Serbiens Studentenbewegung erringt absolute Mehrheit und beendet Vučićs Machtära
Die Studentenliste hat die vorgezogene Parlamentswahl in Serbien gewonnen und die absolute Mehrheit erreicht. Nach vorläufigen Angaben kam die aus den Protesten hervorgegangene Studentska Lista mit ihrem Spitzenkandidaten Ilija Srdanovic auf knapp 53 Prozent der Stimmen. Hochrechnungen des ZDF sprachen von gut 52 Prozent, die Wahlforschungsgruppe CRTA von 51,5 Prozent. Endgültige Ergebnisse lagen zunächst nicht vor.
Bundeskanzler Merz gratulierte der Studentenliste auf X. Sie habe die Menschen mit Forderungen nach Rechtsstaatlichkeit, Korruptionsbekämpfung und Grundfreiheiten erreicht, schrieb er. Deutschland werde Serbiens europäischen Weg engagiert unterstützen. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident António Costa boten der Liste eine enge Zusammenarbeit an. Die EU wolle Reformen bei Rechtsstaatlichkeit, Medienfreiheit, Korruptionsbekämpfung und demokratischen Institutionen fördern und Serbiens Beitrittsprozess voranbringen.
Jubel nach dem Machtwechsel
Die Partei des langjährigen Machthabers Aleksandar Vučić, „Vereintes Serbien“ beziehungsweise die Serbische Fortschrittspartei SNS, erhielt rund 39 Prozent. CRTA sah sie bei 40,4 Prozent; nach Vučićs eigenen Angaben könnte die Studentenliste 135 bis 140 der 250 Parlamentssitze bekommen, die SNS etwa 105. Vučić räumte seine Niederlage ein. Anhand der ersten Ergebnisse sei klar, dass seine Partei verloren habe.
Nach Bekanntwerden der Zahlen wurde es laut in mehreren Städten. In Belgrad zogen hupende Autokorsos durch die Straßen, Feuerwerke gingen hoch, Zehntausende versammelten sich auf dem Slavija-Platz. Vor der Zentrale der Studentenliste riefen Unterstützer „Sieg, Sieg“ und umarmten sich. Der Belgrader Universitätsprofessor Radomir Sajcic sagte im Namen der Bewegung: „Heute Abend findet die Stimme des Volkes Gehör. Heute Abend feiern wir den Sieg, morgen gestalten wir die Zukunft.“
Ilija Srđanović, der Spitzenkandidat der Liste, erklärte: „Nie wieder Tyrannen in unserem Land.“ Die Schreibweise seines Namens wird in den Berichten unterschiedlich wiedergegeben: Ilija Srdanovic und Ilija Srđanović. Er ist Kardiologe und stammt aus Novi Sad.
Die Wahlbeteiligung lag auf Rekordniveau. Nach Angaben örtlicher Medien stimmten etwa 70 Prozent ab – so viele Menschen wie seit rund 30 Jahren nicht mehr beziehungsweise seit dem Zerfall Jugoslawiens 1992. Bis 19 Uhr hatten laut CRTA 67,8 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme abgegeben; bei der Parlamentswahl im Dezember 2023 waren es insgesamt 58,8 Prozent. Rund 6,4 Millionen Menschen waren zur Wahl der 250 Abgeordneten der Nationalversammlung aufgerufen.
Eine Bewegung wird Partei
Die Studentenliste hat bislang kein konkretes Regierungsprogramm vorgelegt. Zunächst kündigte sie an, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen, Korruption zu bekämpfen und als Übergangsregierung zu arbeiten. Fragen zum EU-Beitritt, zum Verhältnis zu Russland und zum Umgang mit dem Kosovo ließ sie bewusst offen, um möglichst viele Unterstützer zu gewinnen.
Auf der Liste stehen überwiegend Fachleute aus der Zivilgesellschaft: Ärzte, Künstler, Professoren und Hochschullehrer – nicht vor allem Studierende. Wer Regierungschef werden soll, ist noch unklar. Organisiert ist die „Studentska Lista“ basisdemokratisch; ihr Ziel war, die SNS von der Macht abzulösen.
Entstanden ist die Bewegung nach dem Einsturz eines Bahnhofsvordachs in Novi Sad im November 2024. 16 Menschen starben. Kritiker machten Korruption und unzureichende Kontrollen für das Unglück mitverantwortlich. Studierende begannen zu protestieren, daraus wurde eine landesweite Bewegung mit großer Unterstützung. Hunderttausende gingen auf die Straße und forderten vorgezogene Neuwahlen. Es waren die größten Proteste in Serbien seit dem Sturz Slobodan Miloševićs im Jahr 2000.
Vučić hatte die Neuwahl im September angesetzt. Vorausgegangen waren fast zwei Jahre Proteste gegen mutmaßliche Korruption und zunehmenden Autoritarismus. Er war 2014 Ministerpräsident und 2017 Präsident geworden. Ende September trat der 56-Jährige vom Amt des Staatspräsidenten zurück; mit der Neuwahl wollte er nach Angaben von Nachrichtenagenturen den Weg zurück an die Regierungsspitze vorbereiten. Von 2014 bis 2017 war er bereits Ministerpräsident.
Unregelmäßigkeiten und offene Fragen
Ganz glatt lief die Abstimmung nicht. Zivilgesellschaftliche Organisationen hatten schon vor dem Wahltag erklärt, die Voraussetzungen für eine freie und faire Wahl seien nicht erfüllt. Berichtet wurde über verspätet geöffnete Wahllokale, mutmaßlichen Stimmenkauf und Einschüchterung von Wählern. CRTA meldete Hinweise darauf, dass ausgefüllte Stimmzettel fotografiert worden seien. Medien berichteten außerdem von gewalttätigen Angriffen auf Wahlbeobachter und Journalisten.
In der südserbischen Stadt Niš sollen rund 30 Unbekannte ein Wahllokal gestürmt und Anwesende angegriffen haben. Wahlkampf und Abstimmung fanden damit unter angespannten Bedingungen statt. Auch im Ausland war der Andrang groß: In Paris, Prag, Bern, Wien und Stuttgart warteten Wahlberechtigte teils mehrere Stunden. In den USA und Australien nahmen sie sogar eine Verlegung der Abstimmung in die Nacht in Kauf.
Vučić prägte die serbische Politik seit 2012 in wechselnden Funktionen. Kritiker werfen ihm vor, demokratische Institutionen geschwächt, unabhängige Medien und politische Gegner unter Druck gesetzt und Korruption begünstigt zu haben. Unter seiner Führung lehnte sich Serbien außenpolitisch an Russland und China an.
Der EU-Beitrittsprozess stockte. Serbien besitzt seit 2012 den Status eines EU-Beitrittskandidaten und verhandelt seit 2014 über die Mitgliedschaft, doch die Gespräche kamen zuletzt kaum voran. Beobachter nennen den Abbau demokratischer Strukturen unter Vučić als einen Grund dafür. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos erklärte, nach fast zwei Jahren Protesten könne für Serbien nun ein neues Kapitel beginnen. Die Tür zur EU stehe offen.
Die Nachricht über den Wahlsieg wurde am 26. Oktober 2026 im Deutschlandfunk ausgestrahlt. Auch am Ort Uni Europa dürfte man an diesem Montag genauer nach Belgrad schauen: auf eine Studentenbewegung, die plötzlich über Mehrheiten, eine Übergangsregierung und Europas nächste Schritte sprechen muss.
