Die Murhardsche Bibliothek in Kassel ist nach neun Jahren Bauzeit wieder vollständig geöffnet. Seit mehr als einem Jahrzehnt sind dort erstmals wieder bedeutende Handschriften und Kulturgüter öffentlich zu sehen. Für Studierende, Forschende und alle, die sich gern zwischen alten Buchseiten verlieren, ist das mehr als eine offene Tür – eher ein ziemlich großer Schritt zurück ins Licht.

Im modernen Tresorraum liegen unter anderem die Immenhäuser Gutenberg-Bibel, der Willehalm-Kodex aus dem 14. Jahrhundert und das Hildebrandlied aus dem 9. Jahrhundert. Die wertvollen Bestände waren seit 2012 ausgelagert. Jetzt sind sie wieder an dem Ort, zu dem sie gehören: in der Murhardschen Bibliothek, die seit 1905 besteht und zur Universität Kassel gehört.

Neuer Tresor, alte Schätze

Das Hildebrandlied ist auf zwei Pergamentblättern überliefert. Es gilt als einzige erhaltene schriftliche Überlieferung eines germanischen Heldengedichts in deutscher Sprache und zugleich als ältestes sowie einzig erhaltenes germanisches Heldenlied der deutschen Literatur. Der Codex Casselanus, in dem sich das Fragment befindet, wird heute in der Universitätsbibliothek Kassel aufbewahrt.

Die Sanierung begann 2017. Das Land Hessen beziffert die Gesamtkosten auf 17,9 Millionen Euro. Neubau und sanierter Kopfbau wurden bereits 2024 teilweise eröffnet. Nun umfasst das Gebäude unter anderem einen 210 Quadratmeter großen Tresorraum, ein Magazin, einen Lesesaal und moderne Sicherheitstechnik. Hessens Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) bezeichnete die vollständige Wiedereröffnung als Gewinn für Forschung und Öffentlichkeit.

Das Fragment erzählt vom Beginn des Zweikampfs zwischen Hildebrand und seinem Sohn Hadubrand, zwei Figuren aus dem Sagenkreis um Dietrich von Bern. Gewöhnlich wird der Text mit 68 Langversen in althochdeutschen beziehungsweise altsächsischen Stabreimen wiedergegeben. Den Titel prägten die ersten wissenschaftlichen Herausgeber Jacob und Wilhelm Grimm.

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Ein Vater, ein Sohn und kein Ausweg

Hildebrand hatte Frau und Kind verlassen und war als Gefolgsmann Dietrichs ins Exil gezogen. Nach 30 Jahren kehrt er zurück. An der Grenze zwischen zwei Heeren trifft er auf einen jungen Krieger und fragt ihn nach dessen Vater. Die Antwort bringt die bittere Erkenntnis: Vor ihm steht Hadubrand, sein eigener Sohn.

Hildebrand gibt sich zu erkennen und bietet ihm goldene Armringe als Zeichen der Verwandtschaft an. Hadubrand weist die Geschenke zurück. Er nennt Hildebrand einen betrügerischen alten Hunnen und beruft sich auf Berichte von Seefahrern, nach denen sein Vater tot sei. Für ihn wirkt Hildebrands Auftreten wie eine Beleidigung des Andenkens an den vermeintlich verstorbenen Vater.

Nach dieser Zurückweisung und Ehrverletzung sieht Hildebrand keinen friedlichen Ausweg mehr. Nach den damaligen Ehrvorstellungen muss er die Herausforderung annehmen, obwohl dadurch sein eigener Tod oder der Tod seines Sohnes droht. Seine Klage bringt die Katastrophe auf den Punkt: „Wehe, waltender Gott, ein schlimmes Schicksal nimmt seinen Lauf!“ Dann bricht der überlieferte Text ab – genau in dem Moment, in dem Vater und Sohn zum unvermeidlichen Kampf ansetzen.

Ein späterer altnordischer Text berichtet, dass Hadubrand vermutlich im Kampf stirbt. Der Schluss des ursprünglichen Liedes ist jedoch nicht erhalten. In der Ásmundar saga kappabana aus dem 13. Jahrhundert findet sich ein fragmentarisches „Hildebrands Sterbelied“: In sechs unvollständigen Strophen beklagt Hildebrand rückblickend den Tod seines einzigen Sohnes und bezeichnet sich als dessen unfreiwilligen Mörder.

Das deutsche Jüngere Hildebrandslied lässt ebenfalls den Vater siegen, allerdings erkennt er den Sohn rechtzeitig. In einer später überlieferten Variante erkennen sich beide mitten im Kampf, schließen sich in die Arme und kehren versöhnt zu Mutter und Ehefrau zurück. Diese Fassung gelangte bereits im 13. Jahrhundert nach Skandinavien und wurde in die Thidrekssaga aufgenommen. Dort gehen Vater und Sohn gemeinsam und erfreut zur Familie zurück.

Solche Vater-Sohn-Kämpfe tauchen auch in der irischen Sage von Cuchullin und Conlaoch, in der russischen Sage von Ilja und Sbuta Sokolniek sowie in der persischen Sage von Rostam und Sohrab auf. Besonders oft wird das Hildebrandslied mit Rostam und Sohrab aus Firdausis persischem Nationalepos Schāhnāme verglichen. Rostam erkennt dort erst am Armreif seines sterbenden Gegners, dass er seinen eigenen Sohn getötet hat. Friedrich Rückert machte die Episode 1838 mit seiner Nachdichtung Rostem und Suhrab im deutschen Sprachraum bekannt.

Im Ödipus Tyrannos des Sophokles ist die Konstellation umgekehrt: Der Sohn tötet den Vater. Für die Parallelen wurden eine indogermanische Ursage, eine Wandersage beziehungsweise Weltnovelle sowie universelle psychische und soziale Grundmuster vorgeschlagen. Die Brüder Grimm erwähnten das Motiv außerdem im Zusammenhang mit dem Märchen Der treue Johannes und dem Schwank Der alte Hildebrand.

Ein Text voller Brüche

Schlicht ist das Lied aufgebaut, aber gerade darin steckt seine Härte. Es verwendet bewusst ältere dichterische Formen. Die Eröffnung „Ik gihorta dat seggen“ entspricht Formeln aus anderen germanischen Dichtungen, etwa dem Wessobrunner Gebet. Pausen, Stabreim, besondere Formeln und der sogenannte Hakenstil geben dem Text seinen eigentümlichen Rhythmus.

Die Metrik orientiert sich am germanischen Stabreimvers, wird aber durch Prosazeilen, Endreime und Unregelmäßigkeiten teilweise durchbrochen. Der Aufbau führt von der einleitenden Handlung in eine erste Dialogsequenz, schiebt eine kurze Handlung in der Textmitte ein, bringt eine zweite Dialogsequenz und endet mit der Handlung des Zweikampfs.

Wie einzelne Verse genau zu Hildebrand oder Hadubrand gehören, war in der Forschung umstritten. Ältere Editionen vermuteten an mehreren Stellen Textverluste oder Überlieferungsfehler und veränderten Wortlaut und Versfolge. Die neuere Forschung behandelt die erhaltene Fassung weitgehend konservativ und geht von einer bewussten künstlerischen Gestaltung aus. Die Verse 46–48 werden heute mehrheitlich Hadubrand zugeschrieben und nach Vers 57 eingeordnet.

Die Handlung wird in das 5. Jahrhundert eingeordnet. Im Text erscheinen historische beziehungsweise sagenhafte Figuren: Odoaker als Otacher, Theoderich der Große als Theotrich, Detrich oder Deotrich und vermutlich Attila als Herr der Hunnen. Odoaker setzte 476 den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus ab und wurde anschließend zum König von Italien ausgerufen. Theoderich entwickelte sich in der germanischen Heldensage zu Dietrich von Bern, Attila zur Figur Etzel beziehungsweise Atli im deutschen und nordischen Nibelungenstoff.

Ältere Forschungen identifizierten Hildebrand mit dem ostgotischen Heerführer Gensimund. Rudolf Much brachte die Figur mit Ibba beziehungsweise Hibba in Verbindung, einem Heerführer Theoderichs. Die politischen Konflikte dieser Zeit könnten als historischer Hintergrund für Kämpfe zwischen verwandten Angehörigen gegnerischer Heere gedient haben.

Von Fulda nach Kassel

Aufgezeichnet wurde das Lied etwa 830–840 von zwei unbekannten Fuldaer Mönchen. Die Sprache ist überwiegend Althochdeutsch, weist aber altsächsische, altbairische und angelsächsische Schreibmerkmale auf. Die erste Schreiberhand schrieb vermutlich die Verse 1–29, die zweite die Verse 30–41. Angelsächsische Einflüsse zeigen sich unter anderem im Schriftzeichen ƿ für den w-Laut und in der Ligatur æ.

Die sprachliche Mischung wird damit erklärt, dass eine altsächsische Schreibkraft ein althochdeutsches Lied nach einer Vorlage übertrug. Das Wort sunufatarungo gilt als besonders auffälliges Einzelwort; seine genaue Bedeutung ist ungeklärt. Sprachliche Merkmale weisen sowohl auf oberdeutsche als auch auf niederdeutsche Einflüsse hin. Georg Baesecke stellte dem überlieferten Text eine rekonstruiert rein althochdeutsche Fassung gegenüber.

Die ursprüngliche Fassung wird teilweise in Oberitalien vermutet.