An der Goethe-Universität Frankfurt ist die Zukunft des Dr. Senckenbergischen Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin weiter offen. Seit Monaten wird über das Institut und seine Bibliothek gesprochen, gestritten, gewartet. Die Professur ist seit fünf Jahren unbesetzt. Eine Entscheidung des Präsidiums gibt es bis heute, am 12.10.2026, nicht.

Im denkmalgeschützten Gebäude an der Ecke Paul-Ehrlich-Straße/Vogelweidstraße, nahe der Uniklinik, lagert eine Sammlung mit mehr als 75.000 Bänden. Sie gehört zu den größten deutschen Spezialbibliotheken für Medizingeschichte und Medizinethik. Für Richard Lowy ist sie weit mehr als eine Büchersammlung. Sein Vater überlebte das Konzentrationslager Auschwitz und berichtete von einer brutalen Bluttransfusion an einem deutschen Soldaten. Lowy zeigte dazu Aufnahmen und warb eindringlich für den Erhalt der Bibliothek. Die Bestände enthielten wichtige Informationen über die Verbrechen in Auschwitz, sagte er – deshalb seien sie ein „Nationalschatz“.

Ein Institut mit belasteter Geschichte

Gegründet wurde das Institut 1935 als Institut für Erbbiologie und Rassenhygiene. Geleitet wurde es von Otmar von Verschuer, dessen Assistent der spätere Auschwitz-Arzt Josef Mengele war. Heute gehören die Aufarbeitung dieser Geschichte und die Forschung zur Medizinethik zu den Aufgaben der Einrichtung. Geforscht wird unter anderem zu Medizin im Nationalsozialismus, Euthanasie, Sterbehilfe und Altenpflege.

Der kommissarische Institutsleiter Michael Sachs kritisiert die Kommunikation der Universität scharf. Niemand wisse, wie es weitergehe, erklärte er. Neuigkeiten wolle er nicht aus der Presse erfahren. Außerdem seien unangekündigt Messungen vorgenommen und Gegenstände mit Aufklebern markiert worden. Jochen Roeper, Studiendekan und Direktor des Instituts für Neurophysiologie, betont dagegen, es sei noch keine Entscheidung gefallen.

Die Universität will die historischen Dokumente erhalten. Geprüft wird aber ein anderer Standort – mit besserem Brandschutz und leichterem Zugang für Studierende als am Medizincampus. In den kommenden Monaten soll geklärt werden, wie ein möglicher Umzug und die Einrichtung einer neuen Professur finanziert werden können. Sachs ist der derzeitige Standort nicht entscheidend. Entscheidend seien ausreichende Räume und finanzielle Mittel für Institut und Bibliothek.

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Von Senckenbergs Stiftung zum Wissenschaftsstandort

Der Name des Instituts verweist auf Johann Christian Senckenberg, der 1707 als Sohn des Frankfurter Stadtphysikus Johann Hartmann Senckenberg geboren wurde. Wegen der finanziellen Lage seiner Eltern begann er erst 1730 ein Medizinstudium. Ab 1732 praktizierte er als Arzt in Frankfurt, ab 1755 als Stadtphysikus. Seine private Praxis führte er nur in begrenztem Umfang und überwiegend für wohlhabende Patienten; zeitweise war er Leibarzt des Landgrafen von Hessen-Kassel.

Senckenberg war dreimal verheiratet. 1743 heiratete er Johanna Rebecca Riese, die kurz nach der Geburt der Tochter Anna Margarethe starb. Das Kind starb 1745. Seine zweite Ehefrau Catharina Rebecca Mettingh starb 1747, ebenso der gemeinsame Sohn. Die dritte Ehe mit Antonetta Elisabetha Ruprecht blieb kinderlos. Senckenberg lebte sparsam und führte ab 1743 detaillierte Haushaltungsbücher. Seine persönlichen Verluste machten ihm die unzureichende medizinische Versorgung in Frankfurt schmerzlich bewusst.

Sein Vermögen stammte unter anderem aus Erbschaften. 1743 übernahm er aus der Erbteilung mit seinen Brüdern das Haus Hasengasse 3. Aus seiner ersten Ehe erbte er 30.000 Gulden, aus der zweiten erhielt er nach Erbstreitigkeiten eine unbekannte Summe. Nach dem Tod seiner dritten Ehefrau verzichtete er auf deren Nachlass. Insgesamt brachte Senckenberg 100.000 Gulden in seine Stiftung ein.

Die Stiftungsidee taucht erstmals in einem Tagebucheintrag vom 10. November 1746 auf und vermutlich auch in einem Testament vom 15. Oktober desselben Jahres. Als Haupterbe war zunächst das Frankfurter Ärztekollegium vorgesehen, das damals noch gar nicht existierte. Senckenberg wollte sein Wohnhaus für ärztliche Zusammenkünfte, seine Bibliothek und seine Sammlungen nutzen. Weitere Mittel sollten armen Kranken und Arztwitwen zugutekommen.

Wegen des Siebenjährigen Krieges errichtete er die Stiftung erst 1763 endgültig. Im Stiftungsbrief vom 18. August 1763 legte er fest, dass sein Vermögen mangels eigener Erben und „aus Liebe zur Vaterstadt“ dem Gemeinwohl dienen sollte. Ziel waren eine bessere Gesundheitsversorgung der Frankfurter Einwohner und die Versorgung armer Kranker. Zwei Drittel der Zinserträge waren für das Haus als Medizinisches Institut und für die Bibliothek vorgesehen, ein Drittel für arme Kranke. Überschüsse sollten Arztwitwen und -waisen sowie bedürftigen Ärzten helfen.

Die Testamentsvollstrecker durften das Haus verkaufen, um an geeigneter Stelle ein Anatomisches Theater, ein Chemielabor und einen Medizinalgarten zu errichten. Überschüsse des Medizinischen Instituts sollten in Stipendien fließen. Der Frankfurter Rat bestätigte die Stiftung zwei Tage nach ihrer Errichtung. Nach einer abfälligen Äußerung des Rechtsanwalts und Ratsmitglieds Johannes Siegner über die Stiftung und einem Anfechtungsversuch seines Bruders Johann Erasmus schloss Senckenberg 1765 jeden Einfluss der Stadt Frankfurt ausdrücklich aus.

Als Testamentsvollstrecker setzte er seinen älteren Bruder Heinrich Christian Senckenberg und dessen männliche Nachkommen ein. Nach dem Aussterben der männlichen Familienlinie sollten die Dekane der juristischen und medizinischen Fakultät der Universität Gießen die Stiftung verwalten; sie übten dieses Amt bis zur Auflösung der Universität 1946 aus. 1765 erhielt die Stiftung den Namen „Dr. Senckenbergische Stiftung“, im selben Jahr rundete Senckenberg das Stiftungsvermögen auf 100.000 Gulden auf. Das Stiftungssiegel zeigte den brennenden Busch aus dem Familienwappen und die Inschrift „Fundatio Senckenbergiana amore Patriae“.

Bibliothek, Anatomie und Bürgerhospital

1766 kaufte Senckenberg für 23.000 Gulden ein etwa drei Hektar großes Grundstück an der Eschenheimer Gasse am Eschenheimer Tor. 1797 wurde das Gelände durch Zukäufe für 36.000 Gulden erweitert. Bis zu Senckenbergs Tod 1772 wuchs das Stiftungsvermögen durch Zinserträge auf 134.500 Gulden. In den ersten 50 Jahren kamen weitere Zuwendungen von insgesamt etwa 450.000 Gulden hinzu, unter anderem von Simon Moritz Bethmann.

Auf dem Stiftungsgelände entstanden zunächst ein Bibliothekssaal, ein Versammlungsraum, eine Gärtnerwohnung, ein chemisches Labor und Senckenbergs Gruft. Dazu kamen ein Gewächshaus für Heilkräuter und ein anatomischer Vorlesungssaal. 1768 wurde eine Anatomie errichtet; zuvor hatte man Leichen in einem Nebenraum einer Gaststätte seziert. Auch einen Medizinalgarten ließ Senckenberg anlegen. Ab 1776 diente das Gelände der Ausbildung von Ärzten.

Am 9. Juli 1771 legte Senckenberg persönlich den Grundstein für das Bürgerhospital. Frankfurt besaß damals nur das mittelalterliche Hospital zum Heiligen Geist, das ausschließlich Fremde behandelte. Am 15. November 1772 stürzte Senckenberg bei einer Kontrolle der Bauarbeiten vom Gerüst des Glockentürmchens und starb an den Verletzungen. Obwohl er eine Obduktion für sich abgelehnt hatte, wurde sein Leichnam wegen des gewaltsamen Todes in der neu errichteten Anatomie untersucht.

Das Bürgerhospital war 1773 im Rohbau fertig, doch der Innenausbau verzögerte sich wegen Geldmangels um fünf Jahre. 1779 eröffnete das Krankenhaus mit sechs Betten. Bis 1783 erhöhte sich die Kapazität durch Spenden Frankfurter Bürgerinnen und Bürger auf 30 Betten. 1812 entstand aus einem Vermächtnis des Senators Johann Carl Brönner eine eigene Pfründnerstiftung für Bewohner eines Altersheims.

Während der Koalitionskriege kam die Stiftung weitgehend zum Stillstand und musste 35.000 Gulden Kriegskontributionen zahlen. 1812 gründete Großherzog Karl Theodor von Dalberg in Frankfurt eine Medizinisch-Chirurgische Schule, die von der Stiftung ausgestattet wurde. Schon am 30. Januar 1813 wurde sie aus finanziellen Gründen wieder geschlossen. Johann Wolfgang von Goethe beschrieb 1814 den theoretischen Teil der Stiftung als finanziell verfallen; das