Am heutigen 11.10.2026 steht die CDU unter erheblichem Druck. Bei einer Führungsklausur am Sonntag und Montag sucht die Parteispitze nach einem Ausweg aus einer schweren Krise. In den Räumen der Freien Universität Berlin dürfte es dabei nicht nur um Zahlen gehen, sondern auch um die Frage, wie viel Vertrauen Friedrich Merz noch zurückgewinnen kann.

Der Anlass ist bitter: drei verlorene Landtagswahlen, bundesweite Umfragewerte von unter 20 Prozent und eine angeschlagene Stellung von Merz als Bundeskanzler und Parteichef. Ende September flog die CDU in Mecklenburg-Vorpommern erstmals aus einem Landtag. Am selben Abend wurde sie in Berlin von der Linken vom ersten Platz verdrängt. In Sachsen-Anhalt hatte die Partei bereits zwei Wochen zuvor fast 20 Prozentpunkte verloren.

Beratung über Kurs und Alltagssorgen

Am Sonntag um 13 Uhr beginnt die Klausur des rund 25 Mitglieder umfassenden CDU-Präsidiums. Zunächst ist eine ausführliche Aussprache über die inhaltlichen Konsequenzen aus den Wahlen geplant. Auf dem Tisch liegen Reformen bei Rente, Pflege und Gesundheit, zusätzliche Maßnahmen gegen hohe Lebenshaltungskosten sowie die Themen Sicherheit, Migration und Arbeitsplätze.

Hessens Ministerpräsident Boris Rhein nannte diese Punkte wichtig für „ganz normale Leute“. Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt forderte insbesondere eine Senkung der Lebenshaltungskosten. Ob die CDU ihren straffen Reformkurs bei Rente, Pflege und Gesundheit fortsetzt, ist offen. Ebenso offen ist, ob aus den Wahlniederlagen konkrete Prioritäten für bezahlbares Leben, staatliche Leistungen, Sicherheit und Arbeitsplätze entstehen.

Bundesweit liegt die CDU 17 Monate nach der Vereidigung der schwarz-roten Bundesregierung in mehreren Umfragen unter 20 Prozent. Bei der Bundestagswahl Anfang 2025 hatte sie noch 28,5 Prozent erreicht. Die CDU steht damit nicht nur wegen der Wahlniederlagen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin unter Druck, sondern auch wegen enttäuschter Erwartungen an den angekündigten Politikwechsel und eines Vertrauensverlusts in ihre Handlungsfähigkeit.

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AfD, Linke und die offene Brandmauer

Grundsätzliche strategische Fragen stehen ebenfalls auf der Tagesordnung: Soll die CDU konservativer werden, um Wähler zurückzugewinnen, oder stärker andere Wählerschichten ansprechen? Wie soll die Abgrenzung zur AfD und zur Linken künftig gestaltet werden? Dabei geht es um die „Brandmauer“ und den Unvereinbarkeitsbeschluss, der Koalitionen und ähnliche Formen der Zusammenarbeit mit AfD und Linken ausschließt.

Laut den im Artikel zusammengefassten Berichten von „tagesschau“ und BR24 ist der Umgang mit der AfD ein zentrales Thema der Klausur. BR24 berichtete außerdem über Forderungen von CSU-Vize Manfred Weber nach einer weniger starren Abgrenzung sowie über Gegenpositionen von Karin Prien und Günter Krings. Eine Änderung der bisherigen Beschlusslage zur Abgrenzung von der AfD und der Linken war in den Berichten noch nicht erkennbar.

Von der Schwäche der CDU profitiert vor allem die AfD, obwohl sie sich in den vergangenen Jahren weiter radikalisiert hat. Trotz eines härteren migrationspolitischen Kurses der Bundesregierung sind ihre Zustimmungswerte bislang nicht gesunken. Nach dem AfD-Wahlerfolg wird verstärkt über ein mögliches AfD-Verbotsverfahren, die Brandmauer, die Unvereinbarkeitsbeschlüsse der CDU und Reformpläne der Bundesregierung diskutiert. Die Parteiführung schließt eine Zusammenarbeit mit der AfD aus; in Teilen der Union werden jedoch alternative Modelle für Regionen ohne stabile Mehrheiten erörtert.

Besonders heikel ist der Blick nach Sachsen-Anhalt. Die SPD verlangt Aufklärung über den Verdacht, CDU-Abgeordnete könnten den AfD-Kandidaten zum Landtagspräsidenten mitgewählt haben. In den Berichten wird der AfD-Politiker Tobias Rausch genannt; Ulrich Siegmund tritt dort im Dezember für das Amt des Ministerpräsidenten an. Die Debatte über die geheime Wahl des Landtagspräsidenten hat ein politisches Tabu berührt und könnte die CDU weiter spalten.

Koalition mit dünner Geduld

Die Wahlergebnisse in Sachsen-Anhalt und Berlin belasten zunehmend die schwarz-rote Koalition. Die Spitzen von Union und SPD berieten rund vier Stunden im Koalitionsausschuss, vor allem über Reformvorhaben und den Bundeshaushalt 2027. Gleichzeitig warnte die Union die SPD vor einer Zusammenarbeit mit der Linken in Berlin. Dort laufen Gespräche über eine mögliche Regierung aus SPD und Grünen.

Kulturstaatsminister Wolfram Weimer bezeichnete die Berliner Sondierungen als Belastungsprobe für die Koalition. Ein Linksbündnis in Berlin wäre ein Misstrauensvotum gegen die Bundesregierung, erklärte er, falls die SPD-Spitze es nicht verhindere. Für die Bundesregierung könnten Konflikte über Migration, Lebenshaltungskosten, Reformen und mögliche Kontakte zur AfD die Zusammenarbeit zusätzlich belasten.

Friedrich Merz muss nun zugleich die Bundesregierung führen und die innerparteilichen Flügel zusammenhalten. Bei der Klausur will er verlorenes Vertrauen zurückgewinnen. Der Politikwissenschaftler Thorsten Faas von der Freien Universität Berlin beschreibt Merz als sehr bekannt, aber wenig beliebt. Zum Abendessen ist der frühere Bundespräsident Joachim Gauck eingeladen. Gauck wies Forderungen nach einem Rücktritt von Merz zurück: Ein Rücktritt würde das verbleibende Vertrauen seiner Wähler weiter schwächen.

Die längere Geschichte hinter der Krise

Die CDU ringt nicht erst seit diesem Herbst um politische Identität, Glaubwürdigkeit und ihren künftigen Kurs. Niederlagen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern zeigen laut Deutschlandfunk, dass sie unterschiedliche innerparteiliche Strömungen und breite Wählerschichten immer schwerer zusammenführt. Die zentrale Frage lautet, ob sie eine prägende Volkspartei bleibt oder wie andere konservative Parteien Europas an Bedeutung verliert.

Der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte sagt, die CDU habe lange für Sicherheit und Stabilität gestanden. Das Vertrauen in ihre Handlungsfähigkeit nehme jedoch ab. Die Partei bemühe sich weiterhin um die politische Mitte, erreiche sie aber nicht mehr ausreichend. Als Gründe für den Glaubwürdigkeitsverlust gelten die Lockerung der Schuldenbremse durch die schwarz-rote Koalition und enttäuschte Erwartungen an den angekündigten „Politikwechsel“.

Merz, der an der Parteibasis zunächst als Hoffnungsträger galt, wird wegen politischer Fehler und mangelnder Empathie kritisiert. Seine Umfragewerte sind schwach. Der Vertrauensverlust reicht außerdem weiter zurück: Bereits 2007 stellte die Konrad-Adenauer-Stiftung sinkendes Vertrauen in Parteien und rückläufige Mitgliederzahlen fest. Anfang der 1990er-Jahre hatte die CDU fast 800.000 Mitglieder, inzwischen hat sich die Zahl mehr als halbiert.

Der frühere hessische Ministerpräsident Roland Koch führt den Mitgliederschwund unter anderem darauf zurück, dass etablierte Parteien zu wenig Interesse am politischen Engagement weckten. Viele Menschen zögen sich stärker ins Private zurück. Korte und Koch empfehlen, die AfD nicht zum zentralen Bezugspunkt christdemokratischer Politik zu machen. Stattdessen brauche es mehr Präsenz vor Ort, direkteren Kontakt mit den Menschen, verständlichere und nachvollziehbare Erklärungen politischer Entscheidungen sowie bessere Kommunikation in sozialen Medien.

Gefordert wird außerdem eine breitere inhaltliche Aufstellung. Christlich-soziale, liberale und konservative Traditionen müssten gleichermaßen berücksichtigt werden. Besonders erfolgreich sei die CDU laut Korte gewesen, wenn sie neben Sicherheit und Stabilität auch als Partei des Sozialstaats wahrgenommen wurde. Ihr fehle inzwischen ein positives Zukunftsversprechen – die Aussicht also, dass es besser werde und jeder davon profitiere. Der Ausgang der Beratungen bleibt offen; im FU-Gebäude beginnt der Montag vermutlich mit vielen Papieren, wenig Schlaf und einer ziemlich langen Liste ungelöster Fragen.