Adam Michnik: Vom verfolgten Dissidenten zum publizistischen Gewissen Polens
Heute, am 18.10.2026, wird Adam Michnik 80 Jahre alt. Der Historiker, Publizist und Autor gehört zu jener Generation, die Polens kommunistische Herrschaft nicht einfach hinnahm. 1989 war er ein zentraler Akteur des politischen Umbruchs – und trotz seines hohen Alters gilt er weiterhin als Optimist.
In Warschau ehrte Premierminister Donald Tusk im Königsschloss eine Gruppe älterer Intellektueller, die während der kommunistischen Herrschaft als Staatsfeinde galten. „Wir stehen in eurer Schuld“, sagte Tusk. Die Geehrten hatten sich ab 1976 im Bürgerkomitee KOR trotz staatlicher Repressionen für politisch verfolgte Arbeiter und für Demokratie eingesetzt.
Vom Jugendzirkel in den Untergrund
Michnik wurde 1946 in Warschau als Sohn von Ozjasz Szechter und Helena Michnik geboren und wuchs in einer jüdischen Familie auf. Beide Eltern waren bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in der polnischen kommunistischen Bewegung aktiv: Sein Vater gehörte dem Zentralkomitee der KP der Westukraine an, die damals Teil der Kommunistischen Partei Polens war. Seine Mutter arbeitete als Funktionärin einer kommunistischen Jugendorganisation.
Auch die Familiengeschichte blieb politisch aufgeladen. Sein mütterlicher Halbbruder Stefan Michnik (1929–2021) war während des Stalinismus Richter in Polen und an Schauprozessen gegen frühere nichtkommunistische Widerstandskämpfer beteiligt. 1968 emigrierte er nach Schweden. Michniks Stiefbruder Jerzy ging zunächst nach Israel und später in die USA.
In der Grundschule war Adam Michnik Mitglied der kommunistischen Pfadfindergruppe Hufiec Walterowski, die Jacek Kuroń 1957 gegründet hatte. Als eine mit der Gruppe verbundene Theatergruppe 1961 kritische Stücke aufführte, wurde der Hufiec Walterowski aufgelöst. Michnik gründete mit ehemaligen Mitgliedern daraufhin einen privaten Diskussionszirkel für Jugendliche, die von der Wirklichkeit im kommunistischen Polen enttäuscht waren.
1964 begann er an der Universität Warschau Geschichte zu studieren. Lange blieb er dort nicht unbehelligt: 1965 wurde er erstmals ausgeschlossen, weil er einen offenen Reformaufruf von Jacek Kuroń und Karol Modzelewski verbreitet hatte. Ein Jahr später folgte der nächste Universitätsverweis. Michnik hatte eine Diskussion mit dem kurz zuvor aus der regierenden Partei ausgeschlossenen Philosophen Leszek Kołakowski organisiert.
1968 wurde er wegen seiner Beteiligung an den landesweiten „März-Ereignissen“ endgültig von der Universität ausgeschlossen. Die Studentenproteste entwickelten sich zu einer politischen Krise. Zugleich mussten in einem antisemitischen Klima zahlreiche kritische Intellektuelle jüdischer Herkunft, darunter Zygmunt Bauman, Polen verlassen. Michnik wurde verhaftet und wegen „Hooliganismus“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.
Durch eine Amnestie kam er 1969 vorzeitig frei, ein Hochschulstudium blieb ihm zunächst untersagt. Zwei Jahre arbeitete er als Schweißer. Später vermittelte Kuroń ihm eine Stelle als persönlicher Sekretär des oppositionellen Schriftstellers Antoni Słonimski. Mitte der 1970er Jahre wurde das Studienverbot aufgehoben; Michnik beendete sein Geschichtsstudium im Fernstudium an der Universität Posen.
KOR, Solidarność und der Runde Tisch
Nach den Streiks in Radom 1976 gehörte Michnik gemeinsam mit Kuroń zu den Mitgründern und aktivsten Mitgliedern des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter, kurz KOR. 1978 war er an der Gründung der Gesellschaft für wissenschaftliche Kurse beteiligt, der sogenannten Fliegenden Universität.
Von 1977 bis 1989 arbeitete Michnik als Redakteur unabhängiger Untergrundzeitschriften, darunter Krytyka, und in der Leitung des Untergrundverlags NOWA. Ab 1980 beriet er die unabhängige Gewerkschaft Solidarność. Nach der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981 wurde er interniert.
Ein Angebot, im Gegenzug für seine Freilassung ins Exil zu gehen, lehnte Michnik ab. In einem offenen Brief an General Czesław Kiszczak begründete er seine Entscheidung. Wegen des Vorwurfs des „versuchten Sturzes der sozialistischen Ordnung“ blieb er bis 1984 in Untersuchungshaft, während sein Prozess verschleppt wurde. Mehrere Wochen trat er in einen Hungerstreik, um den Abschluss des Verfahrens zu erzwingen. 1984 wurde er amnestiert.
Schon 1985 saß Michnik wieder im Gefängnis. Wegen seiner Beteiligung an Streikvorbereitungen in der Danziger Leninwerft wurde er erneut verhaftet und zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. 1986 wurde er abermals begnadigt.
1988 trat Michnik dem halblegalen Koordinationskomitee von Lech Wałęsa bei. Von Februar bis April 1989 beteiligte er sich an der Vorbereitung und Durchführung der Verhandlungen am Runden Tisch. Dort saß er erneut Czesław Kiszczak gegenüber, diesmal als politischer Gesprächspartner. Vereinbart wurden die schrittweise Beteiligung der Opposition und teilweise demokratische Wahlen am 4. Juni 1989.
Nach den Verhandlungen beauftragte Wałęsa Michnik mit der Herausgabe der landesweiten Wahlkampfzeitung Gazeta Wyborcza Solidarność für das Bürgerkomitee. Aus dem zunächst für den Wahlkampf geplanten Blatt wurde eine dauerhafte Publikation. Unter Michniks Leitung entwickelte sie sich zur auflagenstärksten, meistgelesenen und meinungsbildenden Tageszeitung Polens.
Der Publizist nach dem politischen Umbruch
Bei den halbfreien Wahlen 1989 wurde Michnik im Wahlkreis Bytom für das Bürgerkomitee in den Sejm gewählt. Als Abgeordneter und Redakteur der Gazeta Wyborcza unterstützte er Tadeusz Mazowiecki als Ministerpräsidenten und Präsidentschaftskandidaten.
Nachdem Mazowiecki 1990 gegen Wałęsa verloren hatte und das Bürgerkomitee zerfallen war, zog sich Michnik aus der Politik zurück. Bei den Sejm-Wahlen 1991 kandidierte er nicht erneut. Seine Arbeit konzentrierte sich fortan auf den Journalismus. Die für die Zeitung gegründete Verlagsgesellschaft Agora S.A. wuchs zu einem führenden polnischen Medienkonzern heran. Michnik erklärte, persönlich keine Anteile an Agora zu besitzen und nicht zur Geschäftsführung zu gehören.
Als Chefredakteur vertrat er einen wirtschaftlich und gesellschaftlich links-liberalen Kurs. Anfang der 1990er Jahre unterstützte er die marktwirtschaftliche „Schocktherapie“ von Leszek Balcerowicz sowie später den NATO- und EU-Beitritt Polens. Politisch stand er der Freiheitsunion am nächsten.
Außerdem befürwortete Michnik Tadeusz Mazowieckis Konzept des „dicken Schlussstrichs“. Danach sollte auf eine politische, nicht aber auf eine strafrechtliche Aufarbeitung der Verantwortlichen des kommunistischen Regimes verzichtet werden – zugunsten des gesellschaftlichen Friedens. 2001 versöhnte er sich in einem Interview öffentlich mit Czesław Kiszczak, der für seine frühere Inhaftierung verantwortlich gewesen war.
Michnik stottert teilweise stark. Durch seine öffentliche Bekanntheit trug er in Polen dazu bei, dass Stottern stärker wahrgenommen und eher akzeptiert wurde. Heute, mit 80 Jahren, bleibt ausgerechnet dieser vielfach verfolgte und eingesperrte Dissident ein Optimist. Im Warschauer Königsschloss klingt Tusks Satz dabei nach: „Wir stehen in eurer Schuld.“
