. Die Eröffnung beginnt am 30. Oktober um 16 Uhr, Interessierte sind dazu eingeladen.
Entstanden ist die Ausstellung im Rahmen eines Seminars unter Leitung von Prof. Dr. Sabine Schmolinsky und Dr. Reiner Praß. Die Studierenden nehmen verbreitete Aussagen über Migrantinnen unter die Lupe und stellen sie den Ergebnissen der Migrationsforschung sowie den Lebenswirklichkeiten von Migrantinnen gegenüber. Auf zwölf Tafeln geht es damit nicht um schnelle Antworten, sondern um Behauptungen, die im Alltag oft erstaunlich fest sitzen.
Wenn ein Modell zu kurz greift
Gerade politische Debatten konzentrieren sich häufig auf vermeintliche „Pull-Faktoren“: auf das, was Europa oder einzelne Länder angeblich attraktiv macht. Push-Faktoren wie Krieg, Armut, Ungleichheit, Gewalt und Diskriminierung sind schwieriger zu beseitigen. Entsprechende Maßnahmen zielen deshalb meist nicht darauf, Fluchtursachen zu beseitigen, sondern die Attraktivität Europas oder einzelner europäischer Länder zu verringern.
Das sogenannte Push-Pull-Modell beschreibt Migrant:innen dabei oft als rational kalkulierende Personen, die Zielländer vor allem nach wirtschaftlichen Kriterien auswählen. So einfach ist es aber nicht. Soziale Beziehungen, individuelle Erfahrungen und komplizierte Beweggründe geraten aus dem Blick; Gründe können sich entlang einer Route verändern, und Migrationswege verlaufen häufig keineswegs geradlinig.
Eine Entscheidung entsteht mitunter unterwegs: durch Begegnungen, Vorstellungen, politische und gesellschaftliche Bedingungen sowie familiäre oder freundschaftliche Netzwerke. Viele Gesprächspartner:innen wollten ursprünglich nach Libyen migrieren und dort arbeiten. Extreme Gewalt und Rassismus in Libyen veranlassten einige zur Weiterreise nach Europa. Andere wurden gegen ihren Willen und ohne vorherige Kenntnis auf Boote gezwungen, etwa nachdem sie ihren Lohn eingefordert hatten.
Was Grenzen verschieben
Seenotrettungsorganisationen werden zunehmend kriminalisiert. Der Vorwurf lautet, ihre Präsenz im Mittelmeer ermutige Menschen zu gefährlichen Überfahrten. Wissenschaftliche Studien haben diesen Zusammenhang wiederholt widerlegt: Die Präsenz ziviler Rettungsschiffe beeinflusst die Zahl der Abfahrten nicht.
Auch restriktivere Migrationsgesetze und stärker gesicherte Grenzen führen laut dem zugrunde liegenden Artikel nicht dazu, dass weniger Menschen fliehen. Sie erhöhen stattdessen die Abhängigkeit von Schleppernetzwerken und verlagern Migrationsrouten. Der Anstieg der Abfahrten zu den Kanarischen Inseln wird unter anderem mit verschärften Kontrollen in Tunesien, Libyen und Marokko in Verbindung gebracht. Die Route von Westafrika zu den Kanarischen Inseln ist deutlich länger und gefährlicher; in diesem Jahr wurden dort bereits zahlreiche Todesfälle dokumentiert.
Ein weiterer Ansatz besteht darin, die Lebensbedingungen von Migrant:innen in Europa zu verschlechtern, um auf diese Weise abschreckend auf weitere Migrant:innen zu wirken. Doch Studien zeigen, dass Wissen über Migrationsrouten und mögliche Zielländer sehr ungleich verteilt ist. Viele Migrant:innen wissen nicht, was sie auf den Routen oder in verschiedenen europäischen Ländern erwartet.
Eine Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge kam bereits vor zehn Jahren zu dem Ergebnis, dass asylpolitische Regelungen höchstens begrenzten Einfluss auf die Wahl des Ziellandes haben. Trotzdem werden Verschärfungen des Asylrechts wiederholt mit dem Ziel begründet, Migration zu reduzieren. Weitere Einschränkungen der Rechte von Asylbewerber:innen in Deutschland dürften dem Artikel zufolge kaum beeinflussen, wer sich auf den Weg nach Deutschland macht. Sie verändern aber die Lebenssituation derjenigen, die bereits angekommen sind.
Erwartungen, Enttäuschungen, Netzwerke
Für viele spielte das Bild Europas als Ort von Freiheit, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit eine Rolle. Nach der Ankunft wich diese Erwartung häufig großer Enttäuschung. Andere Gesprächspartner:innen verwiesen auf globale Ungleichheiten und (post)koloniale Kontinuitäten. Sie fragten, warum Europäer:innen in ihre Länder reisen dürfen, ihnen aber nicht dieselben Rechte zugestanden werden.
Die Ausstellung auf dem Campus dürfte solche Spannungen nicht glattbügeln. Am Freitag, 6. November, wird sie im Rahmen der „Langen Nacht der Wissenschaften“ erneut auf dem Campus der Universität Erfurt gezeigt. Der übermittelte Inhalt des dazugehörigen Programmhefts enthält keinen lesbaren Nachrichtenartikel, sondern überwiegend binäre PDF-Daten und technische Metadaten.
Ausgrenzung, Entrechtung sowie Einschränkungen beim Zugang zu Gesundheitsversorgung und Familiennachzug können die physische und psychische Gesundheit beeinträchtigen. Viele Menschen haben entlang der Migrationsrouten extreme Gewalt erlebt. Für Personen, die langfristig aufgenommen werden, sind diese Folgen besonders problematisch. Und manchmal bleibt nach einer solchen Tafel, einem Gespräch, einem kurzen Moment vor einer Ausstellung eben doch etwas hängen – nicht laut, eher hartnäckig.
