Frankfurt baut Europas digitales Backup für sensible Medikamentenforschung
Frankfurt bekommt eine neue digitale Gedächtnisstütze für die Medikamentenforschung. An der Goethe-Universität entsteht eine Datenbank, die Forschungsdaten vor Verlust und externer Einflussnahme schützen soll. Das Projekt läuft unter dem Stichwort „Datenresilienz“ – also der Widerstandsfähigkeit von Datenbeständen gegenüber technischen, politischen und organisatorischen Risiken.
Geleitet wird das Vorhaben von Harald Schwalbe, Professor für Organische Chemie und Chemische Biologie. Grundlage ist ein Förderprogramm der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zur Sicherung gefährdeter Datenbestände. Für Aufbau und Inbetriebnahme stellt die DFG rund 530.000 Euro bereit.
Ein europäischer Zwilling für wichtige Moleküldaten
Die geplante Datenbank trägt den Namen „Biological Magnetic Resonance Data Bank Europe“, kurz BMRBe. Sie soll Forschungsdaten aus der NMR-Forschung speichern. NMR-Daten zeigen die räumliche Struktur komplexer Moleküle wie Proteine, Peptide, RNA und DNA. Nach Schwalbes Einschätzung sind solche Informationen für die Entwicklung jedes Medikaments erforderlich.
Die BMRBe soll die seit 1995 bestehende US-Datenbank BMRB ergänzen beziehungsweise spiegeln. Gemeinsam mit der US-Datenbank BMRB und der japanischen Variante BMRBj soll sie künftig identische Datenbestände speichern. Fällt eine der Datenbanken aus, könnten Forschende weiterhin auf die Informationen zugreifen – weltweit und ohne längere Unterbrechung.
Gedacht ist das als Schutz vor technischen Ausfällen, politischer Einflussnahme und dem Löschen von Forschungsdaten. Anlass zur Sorge geben unter anderem Maßnahmen der US-Regierung unter Präsident Donald Trump: Umwelt- und Klimadaten wurden von Regierungswebseiten entfernt, Fördermittel etwa für Gender- und Transforschung gekürzt oder gestrichen, außerdem wurden Beschäftigte in Wissenschaftsbehörden entlassen.
Wissenschaft braucht offenen Zugang
Die DFG bezeichnet den freien Zugang zu verlässlichen Forschungsdaten als zentrale Voraussetzung für freie Wissenschaft. Genau dort setzt das Frankfurter Projekt an. Forschende sollen auch dann weiterarbeiten können, wenn an einem Standort politische Entscheidungen, technische Pannen oder administrative Eingriffe den Zugang erschweren.
Eine eigene europäische Datenbank hätte dabei nicht nur eine technische Funktion. Europa bekäme auch Einfluss und Mitspracherecht bei Entscheidungen rund um die Forschungsdaten. Der endgültige Standort der BMRBe steht allerdings noch nicht fest; er soll in oder um Frankfurt liegen.
Planung und Aufbau übernimmt Instruct-ERIC, das europäische Netzwerk für strukturbiologische Forschungsinfrastruktur. Schwalbe ist dessen Direktor. Dem Netzwerk gehören rund 500 Forschungsgruppen in Europa an. Die BMRBe soll Ende 2027 in Betrieb gehen.
Klein, überschaubar – und gerade deshalb interessant
Das Projekt umfasst vergleichsweise geringe Datenmengen und braucht keine ausufernde technische Infrastruktur. Schwalbe hält kleinere Vorhaben für schneller, günstiger und leichter betreubar als große, fachübergreifende Projekte. Das klingt weniger spektakulär als ein gigantisches Rechenzentrum, ist aber vielleicht genau der Punkt: Wenn etwas überschaubar bleibt, lässt es sich im Ernstfall auch besser am Laufen halten.
Als Modell könnte die BMRBe nach Schwalbes Einschätzung auch für andere Forschungsbereiche dienen. Er verbindet das mit einer stärkeren Diversifizierung von Resilienzmechanismen – Daten sollten also nicht an einem einzigen Ort und in nur einer einzigen technischen oder politischen Umgebung liegen.
Schwalbe vergleicht Datenbanken mit Bibliotheken. Sie bewahren Wissen für die Zukunft auf, ihre Bestände müssen dauerhaft erhalten und vor Angriffen geschützt werden. Dafür braucht es nicht nur funktionierende Technik, sondern auch eine langfristig gesicherte Stromversorgung und passende Sicherheitsmaßnahmen. Für die NMR-Forschungsdaten soll die BMRBe genau diese Bibliotheksfunktion übernehmen.
