Bei der Weltmeisterschaft in Rotterdam haben die deutschen Turnerinnen einen Start nach Maß erwischt – trotz eines bitteren Fehlers am Sprung. Helen Kevric, Karina Schönmaier, Lea Marie Quaas, Emma Malewski und Madita Mayr kamen im ersten von zehn Qualifikationsdurchgängen auf 158,661 Punkte. Nur die USA lag mit 164,529 Zählern vor dem deutschen Team.

Ob das für den Einzug ins Mannschaftsfinale reicht, entscheidet sich erst am späten Montagabend, wenn alle Qualifikationsdurchgänge abgeschlossen sind. „Sehr gut“, bewertete Lea Marie Quaas den Auftritt und verwies zugleich auf die noch ausstehende Entscheidung. Bundestrainer Gerben Wiersma sprach von einer sehr starken Mannschaftsleistung. Vor allem mit den Übungen am Schwebebalken und am Stufenbarren war er zufrieden.

Kevric glänzt, Schönmaier stürzt

Am Stufenbarren setzte Helen Kevric ein Ausrufezeichen. Die Europameisterin erzielte 14,766 Punkte und führt damit nach dem Vorkampf an diesem Gerät. Eine Finalteilnahme gilt als nahezu sicher. Lea Quaas kam auf 13,166 Punkte, Karina Schönmaier auf 12,766. Emma Malewski steuerte 11,333 Punkte als Streichwert bei.

Der Sprung wurde dagegen zum Ärgernis. Das Team sammelte dort 40,632 Punkte; für die Mannschaftswertung zählte allerdings nur Schönmaiers erster Sprung. Für die Qualifikation zum Sprungfinale wurden beide Versuche berücksichtigt. Beim zweiten Sprung stürzte die 2025 amtierende Europameisterin – und hat dadurch keine Chance mehr auf das Gerätefinale.

„Ich habe aus Versehen eine halbe Drehung zu viel gemacht und dadurch in der Luft die Orientierung verloren“, erklärte Schönmaier. Nach dem visabedingten Aus der russischen Titelverteidigerin Angelina Melnikowa hatte sie als deutsche Medaillenhoffnung gegolten. Nun blieb nur der Ärger über den eigenen Anspruch: Sie habe sich ein sehr großes Ziel gesetzt und sich möglicherweise selbst unter Druck gesetzt. Ihren Wettkampf beendete sie unter dem Applaus von knapp 15.000 Zuschauern in der Ahoy Arena.

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Stabil am Balken, kleine Abzüge am Boden

Zur Halbzeit stand Deutschland bei 81,330 Punkten. Am Balken zeigte das Team vier Übungen ohne Absteiger. Die Wertungen bewegten sich zwischen 13,166 und 13,666 Punkten, wobei Kevric die höchste Note erhielt. Das war einer dieser Durchgänge, bei denen man kurz vergisst, wie viel auf dem Spiel steht.

Am Boden erzielte Emma Malewski 12,066 Punkte, Madita Mayr 12,533 und Karina Schönmaier 12,733. Lea Quaas kam auf 12,033 Punkte, nachdem ihr wegen des Verlassens der Fläche 0,3 Punkte abgezogen worden waren. Der Frauen-Wettkampf war zum Zeitpunkt des Berichts noch nicht abgeschlossen.

Für Madita Mayr vom TSV Jetzendorf und Helen Kevric vom MTV Stuttgart war Rotterdam das WM-Debüt. Zum deutschen Team gehören außerdem Schönmaier, Quaas und Malewski; Ersatzathletin ist Charleen Pach. Kevric und Wiersma bewerteten die Teamleistung als sehr stark, der Cheftrainer bedauerte zugleich Schönmaiers Sturz.

Rotterdam als erste Hürde Richtung Los Angeles

Die Weltmeisterschaft vom 17. bis 25. Oktober 2026 ist mehr als ein einzelner Wettkampf: Rotterdam bildet den Auftakt der Qualifikation für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. Die drei besten Mannschaften sichern sich jeweils direkt einen Quotenplatz. Ein Platz unter den ersten drei würde Deutschland also schon jetzt nach Kalifornien bringen; bei einem schlechteren Ergebnis fällt die Entscheidung erst bei der Weltmeisterschaft 2027.

Der Weg ist eng getaktet. Bei der WM 2027 vom 28. September bis 6. Oktober lösen die neun besten noch nicht qualifizierten Mannschaften ihr Olympiaticket, danach stehen die zwölf qualifizierten Teams fest. Zusätzlich werden Einzelstartplätze vergeben. Zwischen 24. Februar und 15. April 2028 kommen weitere Einzelplätze über die Gerätefinals der World-Cup-Serie und eine Weltcup-Rangliste hinzu – berücksichtigt werden Turnerinnen aus Ländern ohne qualifizierte Mannschaft. Bis Ende Mai 2028 folgen die Kontinentalmeisterschaften: Die besten Turnerinnen der fünf Kontinente aus noch nicht vertretenen Ländern können sich dort qualifizieren. Dazu kommen ein Startplatz für Gastgeber USA und Plätze zur weltweiten Beteiligung.

Von den 96 Startplätzen in Los Angeles entfallen 60 auf zwölf Mannschaften mit jeweils fünf Turnerinnen. 36 Plätze gehen an Einzelturnerinnen aus Ländern ohne vollständige Mannschaft. Diese Nationen konkurrieren damit mit rund 90 weiteren Ländern um wenige Einzelplätze. Für Deutschland entscheidet sich bereits 2027, wie groß die Mannschaft in Los Angeles sein wird.

Deutschland war bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris ohne Mannschaft vertreten, drei deutsche Turnerinnen hatten damals Einzelstartplätze. Helen Kevric wurde mit 16 Jahren Achte im Mehrkampf. Über Rang vier in Zagreb qualifizierte sich das deutsche Team für die Weltmeisterschaft, im Teamfinale dort belegte es Rang fünf.

Was 2028 wartet

Die Olympischen Spiele finden vom 14. bis 30. Juli 2028 statt, das Kunstturnen der Frauen vom 15. bis 25. Juli. Austragungsort ist die Crypto.com Arena in Downtown Los Angeles, die während der Spiele „DTLA Arena“ genannt wird. Rund 20.000 Plätze gibt es dort.

Im Mannschaftsmehrkampf erreichen acht Teams das Finale, jede Übung zählt. Im Einzelmehrkampf treten 24 Turnerinnen an vier Geräten an. Im Sprungfinale starten die besten acht; dort werden zwei Sprünge gezeigt und ihr Durchschnitt gewertet. Auch am Stufenbarren und am Boden kommen jeweils die besten acht ins Gerätefinale, am Schwebebalken ebenfalls – auf einem zehn Zentimeter breiten Balken. Der Boden verbindet Musik und Choreografie.

Der Zeitplan in Rotterdam sieht für den 19.10.2026 die Frauen-Qualifikation von 09:30–22:30 Uhr vor. Am 20.10.2026 folgt das Männer-Teamfinale von 19:30–22:30 Uhr, am 21.10.2026 das Frauen-Teamfinale von 19:30–22:00 Uhr. Das Männer-Mehrkampffinale ist am 22.10.2026 von 19:30–22:00 Uhr angesetzt, das Frauen-Mehrkampffinale am 23.10.2026 ebenfalls von 19:30–22:00 Uhr. Die Gerätfinals I finden am 24.10.2026 von 14:00–18:00 Uhr statt, die Gerätfinals II am 25.10.2026 von 14:00–18:00 Uhr.

Tickets für Los Angeles werden über die offizielle Plattform des Organisationskomitees LA28 verkauft. Der offizielle Qualifikationsweg ist im Regelwerk des Weltverbands World Gymnastics festgelegt. Fürs Erste aber zählt in der Ahoy Arena jeder saubere Stand – und jeder Zehntelpunkt.

Quelle: Saarbrücker Zeitung
Weitere Informationen: Deutscher Turner-Bund
Einordnung: Kunstturnen Deutschland