Goethe-Universität plant radikalen Umbau: Sieben Fachbereiche und 60 Professuren weniger
An der Goethe-Universität Frankfurt steht ein umfassender Umbau bevor. Nach Angaben der FAZ plant das Präsidium, die Zahl der Fachbereiche von 16 auf sieben zu verringern. Rund 60 Professuren sollen wegfallen. Besonders stark träfe es die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften; die Wirtschaftspädagogik soll eingestellt werden.
Die Nachricht kommt am 21. Oktober 2026, einen Tag nach einer Pressemitteilung von Jakob Migenda, dem Vorsitzenden der Linken Hessen. Er führt die geplanten Einschnitte auf die Kürzungspolitik der schwarz-roten Landesregierung zurück. Während diese die Exzellenzerfolge der Rhein-Main-Universitäten hervorhebe, würden an der Goethe-Universität Fachbereiche und Professuren abgebaut. Spitzenförderung auf der einen, Kahlschlag in der Breite auf der anderen Seite – für Migenda ist das keine zukunftsfähige Hochschulpolitik.
Ein Pakt mit engem finanziellen Rahmen
Hinter den Frankfurter Plänen steht ein größerer hessischer Finanzkonflikt. Am 17. Juli 2025 unterzeichneten die Leitungen der 14 hessischen Hochschulen und das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur den Hochschulpakt 2026–2031. Er regelt die Landesfinanzierung für sechs Jahre und trat am 1. Januar 2026 in Kraft. Wegen niedriger als erwarteter Steuereinnahmen setzte die Landesregierung dabei einen finanziellen Rahmen mit umfangreichen strukturellen Kürzungen.
Seit 2002 wird die Hochschulfinanzierung in Hessen über ausgehandelte Hochschulpakte geregelt. Das Geld besteht im Wesentlichen aus einem Sockelbudget, das sich nach den Studierendenzahlen des Jahres 2020 richtet, und einem Erfolgsbudget. Dessen Höhe hängt von Zielerreichungen in Forschung, Lehre, Gender und Internationalisierung ab.
Für 2026 wurden die Hochschulbudgets um 30 Millionen Euro abgesenkt. Hinzu kommen eine Neuregelung der Erfolgsparameter, die nicht vollständige Finanzierung der Tarifsteigerungen von 2025 und lediglich eine begrenzte Kompensation für 2026. Ab 2027 übernimmt das Land Personalkostensteigerungen bis zu 2,5 Prozent sowie Steigerungen oberhalb von vier Prozent im jeweiligen Folgejahr. Kosten zwischen 2,5 und vier Prozent bleiben teilweise bei den Hochschulen. Inflationsbedingte Sachkostensteigerungen werden gar nicht ausgeglichen.
Die Hochschulen erklärten, sie starteten bereits mit einem Defizit in die Paktlaufzeit. Frühere Budgetsteigerungen seien durch höhere Bau- und Energiekosten sowie zusätzliche Aufgaben vollständig aufgebraucht worden. Weitere Tarif- und Inflationssteigerungen würden das Loch in den kommenden sechs Jahren vergrößern. Erwartet wird ein Gesamtdefizit von etwa einer Milliarde Euro – rund zehn Prozent des Personalbudgets. Schrumpfen und strukturelle Veränderungen seien damit unausweichlich, so die Einschätzung der Hochschulen.
Frankfurt bremst – und soll trotzdem attraktiv bleiben
Die Verteilung über den neuen Erfolgsparameter trifft die Hochschulen unterschiedlich stark. Die Hochschulleitungen betonten deshalb, Veränderungen müssten im Dialog mit Fachbereichen und Hochschulgremien umgesetzt werden. Forschung, Lehre und Kunst seien für Fachkräfte, Innovationen, Wirtschaft und Gesellschaft wichtig; Einsparungen von mehr als zehn Prozent stießen bei den Präsidentinnen und Präsidenten der TU Darmstadt, der Goethe-Universität Frankfurt, der Frankfurt University of Applied Sciences und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt auf Unverständnis.
Der angekündigte Schrumpfungsprozess werde alle Fachbereiche betreffen: Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften ebenso wie Natur- und Ingenieurwissenschaften, Lebenswissenschaften und Medizin. Die Hochschulen kritisieren außerdem, dass die Entwicklung der Studierendenzahlen im Sockelbudget nicht angemessen berücksichtigt werde. Hochschulen mit in den vergangenen fünf Jahren nahezu stabilen Studierendenzahlen würden gegenüber Einrichtungen benachteiligt, die weniger Studierende aufgenommen hätten. In den kommenden Jahren gehe es vor allem darum, Leistungseinschränkungen zu begrenzen.
Goethe-Universitätspräsident Enrico Schleiff sagte, Hochschulen müssten zwar zur Haushaltskonsolidierung beitragen. Der Pakt führe jedoch ohne Übergangsphase und ohne Berücksichtigung früherer Leistungen kurzfristig zu starken Einschnitten. Zunächst müsse die Universität abbremsen, um Veränderungen im Rahmen ihrer Entwicklungspläne zu planen. Eine Verringerung der Studierendenzahl würde wegen ihrer Bedeutung für die Finanzierung weitere Mittelverluste auslösen.
An der Frankfurt University of Applied Sciences ist die Nachfrage nach Studiengängen weiterhin hoch. Präsident Kai-Oliver Schocke erklärte, die Hochschule habe ihre Studierendenzahl entgegen dem hessischen Trend gehalten; nun müsse das Studienplatzangebot deutlich reduziert werden. Der Schwerpunkt liege auf der Gestaltung des Transformationsprozesses und dem Erhalt der Attraktivität der Hochschule.
Auch andernorts werden Folgen bereits konkret. HfMDK-Präsident Elmar Fulda erklärte, dem Präsidium sei die Zustimmung zum Pakt schwergefallen. Ab 2026 müssten Personal- und Sachkosten sinken, Stellen würden verzögert oder nicht nachbesetzt. Leistungen in Kunst, Forschung, Lehre und Verwaltung müssten eingeschränkt werden. Die Hochschule müsse ihre künftige Positionierung, ihr Kerngeschäft und mögliche Aufgabenverzichte festlegen.
TU-Darmstadt-Präsidentin Tanja Brühl hätte sich mehr Zeit für Austausch und die Abwägung von Argumenten zwischen Land und Hochschulen gewünscht. Die Entwicklungen der TU Darmstadt in Forschung, Lehre, Ausgründungen und Wissenschaftskommunikation seien durch die Kürzungen gefährdet. Der weitere Prozess solle im Dialog mit den Mitgliedern und Einrichtungen der Universität gestaltet werden.
Autonomie, Digitalisierung und ein Streit um die Deutung
Das Land beschreibt den Pakt anders. Er soll trotz notwendiger Haushaltskonsolidierung verlässliche Rahmenbedingungen für Forschung und Lehre sichern, die Hochschulautonomie stärken und bürokratische Vorgaben verringern. Wissenschaftsminister Timon Gremmels erklärte, die Verhandlungen seien von Vertrauen und Verantwortungsbewusstsein geprägt gewesen. Der finanzielle Spielraum sei begrenzt, zugleich schaffe der Pakt Planungssicherheit für sechs Jahre.
Jährlich 22 Millionen Euro für Digitalisierung werden in den Hochschulpakt integriert. Ein neues, erweitertes Sockelbudget ersetzt zahlreiche Einzeltöpfe und Landesprogramme. Darin enthalten sind unter anderem jährlich zwölf Millionen Euro aus hessian.AI sowie weitere zehn Millionen Euro pro Jahr, die 50 Prozent der Mittel aus dem Digitalpakt Hochschulen entsprechen. Bisherige Förderprogramme werden dauerhaft fortgeführt. Die Hochschulen dürfen ihre Budgets flexibler einsetzen, während die Detailsteuerung durch das Land zurückgeht.
Ab 2028 stehen jährlich mindestens 37,5 Millionen Euro zur Finanzierung von Tarifabschlüssen ab 2027 bereit. Bei Tarifabschlüssen von mehr als vier Prozent stellt das Land zusätzliche Mittel bereit. Damit sollen strukturelle Defizite infolge von Tariferhöhungen verhindert werden. Zugleich steigt der Anteil der leistungsorientierten Finanzierung von 15,5 Prozent im Jahr 2025 auf 18,1 Prozent im Jahr 2026.
Eine neue Förderlinie namens „STEP“ soll mit einem transparenten und administrativ schlanken Verfahren die Strukturentwicklung und Profilbildung der Hochschulen dauerhaft unterstützen. Außerdem wurde erstmals eine verbindliche Übergangsregelung zwischen zwei Hochschulpakten vereinbart. Die Hochschulen leisten 2026 einen Konsolidierungsbeitrag von rund 30 Millionen Euro, entsprechend 1,3 Prozent ihres Budgets von 2025. 2027 erreicht das Budget wieder das Niveau von 2025, ab 2028 steigen die Budgets jährlich.
Wie die Konsolidierung konkret aussieht, entscheidet jede Hochschule im Rahmen ihrer Autonomie selbst. Das HMWK macht dazu keine konkreten Vorgaben, sondern schließt mit jeder Hochschule individuelle Zielvereinbarungen. Auf dem Papier klingt das nach Spielraum. In den Fachbereichen dürfte trotzdem bald sehr genau gerechnet werden.
Verhandlungen, Protokollnotiz und offene Erwartungen
Begonnen hatten die Verhandlungen im Mai 2024 mit einem gemeinsamen Auftakt. Im selben Monat wurde die Verfahrensstruktur auf einer Hochschulleitungstagung beschlossen. Beteiligt waren das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Forschung, Kunst und Kultur, das Hessische Finanzministerium sowie die Hochschulen.
Sechs Hochschulleitungstagungen dienten der strategischen Abstimmung mit Hochschulpräsidentinnen, Hochschulpräsidenten, Kanzlerinnen und Kanzlern und fungierten als übergeordnetes Entscheidungsgremium. Zwei Arbeitsgruppen tagten jeweils zehnmal: Die AG Ziele entwickelte hochschulpolitische Leitlinien, die AG Budgetierung arbeitete die finanzielle Ausgestaltung aus. Gemeinsam erarbeiteten beide Gruppen das Finanz- und das Zielekapitel des Pakts.
Staatssekretär Christoph Degen und Minister Timon Gremmels begleiteten die Verhandlungen laufend
