Zwischen Warendorf und Milte führt eine archäologische Spurensuche mitten hinein in die Stadt- und Regionalgeschichte. An der B64 untersucht die Archäologie Hinweise auf eine mögliche Bastion. Gefundene Hölzer, Hufeisen und Skelette könnten neue Erkenntnisse liefern – wobei die Skelette verschickt werden und damit erst einmal anderswo untersucht werden.

Rätselhaft wirkt auch ein Feld bei Milte: Dort zeichnet sich ein dunkelgrüner Kreis ab, durchzogen von weiteren Linien. Archäologe Michael Schroer deutet die Struktur als mögliche Motte, also als Turmhügelburg. Falls sich diese Annahme bestätigt, könnte dort früher ein Adliger eine Burg bewohnt haben.

Was eine Motte verrät

Der Begriff „Motte“ stammt aus dem Französischen und bezeichnet ursprünglich einen kleinen Hügel in ebener Umgebung. In Norddeutschland weisen vor allem kreisrunde Spuren an oder unter der Erdoberfläche auf solche Anlagen hin. Von den meist hölzernen Burgen bleibt nach Jahrhunderten oberirdisch kaum etwas übrig. Lidar-Laserscans helfen deshalb weiter: Michael Wesemann vom Landesamt für Denkmalpflege in Oldenburg lässt dabei die Vegetation digital ausblenden. So treten Geländeformen und typische Baumerkmale hervor.

Wie viele solcher Anlagen tatsächlich im Boden stecken, hat selbst Fachleute überrascht. Lidar-Untersuchungen in den ehemaligen Grafschaften Diepholz und Hoya brachten mehr Spuren mittelalterlicher Turmhügelburgen ans Licht als erwartet. Das Thema war bereits Gegenstand einer Tagung zur Regionalgeschichte im Oktober 2022 im Syker Kreismuseum.

Ein anschauliches Beispiel liegt in Wachendorf bei Syke. Professor Ulrich Hucker von der Universität Vechta besichtigte das Gelände gemeinsam mit Wesemann und der Gästeführerin Elke Butt. Auf dem ehemaligen Carrell-Gelände neben dem Campingplatz „Zum Heussen“ erhebt sich ein etwa sieben bis neun Meter hoher, unverbauter Hügel. Einheimische kennen ihn seit Langem als „Knipkenbarg“.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Hucker ordnet den Hügel als besonders ausgeprägte, „idealtypisch“ angelegte Motte ein. Die Anlage war nahezu vollständig von Wasser umgeben; gespeist wurde es vom Wachendorfer Mühlenbach und vom Legenhauser Graben. In historischen Quellen werden solche Bauwerke als „Tornewort“ bezeichnet: „Torne“ steht für Burg, „Wort“ bedeutet vermutlich Hügel.

Ritter, Meierhof und offene Fragen

Eine Turmhügelburg konnte vieles sein: Machtdemonstration, Wehrbau, Vorratsgebäude oder repräsentativer Wohnsitz. Nach Einschätzung von Elke Butt gehörte zur Wachendorfer Motte wahrscheinlich ein großer Meierhof. Er könnte für die Einziehung von Abgaben aus dem Dorf zuständig gewesen sein – vielleicht war es auch der Hof, mit dem der erste Wachendorfer Ritter belehnt wurde. Jahrhunderte später wurde er noch als Rittergut bezeichnet.

Hucker erforscht Schriftquellen zu den früheren Besitzern und möglichen Erbauern. Angehörige der Familie von Wachendorf wanderten offenbar nach Bremen ab. Im Bremer Bürgerbuch werden Mitglieder des Geschlechts erwähnt; 1326 wurden sie als „ratsfähiges Geschlecht“ geführt. Ob sie Edelfreie oder Ministeriale waren, bleibt unklar.

Wachendorf war früher Bruchland im königlichen Besitz und wurde im Weserraum durch den Erzbischof vergeben. Schriftquellen zufolge ging die Lehnshoheit über Teile Wachendorfs im 13. Jahrhundert zunächst an die Grafen von Oldenburg und später an die verwandten Grafen von Oldenburg-Altbruchhausen über. 1338 kauften die Grafen von Hoya die Herrschaft Altbruchhausen; damit kam auch Wachendorf unter ihre Herrschaft. Für diese Zeit ist ebenfalls ein großer Meierhof belegt.

Die Wachendorfer Motte gilt als einzige erhaltene Anlage dieser Art in der ehemaligen Grafschaft. Zugleich ärgern sich Hucker und Wesemann darüber, dass kein direkter Zugang vom Gelände des heutigen Pflegeheims erlaubt wird. Das Bodendenkmal lässt sich dadurch weder wissenschaftlich noch öffentlich einfach begehen. Man steht also davor – und kommt doch nicht richtig hin.

Von Kanzach bis Wolkenburg

Wie breit das Thema ist, zeigt die umfangreiche Liste deutscher Turmhügelburgen. Erfasst sind erhaltene, teilweise erhaltene, rekonstruierte, überbaute oder dokumentierte Anlagen aus Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, dem Saarland, Sachsen und Thüringen. Die Einträge nennen meist den Namen der Burg oder Burgstelle, den Ort beziehungsweise Ortsteil, den Erhaltungszustand und sichtbare Befunde wie Burghügel, Wälle, Gräben sowie Mauer- und Fundamentreste. Manchmal kommen archäologische Funde, Maße, historische Belege oder Denkmaldaten hinzu.

Dabei ist nicht alles eine Motte im engen Sinn. Die Liste enthält auch Wasserburgen, Burgställe, Erdwerke und Anlagen, bei denen eine Motte lediglich vermutet wird. In Baden-Württemberg finden sich etwa die rekonstruierte Bachritterburg Kanzach mit Wirtschaftshof, die erhaltene Burg Gießen bei Kressbronn am Bodensee, die Turmhügelburg Leinroden bei Abtsgmünd-Leinroden und die erhaltene Turmburg Oflings bei Wangen im Allgäu. Dazu kommen zahlreiche Burghügel, Grabenanlagen und abgegangene Burgen im Raum Stuttgart, Freiburg, Ulm, Riedlingen, Crailsheim und Göppingen.

Aus Bayern werden unter anderem die Turmhügelburg Autengrün mit Insel und Wassergraben, Burg Dietmannsried mit Turmhügel und Ringgraben, der Turmhügel Hechenberg bei Dietramszell als Insel in einem Weiher, Burgstall Ketzelburg bei Haibach mit Ausgrabungen und Teilrestaurierungen sowie der Turmhügel Niederumelsdorf als erhaltene Anlage genannt. Hinzu kommen zahlreiche weitere Motten und Burgställe im fränkischen, niederbayerischen und oberbayerischen Raum.

Hessen ist mit Burg Bommersheim und rekonstruierten Mauerresten vertreten. Bei der ehemaligen Kernburg der Wasserburg Dornberg in Groß-Gerau sind Turmhügel, Mauerreste und Torhaus erhalten. Südwestlich von Pfungstadt wurde bei Burg Wellberg 2013 eine Vorburg entdeckt; die Anlage gilt als einzige bekannte Motte mit sieben bis acht Gräben. Burg Wachenbuchen besitzt zwei Burghügel und Gräben.

Für Mecklenburg-Vorpommern werden offiziell 463 Turmhügelburgen registriert. In Mecklenburg entstanden sie überwiegend ab etwa 1200, in Vorpommern ab etwa 1230 und auf Rügen ab etwa 1250. Meist bestanden die Anlagen ungefähr 100 Jahre und wurden später häufig durch größere Burgen oder Herrenhäuser ersetzt. Verzeichnet sind unter anderem der Turmhügel Zinzow bei Boldekow mit gemauerter Aussichtsplattform, der Turmhügel Bugewitz mit Wall und Graben, Kachlin bei Dargen mit Ziegelresten, Pfahlsetzungen und Funden aus dem 14. Jahrhundert sowie Kagenow mit Vorburg und mehreren Erdwerken.

Auch Mellenthin, der „Eiskellerberg“ nahe einem Renaissance-Schloss, Neetzow mit Wassergraben und ehemaligem Erbbegräbnis, Schmoldow mit Armbrustbolzen, Hufeisen und Keramik sowie Wackerow mit doppeltem Grabenzug, Ziegelschutt und Keramik gehören dazu. Weitere Anlagen liegen in Züssow, Quilow, Rossin, Rathebur, Stolpe auf Usedom und Suckow.

Zwischen Stralsund, Grimmen, Ribnitz-Damgarten und Barth reiht sich eine weitere Gruppe an: Pantlitz mit Graben und frühdeutschen Keramikscherben, Brandshagen mit Pfeilspitzen, Sporen, Eisenriegeln und Keramik, Grimmen mit mehreren freigelegten Bauwerken, mittelalterlichen Fundamenten und rund 3.500 Keramikscherben – heute steht dort ein Wasserturm. Dazu kommen der Doppelturmhügel Nehringen, Papenhagen-Rolofshagen mit Graben und Brückenzugang, Redebas mit Ringwall und Graben sowie Hessenburg mit Erdwall, vollständig erhaltenem Wassergraben und späterem Familienbegräbnis.

In Niedersachsen stehen etwa Burg Altluneberg, die Drei-Hügel-Motte in Bad Zwischenahn-Dreibergen, Burg Blankenhagen bei Grethem mit zwei Burghügeln, die Motte Kettenburg mit Hügel und Gräben, Burg Wölpe bei Nienburg/Weser, die Motte Oenigstedt bei Thedinghausen, die Wasserburg Vöhrum mit untertägigen Resten und die Motte von Wipshausen bei