In Portugal sind Beschäftigte von Concentrix gemeinsam mit der Gewerkschaft SINTTAV am 26. Oktober landesweit in den Streik getreten. Ihr Protest richtet sich gegen stagnierende Löhne und Arbeitsbedingungen, die viele Mitarbeitende als körperlich und psychisch belastend erleben. In Lissabon versammelten sich Beschäftigte vor Concentrix-Standorten; Unterstützung kommt von UNI Global.

Auf der Forderungsliste stehen faire Löhne und menschenwürdige Arbeitsbedingungen, eine 35-Stunden-Woche sowie tägliche Pausen von 50 Minuten. Außerdem soll die Gesprächszeit auf sechs Stunden pro Tag begrenzt werden. SINTTAV verlangt zudem, den Jahresurlaub von 22 auf 25 Tage zu erhöhen und an Arbeitsstandorten mit hoher Beschäftigtendichte eine ständige Beratungsstelle einzurichten.

Wenn Vollzeit nicht mehr reicht

Nach Angaben der Gewerkschaft sind die Löhne unverändert geblieben, während Inflation, Hypothekenzinsen, Mieten und Lebensmittelpreise gestiegen sind. Für viele Beschäftigte gehe sich der bisherige Lebensstandard deshalb nicht mehr aus. Selbst eine Vollzeitstelle schütze nicht mehr zuverlässig vor Armut.

Der Job im Kundenkontakt hinterlässt dabei nicht nur am Monatsende Spuren. Beschäftigte berichten von erfolglosen, aggressiven, beleidigenden, rassistischen oder fremdenfeindlichen Kontakten. Mitarbeitende mit Migrationshintergrund könnten besonders häufig Ziel diskriminierenden Verhaltens werden. Solche Erfahrungen können laut SINTTAV unter anderem Panikattacken oder akute psychische Symptome auslösen.

Die Gewerkschaft begründet ihre Forderungen mit dem Schutz der körperlichen und psychischen Gesundheit, einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sowie effizienteren und nachhaltigeren Arbeitszeitregelungen. Benjamin Parton, Leiter von UNI ICT & Related Services, erklärte, die Beschäftigten erbrächten hochwertige Leistungen in einem intensiven und psychisch belastenden Umfeld. Er forderte Concentrix auf, Verhandlungen über angemessene Löhne und Arbeitsbedingungen aufzunehmen.

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Portugal hat mit kürzeren Arbeitszeiten experimentiert

Dass eine kürzere Woche nicht bloß ein schöner Wunsch auf einem Plakat sein muss, zeigt Portugal selbst. Die öffentliche Verwaltung arbeitet seit 2016 wieder 35 Stunden pro Woche. In einem 2023 gestarteten, staatlich unterstützten Pilotprojekt reduzierten mehr als 1.000 Beschäftigte in 41 Unternehmen ihre Arbeitszeit.

Der Anteil der Beschäftigten, die Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben meldeten, sank dabei von 50 auf 16 Prozent. Beschäftigte berichteten außerdem von weniger Stress und Burnout. 93 Prozent wollten die kürzere Arbeitswoche beibehalten. Für die Streikenden bei Concentrix ist das ein ziemlich konkreter Hinweis darauf, dass andere Modelle funktionieren können.

Unruhe in der portugiesischen Callcenter-Branche

In ein breiteres Bild passt die angekündigte Umstrukturierung bei Teleperformance. Das Unternehmen will in Portugal zur Kostenkontrolle rund 200 Beschäftigte entlassen. Die Gewerkschaft Sinttav wurde bei einem Treffen mit der Unternehmensleitung über die geplanten Maßnahmen informiert; die betroffenen Mitarbeitenden werden laut Gewerkschaft derzeit individuell kontaktiert.

Betroffen sind Beschäftigte im operativen Kundenservice ebenso wie Mitarbeitende im mittleren und höheren Management sowie zugehörige Support-Teams. Teleperformance begründet die Maßnahme mit „strukturellen Gründen“ und einer notwendigen internen Neuausrichtung. Nach Angaben des Unternehmens handelt es sich um eine geschäftsübergreifende Entscheidung zur Sicherung der wirtschaftlichen Stabilität.

Laut Sinttav erklärte Teleperformance, das gewählte Verfahren solle den Betroffenen den Zugang zu Arbeitslosenleistungen ermöglichen. Während der langjährigen Präsenz von Teleperformance in Portugal habe es nach Angaben der Gewerkschaft bislang keine Massenentlassungen gegeben.

Sinttav erkennt das Recht von Unternehmen an, Strukturen anzupassen, will die sozialen Auswirkungen aber begleiten. Kritisch sieht die Gewerkschaft, dass internationale Konzerne zunehmend auf die Flexibilisierung des Arbeitsrechts verwiesen, um betriebliche Anpassungen durchzusetzen. Sie fordert, Arbeitsplätze zu sichern und verantwortungsvoll mit der Belegschaft umzugehen. Ein weiteres Treffen zwischen Gewerkschaft und Unternehmensvertretern wurde für den 22. Oktober zur Klärung des Sachverhalts vereinbart.

Während bei Teleperformance über Stellenabbau und wirtschaftliche Stabilität gesprochen wird, geht es bei Concentrix um die tägliche Belastung am Telefon, um Pausen, Lohn und den kurzen Moment, in dem nach einem schwierigen Gespräch einmal niemand etwas verlangt. Der Streik macht daraus eine öffentliche Angelegenheit – in Lissabon vor den Standorten und landesweit am 26. Oktober.