Im Hinterhof der Adlerflychtstraße läuft das Frankfurter Programmkino „Mal Seh’n“ seit 42 Jahren. Am 29.09.2026 ist es längst mehr als ein Ort für den nächsten Filmabend: ein Saal mit 80 Plätzen, das Café „Filmriss“ und ein begrünter Innenhof gehören heute dazu. Gerade für Studierende der Uni Frankfurt liegt darin ein Stück Stadtkultur, das nicht laut daherkommt, aber bleibt.

Anlass für den Bericht war eine ausverkaufte Vorführung von „Bernd-Operation Germanenkind“ des Frankfurter Regisseurs Cornelius Schwalm mit anschließender Diskussion. Volle Reihen, Gespräch nach dem Abspann, Menschen, die noch bleiben – genau für solche Abende war das Kino einst gedacht. Gegründet wurde es 1984 in einer ehemaligen Werkstatt und Turnhalle der Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte.

Ein Kino gegen den Einheitsbrei

Zur Gründungsgruppe gehörten unter anderem Beatrix Loew, Martin Loew, Ariane Hofmann und Hans Bornemann. Ihr Ziel: dem kommerziellen Kino anspruchsvolle Filme entgegenzusetzen, Filmkultur zu fördern und einen kommunikativen Ort zu schaffen. 1984 gab es in Frankfurt neben der „Pupille“ an der Universität kaum Angebote für anspruchsvolle Filme. Für ein Publikum, das mehr suchte als die großen Starts im Multiplex, war die Auswahl entsprechend überschaubar.

In den ersten zwei Jahren wurde mit 16-mm-Projektoren und Video gearbeitet. 1986 kam 35-mm-Technik hinzu. Plötzlich ließen sich mehr Filme zeigen: Werke des Neuen Deutschen Films ebenso wie amerikanisches und europäisches Independent-Kino. Viele liefen im Original mit Untertiteln. Auf dem Programm standen außerdem ältere Werke der Filmgeschichte, die in anderen Frankfurter Kinos kaum zu sehen waren.

Heute gibt es in Frankfurt weitere Arthouse-Kinos. Das „Mal Seh’n“ unterscheidet sich laut seinen Betreibern trotzdem durch klare Schwerpunkte: Dokumentarfilme, Werke regionaler Filmemacher, sperrige und experimentelle Filme, Beiträge zu Feminismus und Homosexualität sowie Animations- und Kinderfilme. Zu den Gästen zählten unter anderem Rosa von Praunheim und Doris Dörrie.

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Ein Saal, viel Arbeit

Am Einraumkino hat sich trotz des Wachstums anderer Häuser nichts geändert. Anfangs war die geringe Größe ein Problem, weil es dadurch schwierig war, Filme von Verleihern zu bekommen. Heute fragen Verleiher regelmäßig an, ob ihre Filme dort gezeigt werden können – und warten anschließend auf die Einspielergebnisse des Kinos. Ein kleiner Rollenwechsel, könnte man sagen.

Der eine Saal verlangt allerdings ständige Bewegung. Filme können nicht wochenlang laufen, das Programm muss regelmäßig wechseln. Hinter einer einzelnen Veranstaltung steckt deshalb einiges: Filmauswahl, Vorab-Sichtungen, Bestellungen und Programmgestaltung, dazu die Betreuung von Gästen, die Vorbereitung von Filmkopien und der Betrieb der Projektoren. Wenn am Ende das Licht ausgeht, ist ein großer Teil der Arbeit schon getan.

Das „Mal Seh’n“ beteiligt sich am Lichter Film Festival, am Queer Film Festival und an Nippon Connection. Um 1999 häuften sich unbezahlte Rechnungen; eine drohende Schließung konnte abgewendet werden. Auch während der Corona-Pandemie halfen Spenden. Viele Menschen kauften Gutscheine vorzeitig und hielten den Betrieb damit über Wasser.

Mehrfach wurde das Kino mit dem Hessischen Kinopreis und dem Kinoprogrammpreis des Kulturstaatsministers ausgezeichnet. Die Preisgelder halfen, Finanzierungslücken zu schließen. Das ist weniger glamourös als ein roter Teppich, aber für ein unabhängiges Kino ziemlich entscheidend.

Der Hinterhof als Treffpunkt

Zum Haus gehört das Café „Filmriss“. Es entwickelte sich zu einem Treffpunkt für die Nachbarschaft, insbesondere auch für junge Menschen. Niedrige Preise und ein zwangloses Ambiente ohne Konsumzwang machen es zu einem niedrigschwelligen Angebot. Man kann vor dem Film kurz sitzen bleiben, nach der Diskussion noch weiterreden oder einfach nur im begrünten Innenhof herumhängen. Nicht jeder Abend braucht einen großen Plan.

Gleichzeitig steht das Kino weiter im Wettbewerb mit Streamingdiensten und YouTube. Dort ist die Auswahl jederzeit verfügbar, oft direkt auf dem eigenen Sofa. Das „Mal Seh’n“ setzt dem etwas entgegen, das sich nicht herunterladen lässt: einen gemeinsamen Raum, wechselnde Perspektiven und die Möglichkeit, nach dem Film mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen – manchmal angeregt, manchmal ratlos, gelegentlich beides zugleich.

In der Adlerflychtstraße liegen deshalb Technikgeschichte, Frankfurter Filmkultur und Nachbarschaft ziemlich dicht beieinander. Angefangen hat alles in Werkstatt und Turnhalle, mit 16-mm-Projektoren und Video. Heute wartet im Saal weiterhin nur eine begrenzte Zahl von Plätzen. Wenn die Vorstellung ausverkauft ist, merkt man das spätestens an der Tür.