Zwischen Nebenjob und Protest: Warum Studierende heute anders kämpfen als 1968
Im Musical „Les Misérables“ erhebt sich ein unterdrücktes Volk gegen seine Lage. Das Bild passt zu einer alten Erwartung an Studenten: Sie sollen nicht nur lernen, sondern als politisches Gewissen ihrer Zeit auftreten. Schon in der Revolution von 1848 und in der 1968er-Bewegung stellten Studenten Autoritäten infrage.
Auch Victor Hugos Roman „Les Misérables“ von 1862 erzählt von jungen Studenten, die gegen die Elite kämpfen und der Unterschicht eine Stimme geben – obwohl sie dabei ihr Leben riskieren. Dahinter steht die Vorstellung, dass Bildung mit Verantwortung und gesellschaftlicher Macht verbunden ist. Wissen soll Missstände sichtbar machen und Menschen unterstützen, die öffentlich kaum Gehör finden.
Zwischen Seminar, Nebenjob und Protest
An der Uni Frankfurt, heute am 25.09.2026, wirkt der Alltag allerdings oft weniger aufrührerisch. Viele Hochschüler sind mit Studium, Nebenjobs und beruflicher Selbstoptimierung beschäftigt. Rebellieren Studenten tatsächlich weniger – oder bekommen ihre Proteste einfach weniger Aufmerksamkeit?
Die Gesellschaft hat sich verändert, und mit ihr die Formen studentischen Protests. ASten, Fachschaften, Hochschulgruppen und Initiativen organisieren weiterhin Demonstrationen und andere Aktionen. Themen sind Klimaschutz, Hochschulfinanzierung, Migration und der Kampf gegen Rechtsextremismus. Laut Gewerkschaft Verdi demonstrierten im vergangenen Jahr Tausende Studenten von 40 Universitäten gegen den Rechtsruck.
Mit 1968 lässt sich das nur bedingt vergleichen. Gewaltsame Auseinandersetzungen sind heute selten. Protest läuft meist friedlich: über Petitionen, Kundgebungen und Social-Media-Kampagnen. Gleichzeitig stehen Studenten täglich unter Druck, die eigene berufliche Zukunft abzusichern. Der Arbeitsmarkt verlangt häufig Praktika, Auslandssemester und sehr gute Noten. Viele sind nach dem Masterabschluss zunächst arbeitslos oder bekommen nur befristete Kurzzeitstellen. Auf dem Campus liegen Zukunftsängste in der Luft.
Dazu kommen Sorgen über Wehrpflicht, Hochschulfinanzierung, die wirtschaftliche Entwicklung und die Finanzierung des eigenen Alltags. Die Autorin nennt einen Semesterbeitrag von rund 400 Euro, dazu Miete, Lebensmittel, Versicherungen und Lernmaterialien. Sie selbst arbeitet 20 Stunden pro Woche, weil sie bei einer höheren Arbeitszeit ihren Studentenstatus verlieren würde.
Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) erklärte in der Bafög-Debatte, Nebenjobs neben dem Studium seien kein Problem und könnten wichtige Erfahrungen vermitteln. Das klingt auf dem Papier vernünftig. In der Woche fühlt es sich oft anders an: Arbeitszeit fehlt zum Lernen, für politisches Engagement, Diskussionen, Hobbys, Familie und Freunde. Wer morgens studiert und abends arbeitet, hat schlicht weniger Möglichkeiten zu protestieren.
Die Frage richtet sich deshalb nicht nur auf die Entwicklung der Studenten. Sie richtet sich auch auf die Bedingungen, unter denen junge Menschen so stark mit ihrer eigenen Zukunft beschäftigt sind, dass für gesellschaftspolitisches Engagement kaum Zeit bleibt.
Was 1968 alles ins Wanken brachte
Die Protestbewegung von 1968 war ein gesellschaftliches Experiment einer kleinen Minderheit. Sie stellte nahezu alle zentralen Institutionen und Bereiche infrage: Parlamente und Parteien, Justiz und Polizei, Kirchen und Gewerkschaften, Banken und Konzerne, Presse und Medien – sogar Familie, Schule und Universität. Im Mittelpunkt stand häufig die Ablehnung von Autorität.
Auslöser war auch eine Vertrauenskrise, die mit der nicht aufgearbeiteten nationalsozialistischen Vergangenheit zusammenhing. 1968 gilt als eine der weitreichendsten politischen Herausforderungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Politisch scheiterte die Bewegung weitgehend, doch später prägte sie in mehreren Bereichen die politische Kultur.
Traditionelle weltanschauliche Muster der CDU/CSU und SPD gerieten ins Wanken: der christlich geprägte Konservatismus ebenso wie die sozialdemokratische Orientierung des Arbeitermilieus. Aus der Bewegung gingen allerdings auch problematische Entwicklungen hervor, darunter RAF-Terrorismus, K-Gruppen und verschiedene Psychosekten.
Gleichzeitig veränderten sich Mentalitäten, Lebensstile und Lebensentwürfe. Zivilgesellschaftliche Normen entwickelten sich weiter, die neuen Mittelschichten wurden liberaler, individuelle Freiheitsrechte gestärkt und die sexuelle Selbstbestimmung größer. Ohne die Impulse der 68er-Bewegung wären diese Veränderungen kaum denkbar, auch wenn sie nicht ausschließlich auf sie zurückgingen. In rechtspopulistischen und rechtskonservativen Kreisen ist das Bewusstsein für diese Folgegeschichte teilweise stärker ausgeprägt als bei manchen, die von den Veränderungen profitieren.
Österreich: Hörsäle, Stahlruten und ein besetztes Audimax
Ein Blick nach Österreich zeigt, wie widersprüchlich Studentenprotest sein konnte. In den 1950er- und 1960er-Jahren dominierten unter österreichischen Studenten konservative, deutschnationale, rechtsradikale und neonazistische Gruppierungen, insbesondere der katholische Cartellverband und der Ring Freiheitlicher Studenten (RFS). Österreich verstand sich weiterhin als „erstes Opfer“ des Nationalsozialismus und leugnete eine eigene Mitschuld. Nach dem Abzug der Besatzungsmächte 1955 traten rechte Gruppierungen und Burschenschaften öffentlicher auf.
Der erste Studentenprotest auf der Wiener Ringstraße fand 1952 statt: ein Sitzstreik gegen Studiengebühren. Im Oktober 1959 marschierten rund 2.000 Deutschnationale anlässlich des 200. Geburtstags Friedrich Schillers in Wien auf, sangen und legten Kränze nieder. Die Polizei ging gegen antifaschistische Gegendemonstranten vor.
Die Hochschulen platzten derweil aus allen Nähten. Wegen überfüllter Hörsäle mietete die Österreichische Universitätenkonferenz im Dezember 1960 erstmals private Räume, unter anderem Kinos, an. Gegen die Raumnot demonstrierten Studenten am 29. Mai 1961 mit einer Blockade der Ringstraße und erneut am 14. Dezember 1962. Im Mai 1963 rief die Österreichische Hochschülerschaft (ÖH) zur „Aktion Vorschrift“ auf: Studenten sollten alle inskribierten Vorlesungen besuchen, um die Raumnot sichtbar zu machen. Am 17. Mai kam es zu unangemeldeten Demonstrationen in der Wiener Innenstadt.
RFS-Studenten skandierten dabei unter anderem „Pittermann in den Kongo“ und „Pittermann – Sozisau“. Die ÖH sagte weitere Demonstrationen ab, weil sie zu Krawallen und Übergriffen missbraucht worden seien. Anfang der 1960er-Jahre nahmen rechtsradikale Vorfälle und Verhaftungen randalierender rechter Studenten zu. 1961 wurde die Wiener Burschenschaft Olympia wegen Verbindungen zu Bombenanschlägen in Südtirol aufgelöst; 1973 wurde sie neu gegründet.
Besonders scharf wurde die Auseinandersetzung um den Sozial- und Wirtschaftshistoriker Taras Borodajkewycz. Er verklagte 1962 zwei Autoren, die ihn mit Neonazismus in Verbindung gebracht hatten. Unter Studenten war Borodajkewycz wegen antisemitischer Äußerungen in seinen Vorlesungen bekannt; die Autoren wurden im November 1963 schuldig gesprochen.
Die Debatte sprang aus dem Hörsaal in die Öffentlichkeit. In der Kabarettreihe „Zeitventil“ wurden Aussagen Borodajkewyczs aufgegriffen. Bei einer Pressekonferenz Borodajkewyczs am 23. März 1965 in den Räumen der Hochschülerschaft johlten Sympathisanten bei antisemitischen Aussagen. Am folgenden Tag kam es bei einer Vorlesung zu Zusammenstößen zwischen sozialistischen Studenten und Borodajkewycz-Anhängern. Der Hochschülerschaftsvorsitzende solidarisierte sich anschließend mit Borodajkewycz. Personen, die Flugblätter gegen einen „Antisemiten und Antidemokraten“ verteilten, wurden teilweise mit „Heil Borodajkewycz“-Rufen bedrängt.
Am 29. März trafen rund 1.000 Gegner Borodajkewyczs auf etwa 200 rechtsradikale Gegendemonstranten, die unter anderem „Saujuden“, „Kommunistenschweine“ und „Hoch Auschwitz“ riefen. Am 31. März griffen Rechtsextreme eine weitere linke Demonstration mit Stahlruten und Stöcken an. Der ehemalige Widerstandskämpfer Ernst Kirchweger wurde von einem Gegendemonstranten schwer verletzt und starb zwei Tage später. Danach fand mit 25.000 Teilnehmern die bis dahin größte antifaschistische Demonstration der österreichischen Nachkriegszeit statt. Später wurde ein besetztes Haus als Ernst-Kirchweger-Haus nach ihm benannt.
1967 gab es nach dem Tod Benno Ohnesorgs Solidaritätskundgebungen. Im selben Jahr protestierten Studenten gegen die Einführung einer ED
