An der Universität Erfurt startet ein internationales Forschungsprojekt zur Frage, wie Lehrkräfte langfristig gesund und arbeitsfähig bleiben können. In den kommenden zwei Jahren untersucht ein Wissenschaftlerteam, wie sich das Wohlbefinden von Lehrkräften nachhaltig verbessern lässt. Das Erasmus+-Programm fördert das Vorhaben „Rethinking Teacher Well-Being: Shared Responsibility Models for Sustainable Education Systems“ mit 250.000 Euro.

Koordiniert wird das Projekt von der Balıkesir University in der Türkei. Beteiligt sind außerdem die Tor Vergata University in Rom, die Universität Graz und die Erfurt School of Education (ESE) der Universität Erfurt. Aus mehr als 1.300 Anträgen wurde das Projekt ausgewählt. Das ist eine ziemlich deutliche Ansage: Lehrkräftegesundheit soll nicht länger am Rand mitlaufen, sondern strategisch neu gedacht werden.

Gesundheit ist keine Privatsache

Im Mittelpunkt steht ein ganzheitlicher Ansatz. Das Wohlbefinden von Lehrkräften soll nicht ausschließlich als private oder individuelle Aufgabe gelten. Auch Schulen, Institutionen und das gesamte Bildungssystem tragen Verantwortung für die psychische und physische Gesundheit der Lehrenden.

Projektpartner ist PD Dr. habil. Benjamin Dreer-Göthe. Er gehört der Expertengruppe „Well-being at School“ der Europäischen Kommission an und ist wissenschaftlicher Geschäftsführer der ESE. Seit Langem beschäftigt er sich wissenschaftlich mit dem Wohlbefinden von Lehrkräften und überträgt entsprechende Erkenntnisse in die Lehrkräftebildung in Erfurt.

Die Forschenden analysieren Arbeitsbedingungen und Bedürfnisse von Lehrkräften. Daraus sollen digitale Lehrinhalte, praktische Umsetzungswerkzeuge und langfristig tragfähige Unterstützungsmodelle entstehen. Wissenschaftliche Perspektiven und Erfahrungen aus den beteiligten Ländern werden dabei zusammengeführt – nicht bloß nebeneinandergelegt.

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Wie solche Unterstützung praktisch aussehen kann, zeigte bereits eine Trainingswoche im April 2025 in Warschau. Das Erasmus+-Projekt „Teachers‘ Well-Being in Times of Crisis“ brachte Ausbilder:innen aus Polen, Griechenland, Österreich und der Türkei zusammen. Fünf Tage lang ging es darum, Lehrkräften Werkzeuge für herausfordernde Zeiten an die Hand zu geben.

Fünf Tage, fünf Blickwinkel

Vom 7. bis 11. April 2025 fand im WCIES, dem Warschauer Zentrum für Bildungsinnovation und soziale Integration, ein 30-stündiges Trainingsprogramm statt. Ziel waren die Stärkung psychosozialer Kompetenzen und eine höhere berufliche Zufriedenheit von Lehrkräften.

Teilgenommen hat die Forschungsgruppe „Leadership und Schulentwicklung“ des Instituts für Lehrer:innenbildung und Schulforschung (ILS): Univ. Prof. Mag. Dr. Markus Ammann, Katarzyna Ammann-Kapa, MSc, Andreas Schreier, PhD, Sunet Grobler, PhD, Zehra Sultan Kumru Yagmurkaya, MA, sowie ergänzend Selina Silian, MEd.

Die Schulung bestand aus fünf eintägigen, forschungsbasierten Modulen. Beim körperlichen Wohlbefinden standen praktische Strategien für die Gesundheit trotz hoher Arbeitsbelastung auf dem Programm, geleitet von Kolleg:innen aus der Türkei. Das Modul zu mentalem und emotionalem Wohlbefinden behandelte psychische Gesundheit und emotionale Resilienz; geleitet wurde es von einer Psychotherapeutin aus Polen.

Ein Beitrag aus Griechenland widmete sich sozialer Unterstützung und Beziehungen: Wie entstehen stabile Netzwerke, und welche Bedeutung haben schulische Beziehungen? Polnische Ausbilder:innen präsentierten anschließend Möglichkeiten professioneller Entwicklung und beruflichen Wachstums. Zum Schluss ging es um Work-Life-Balance sowie persönliche und berufliche Grenzen – mit praxisnahen Impulsen einer Kollegin der Universität Innsbruck.

Alle Module waren interaktiv. Es gab Raum für kollegialen Austausch, Feedback und Evaluation. Die erarbeiteten Inhalte sollen anschließend in Schulen aller teilnehmenden Länder umgesetzt werden. Ganz ohne Gespräch, Rückmeldung und gemeinsames Nachdenken funktioniert Gesundheitsförderung offenbar nicht – eh klar, möchte man aus österreichischer Sicht sagen.

Eine im Juli 2024 durchgeführte Mixed-Methods-Studie hatte zuvor zentrale Stressoren und Risikofaktoren für Burnout sichtbar gemacht: zu viele administrative Aufgaben, Zeitdruck, Motivations- und Konzentrationsmangel bei Schüler:innen sowie überhöhte Erwartungen von Eltern.

Der Druck ist messbar

Wie angespannt die Lage ist, zeigen mehrere Studienreihen, darunter das Deutsche Schulbarometer der Robert-Bosch-Stiftung, die Potsdamer Lehrerstudie und COPSOQ-Erhebungen einzelner Bundesländer. Der Artikel „Lehrergesundheit: Studien 2026“ von Andreas Rothermund, veröffentlicht am 20. Juni 2026, nennt daneben Schutzfaktoren, die im Schulalltag zur Gesundheitsförderung beitragen können.

Für das Deutsche Schulbarometer 2026 befragte forsa im Auftrag der Robert-Bosch-Stiftung zwischen dem 11. November und dem 2. Dezember 2025 insgesamt 1.547 Lehrkräfte an allgemeinbildenden und beruflichen Schulen. Für 46 Prozent ist das Verhalten der Schülerinnen und Schüler die größte berufliche Belastung. 2025 waren es 42 Prozent, 2024 noch 35 Prozent.

Als weitere Belastungen werden die Heterogenität der Klassen, eine hohe Arbeitsbelastung und Zeitmangel genannt. Rund ein Viertel der Befragten erlebt mehrmals wöchentlich Erschöpfungsgefühle. Etwa 28 Prozent könnten sich einen Berufswechsel vorstellen, zehn Prozent würden ihn „sicher“ erwägen.

Die Potsdamer Lehrerstudie, begründet von Uwe Schaarschmidt, untersucht die psychische Gesundheit im Lehrerberuf mithilfe des arbeitspsychologischen AVEM-Verfahrens. Es unterscheidet vier Beanspruchungsmuster: Muster G steht für gesundheitsförderliches Verhalten, Muster S für Schonung, Muster A für Selbstüberforderung und Muster B für Erschöpfung und Nähe zu Burnout.

Nur etwa 17 Prozent der untersuchten Lehrkräfte zeigten Muster G. Die Risikomuster A und B waren im Lehrerberuf überproportional vertreten. Die ursprüngliche Erhebung ist älter, gilt aber weiterhin als Referenz für spätere Untersuchungen.

Was Schulen konkret tun können

Schulträger sind gesetzlich verpflichtet, psychische Belastungen am Arbeitsplatz zu beurteilen. Mehrere Bundesländer nutzen dafür den wissenschaftlich anerkannten Copenhagen Psychosocial Questionnaire, kurz COPSOQ. Die Bezirksregierung Arnsberg befragte beispielsweise im Auftrag des nordrhein-westfälischen Schulministeriums Lehrkräfte an öffentlichen Schulen im Regierungsbezirk.

Erfasst werden unter anderem Arbeitsanforderungen, Handlungsspielräume, soziale Beziehungen und Beanspruchungsfolgen. Anonymisierte Schulberichte ermöglichen Vergleiche mit anderen Schulen und Berufsgruppen. Die Ergebnisse sollen als Grundlage für Gesundheitsförderungsmaßnahmen dienen.

Bei auffällig hohen Erschöpfungswerten können Schulen kollegiale Fallbesprechungen anbieten, auf Wunsch moderiert durch externe Supervisorinnen oder Supervisoren. Lehrkräfte berichten dabei häufig von mehr Handlungssicherheit im Umgang mit schwierigen Unterrichtssituationen. Soziale Unterstützung und strukturierte Reflexion sind keine Zauberformel, aber manchmal der Unterschied zwischen „Ich probiere das noch einmal“ und „Ich kann heute wirklich nicht mehr“.

Als Schutzfaktoren gelten die soziale Einbindung im Kollegium, klare Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit, Supervision und kollegiale Fallbesprechungen sowie wahrgenommene Handlungsspielräume. Isolation wird als bedeutender Risikofaktor für Muster B beschrieben. Grenzen zu ziehen ist vor allem bei Korrekturen und Vorbereitungen im Homeoffice schwierig. COPSOQ-Erhebungen zeigen zugleich, dass größerer Entscheidungsspielraum Belastungen auch bei hohen Anforderungen abfedern kann.

Mehrere Bundesländer haben strukturierte Angebote zur Lehrergesundheit aufgebaut. Bayern bietet mit „LehrKraftStärken“ kollegiale Fallberatung, Supervision und Coaching für Lehrkräfte und Schulleitungen an. Koordiniert wird das Angebot über neun staatliche Schulberatungsstellen. Andere Länder setzen unter anderem auf COPSOQ-basierte Gefährdungsbeurteilungen und schulpsychologische Beratung.

Wirksam sind solche Angebote laut Artikel vor allem dann, wenn sich zugleich die Rahmenbedingungen verbessern – etwa Klassengröße und Unterrichtsversorgung. Ein Gespräch über Belastung hilft, aber es ersetzt keine fehlende Kollegin und keinen zu vollen Klassenraum.

Gesund bleiben, Einkommen absichern

Eine Dienstunfähigkeitsversicherung schützt nicht vor gesundheitlichen Problemen. Sie sichert das Einkommen, wenn gesundheitliche Gründe zur Dienstunfähigkeit führen. Das betrifft verbeamtete und angestellte Lehrkräfte, wobei angestellte Lehrkräfte laut Artikel besonders auf private Absicherung angewiesen sind.

Ein früher Abschluss kann niedrigere Beiträge und weniger Ausschlüsse wegen Vorerkrankungen ermöglichen. Prävention und finanzielle Absicherung sind dabei unterschiedliche, sich ergänzende Maßnahmen.