Erwin De Deyn: Gewerkschafter zwischen europäischer Solidarität und belgischem Sozialkonflikt
Erwin De Deyn ist am 20. September 2026 im Alter von 73 Jahren in seinem Haus in Antwerpen im Kreis seiner Familie gestorben. Der frühere Bundesvorsitzende der BBTK-SETCa, der sozialistischen belgischen Gewerkschaft für den Dienstleistungssektor, hinterlässt seine Frau Rita, seine Kinder und weitere Angehörige.
Sein Weg in die Gewerkschaft begann nicht am Schreibtisch einer Organisation, sondern als Wirtschaftsingenieur bei „Test Aankoop“. Danach wechselte De Deyn in die Gewerkschaftsarbeit. 13 Jahre lang war er als Bildungsbeauftragter in ganz Belgien unterwegs, bevor er 1992 zum Bundessekretär der BBTK-SETCa gewählt wurde.
Vom Bildungsbeauftragten an die Spitze
2004 übernahm De Deyn das Amt des Vizepräsidenten, zwei Jahre später wurde er Präsident der Gewerkschaft. 13 Jahre blieb er an ihrer Spitze. In dieser Zeit entwickelte sich die BBTK-SETCa zur größten Gewerkschaft innerhalb des belgischen Gewerkschaftsbundes ABVV-FGTB.
Auch international mischte er sich ein. Seit Anfang der 2000er Jahre gehörte De Deyn den Führungsgremien von UNI Europa und UNI Global Union an und arbeitete dort eng mit dem Handelssektor zusammen. Sein Einsatz galt der internationalen Solidarität und einer Gewerkschaftsarbeit, die nicht an Landesgrenzen Halt macht.
Eine Stimme für den Dienstleistungssektor
Nach seinem Ruhestand vertrat De Deyn UNI Europa in der Beratenden Kommission für den industriellen Wandel des Europäischen Wirtschafts- und Sozialausschusses. Dort brachte er die Anliegen der Beschäftigten im Dienstleistungssektor in die europäischen Debatten über den industriellen Wandel ein – also jene Debatten, in denen es schnell um große Strukturen geht, während die Folgen am Ende im Alltag von Beschäftigten ankommen.
2021 war er als Vertreter der belgischen Gastgeber maßgeblich an der Organisation der 5. UNI-Europa-Konferenz in Brüssel beteiligt. Die Gewerkschaftsorganisation würdigt damit einen Mann, der nationale Erfahrung und europäische Zusammenarbeit miteinander verbunden hat.
Belgien streitet über Renten, Nachtarbeit und Kaufkraft
Der Tod De Deyns fällt in eine Zeit, in der belgische Gewerkschaften erneut auf die Straße gehen. Die neue belgische Regierung, die „Arizona“ genannt wird, plant im Rahmen eines erneuerten EU-Sparkurses Einschnitte bei Renten, Gesundheitsleistungen und der Kaufkraft der Arbeitnehmer in Milliardenhöhe. Außerdem soll die Vergütung für Nachtarbeit gekürzt werden.
Davon wären gerade Beschäftigte im Dienstleistungssektor betroffen: Reinigungskräfte, Einzelhandelsangestellte und Sicherheitskräfte. Viele von ihnen sind nach Darstellung von UNI Europa auf die Zuschläge für Nachtschichten angewiesen. Eine Kürzung könnte ihre finanzielle Existenz gefährden, die Arbeitsbedingungen verschlechtern und den Personalmangel in systemrelevanten Bereichen weiter verschärfen. Nachtdienst ist ohnehin kein Zuckerschlecken.
Eine gemeinsame Front belgischer Gewerkschaften veranstaltet deshalb in Brüssel eine landesweite Demonstration. Im Mittelpunkt stehen die Verteidigung öffentlicher Dienste, der sozialen Sicherheit und der Kaufkraft der Arbeitnehmer. UNI Europa erklärt seine Unterstützung für die Gewerkschaften und fordert gerechte Löhne, angemessene Arbeitsbedingungen sowie starke öffentliche Dienstleistungen.
Angenommen wurde diese Erklärung vom Verwaltungsausschuss von UNI Europa. De Deyn, der über Jahre in den Führungsgremien der Organisation mitarbeitete und die Interessen von Beschäftigten über Grenzen hinweg vertrat, hätte die Auseinandersetzung wohl sehr genau verfolgt.
Quelle: UNI Global Union
Kontext: UNI Europa
