175 Jahre Gießener Germanistik zwischen Jubiläum, Behaghel und NS-Vergangenheit
In Gießen beginnt das Jubiläumssemester mit einem Blick zurück – und ziemlich schnell auch nach vorn. Die Justus-Liebig-Universität feiert im Wintersemester 2026/27 das 175-jährige Bestehen ihrer Germanistik. Ausgerechnet am 12. Dezember 1851 nahm die Geschichte ihren Anfang: Karl Weigand wurde zum ersten Gießener Germanisten ernannt, damals als außerordentlicher Professor.
Am Mittwoch, 14. Oktober 2026, laufen die Vorbereitungen für das Jubiläumsprogramm. Im Mittelpunkt steht die Ringvorlesung „175 Jahre Gießener Germanistik“. Sie beginnt jeweils dienstags um 18 Uhr und zieht dafür durch unterschiedliche Orte. Die frühen Vorlesungen über deutsche Philologie und Literatur treffen dort auf heutige Studienangebote und aktuelle interdisziplinäre Forschungsprojekte. Eingeladen sind Institutsangehörige, Fachleute aus der Germanistik und benachbarten Disziplinen ebenso wie interessierte Gäste aus Stadt und Region.
Ein Straßenschild für Otto Behaghel
Der Auftakt ist für Dienstag, 20. Oktober 2026, geplant. Um 10 Uhr enthüllt Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher ein neues Straßenschild für Otto Behaghel. Eine Hinweistafel soll zusätzlich an den bedeutenden Gießener Germanisten erinnern. Am Fußgängerüberweg zwischen Mensa (OBS) und Philosophikum I gibt Emeritus Hans Ramge eine kurze Einführung in Behaghels Werk und dessen Bedeutung.
Behaghel war in Gießen nicht nur Wissenschaftler. Er trat auch als Mäzen und öffentliche Person hervor. Die erste Abendveranstaltung beginnt am selben Tag um 18 Uhr im Biologischen Hörsaal des Uni-Hauptgebäudes in der Ludwigstraße 23. Sascha Feuchert, stellvertretender Geschäftsführender Direktor des Instituts für Germanistik und Leiter der Arbeitsstelle Holocaustliteratur, begrüßt die Gäste. Danach spricht Hans Ramge über „Otto Behaghel und die Pflege der deutschen Sprache“.
Die Wahl der Orte ist kein Zufall. Die Veranstalter wollen die Jubiläumsveranstaltungen bewusst auch außerhalb des Philosophikums anbieten und Menschen in der Stadt und der Region erreichen. In der Ringvorlesung stellen Germanisten der JLU und engagierte Studierende frühere Leistungen in verschiedenen Fachgebieten ebenso vor wie den aktuellen Stand von Forschung und Lehre.
Zwischen Bücherhalle, Theater und dunklen Kapiteln
Gießener Germanisten waren nach Angaben des Instituts an der Gründung wichtiger Einrichtungen beteiligt. Dazu zählt die Bücher- und Lesehalle von 1895, später auch das Literarische Zentrum Gießen (LZG), das 2009 entstand. Bis heute wirkt das Fach in der Theaterlandschaft mit, etwa bei mittelalterlichen Stücken. Und seit Jahrzehnten gehört die Ausbildung von Deutschlehrkräften zu seinen Aufgaben.
Zum Jubiläum soll allerdings nicht nur die Erfolgsgeschichte auf die Bühne. Thematisiert wird auch die Geschichte der Gießener Germanistik im Nationalsozialismus – einschließlich ihrer Beiträge zu Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus. Das kann unbequem werden. Gerade deshalb gehört es in eine Reihe, die 175 Jahre Fachgeschichte nicht zwischen Festakt und Häppchen verschwinden lassen will.
Enden sollen die Feierlichkeiten am 9. Februar 2027. Dann wird eine Zeitkapsel für 25 Jahre versiegelt, bis zum 200. Jahrestag im Jahr 2051. Aktuelle Institutsmitglieder und ehemalige Germanistikstudierende hinterlegen darin Erinnerungen und Erwartungen. Für den Abend ist außerdem eine öffentliche Gesprächsrunde mit dem Autor, Moderator und Ehrendoktor der Germanistik Hans Sarkowicz sowie weiteren Gästen geplant. Ihr Thema: „Geschichte, Gegenwart und Relevanz der (Gießener) Germanistik“.
Der Professor hinter dem Namen
Otto Behaghel, vollständig Wilhelm Maximilian Otto Behaghel, wurde am 3. Mai 1854 in Karlsruhe geboren und starb am 9. Oktober 1936 in München. Er war deutscher Germanist und Professor an den Universitäten Heidelberg, Basel und Gießen. Seine Eltern waren der Oberkirchenrat Felix Behaghel (1822–1888) und Pauline Behaghel, geborene Wielandt (1827–1901).
Nach Vorschule und Gymnasium in Karlsruhe leistete Behaghel 1872/73 Militärdienst in einem badischen Regiment; entlassen wurde er als Leutnant der Reserve. Von 1873 bis 1876 studierte er an den Universitäten Heidelberg, Göttingen und Paris. Der Germanist Karl Bartsch beeinflusste ihn besonders. Am 22. April 1876 promovierte Behaghel in Heidelberg zum Doktor der Philosophie. Seine Dissertation trug den Titel Die Modi im Heliand, ein Versuch auf dem Gebiete der Syntax. 1877 folgte das philosophische Staatsexamen.
In Heidelberg habilitierte er sich 1878 als Privatdozent für germanische und romanische Philologie. Die Habilitationsschrift hieß Die Zeitfolge der abhängigen Rede im Deutschen. Gemeinsam mit Fritz Neumann gründete er 1880 das Literaturblatt für Germanische und Romanische Philologie. 1882 wurde Behaghel außerordentlicher Professor in Heidelberg, am 9. Juni 1883 ordentlicher Professor für deutsche Philologie an der Universität Basel.
Am 30. Juni 1888 wechselte er als Professor für Germanistik nach Gießen. Hier übernahm er auch organisatorische Aufgaben und war 1895, 1905 und 1907 Rektor der Universität. 1896 gehörte er der Ersten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen an.
Seine theoretischen Arbeiten zur deutschen und mittelhochdeutschen Sprache machten Behaghel über Gießen hinaus bekannt. Er formulierte die sogenannten Behaghelschen Gesetze. Besonders das Gesetz der wachsenden Glieder wird in der Forschung zur Thema-Rhema-Gliederung und in der Quantitativen Linguistik häufig herangezogen.
Auch sein Privatleben ist dokumentiert. Am 2. August 1887 heiratete Behaghel Klara Elisabeth Maria Dorothea Zöller (1866–1924), eine Tochter des Chemikers Philipp Zöller. Aus der Ehe sind die Tochter Elisabeth (*5. Februar 1890 in Gießen; †1967) und der Sohn Otto bekannt, der außerordentlicher Professor für Chemie an der Universität Gießen wurde.
Zu Behaghels genannten Werken zählen Hebels Werke, Briefe von Johann Peter Hebel (1882), Die deutsche Sprache (1883), Schriftsprache und Mundart (1886; weitere Auflagen 1904, 1907 und 1954), Die Zeitfolge der abhängigen Rede (1896), Geschichte der deutschen Sprache (1891; 5. Auflage 1928), Syntax des Heliand (1897), Gebrauch der Zeitform im konjunktiven Nebensatz der Deutschen (1898), Der Heliand und die angelsächsische Genesis (1902; 2. Auflage 1908), Bewusstes und Unbewusstes im dichterischen Schaffen (1906), Deutsche Syntax in vier Bänden (Heidelberg 1923–1928) sowie Zum Gebrauch von „und“ (1904/05).
Biografische und bibliografische Arbeiten über Behaghel stammen unter anderem von Karl-Heinz Best, Wolfgang Georg Bayerer, Hannelore Götz, Klaus-Dieter Rack, Herman Haupt, Georg Lehnert, Christoph König, Jochen Lengemann, Friedrich Maurer und Bernd Vielsmeier sowie weiteren Autoren. Mitgliedseinträge Behaghels sind außerdem bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen verzeichnet. An der Ludwigstraße bekommt sein Name nun einen festen Platz im Stadtbild.
