Frankreichs Proteste zeigen die strukturellen Schwächen der Eurozone
Uni Europa, 27.10.2026. In Frankreich sind erneut Hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen. Der Protest richtet sich gegen Wohnungsnot, steigende Preise und Inflation. Dazu kommt der Ärger über teurer werdendes Benzin wegen des Kriegs im Iran. Auch die Folgen des Kriegs in der Ukraine belasten viele Haushalte. Es ist diese Mischung aus Alltagssorgen und politischer Erschöpfung, die den Unmut so laut macht.
Der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann ordnet die Demonstrationen und ihre Bedeutung für die Europäische Union ein. Einen generellen Absturz der jungen Generation gegenüber früheren Generationen sieht er allerdings nicht. Die ungelösten innenpolitischen Probleme konzentrierten sich vor allem auf Frankreich, Italien, Spanien, Deutschland und Großbritannien. Gerade bei Bildung und Beschäftigung laufe einiges schief: In diesen Ländern seien die Bildungssysteme teilweise problematisch. In Frankreich ist die Jugendarbeitslosigkeit seit Langem hoch, weil viele Menschen studieren, danach aber keine Beschäftigung finden.
Frankreich wächst – aber nicht für alle
Ein Blick auf die Zahlen ergibt ein gemischtes Bild. Seit 2019 ist das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Frankreich um 3,2 Prozent gewachsen. Das liegt unter dem Durchschnitt der Eurozone. Deutschlands Wirtschaft schrumpfte im selben Zeitraum sogar leicht.
Auch bei der Arbeitslosigkeit ist die Lage nicht einfach schwarz oder weiß. Die Langzeitarbeitslosenquote sank in Frankreich innerhalb von sechs Jahren von 2,3 auf 1,8 Prozent. Damit liegt sie unter dem Durchschnitt der Eurozone, aber deutlich über dem deutschen Niveau. Gleichzeitig stieg die Jugendarbeitslosenquote auf 12,9 Prozent, während sie in der Eurozone auf durchschnittlich 11 Prozent sank. In Deutschland nahm sie ebenfalls zu, bleibt aber weiterhin deutlich niedriger.
Beim Einkauf spüren die Menschen die Entwicklung ohnehin unmittelbarer als in volkswirtschaftlichen Kurven. Die Preise in Frankreich liegen heute mehr als 18 Prozent über dem Niveau vor der Covid-Pandemie. In der Eurozone und in Deutschland fiel der Preisanstieg sogar noch stärker aus. Eine Wohnung in den großen Städten oder Ballungszentren zu finden, wird dadurch nicht gerade leichter. Eher im Gegenteil.
Ein Staat unter Druck
Frankreich gilt an den Finanzmärkten als besonders verwundbar. Das Vertrauen in die französische Budgetpolitik sinkt, die Kurse der Staatsanleihen fallen und ihre Renditen steigen. Für Paris wird es damit teurer, die Staatsschulden zu finanzieren.
Vor 30 Jahren lag die französische Schuldenquote bei rund 65 Prozent der Wirtschaftsleistung. Heute sind es 116 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Frankreich hat sich damit von Deutschland entfernt und Italien angenähert. Die Kosten der französischen Schulden stiegen zuletzt auf knapp 5 Prozent. Deutsche Staatsanleihen lagen zum Vergleich bei einer Rendite von 3,4 Prozent – rund 1,6 Prozentpunkte niedriger.
Seit der Eurokrise steckt Europa ohnehin in einer schwierigen Lage: Das Wachstum ist durchschnittlich schwach, die Industrie leidet unter der Konkurrenz aus China, und mehrere Krisenherde bestehen gleichzeitig. Eine große Krise in den kommenden Monaten hält Straumann trotzdem nicht für wahrscheinlich. Die Fehler der Eurokrise vor 15 Jahren würden sich voraussichtlich nicht wiederholen.
Sollte die Lage wirklich bedrohlich werden, werde die Europäische Zentralbank laut Straumann eingreifen. Das könne die Situation wieder beruhigen. Ein Rettungsseil ist das, keine dauerhafte Reparatur – aber manchmal reicht genau das, damit die Nervosität an den Märkten nicht völlig aus dem Ruder läuft.
Eine gemeinsame Währung, aber kein gemeinsames Haus
Das strukturelle Problem der Eurozone liegt tiefer. Es gibt eine gemeinsame Währung, aber keine gemeinsame Finanzpolitik und keine gemeinsame politische Union. Anders als in der Schweiz fehlen gemeinsame Ausgleichsmechanismen für schwächere Regionen. Auch die Arbeitskräftemobilität ist deutlich geringer. Wenn eine Region unter Druck gerät, können Menschen also nicht ohne Weiteres dorthin wechseln, wo es mehr Arbeit gibt.
Dadurch bleibt der Euroraum anfällig. Die kommenden fünf bis zehn Jahre dürften schwierig werden. Neu ist vor allem, dass auch Deutschland schwächer geworden ist. Wenn Frankreich und Deutschland gleichzeitig Probleme haben, könnte das den gesamten europäischen Raum belasten. Frankreich hat wegen seiner hohen Verschuldung kaum noch finanziellen Spielraum für eine neue Krise.
Ob aus den Protesten ein Flächenbrand in Europa wird, lässt sich daraus nicht ablesen. Sicher ist nur: Die Wut hängt nicht an einem einzigen Preisschild. Sie sitzt in überfüllten Wohnungssuchen, in unsicheren Berufseinstiegen, an der Zapfsäule und in der Frage, wie lange Staaten ihre Versprechen noch finanzieren können.
