Hart aber Fair: Bärbel Bas’ Rücktritt überschattet die Debatte über AfD und politische Ränder
Med Berlin – Die ARD-Talkshow „Hart aber Fair“ sollte am 14.10.2026 über „Starke Ränder, schwache Mitte – Bleibt das jetzt so?“ sprechen. Also über den Druck auf die etablierten Parteien, den Erfolg der AfD und das Erstarken politischer Ränder. Stattdessen begann der Abend mit einem Thema, das zunächst alles andere überlagerte: dem Rücktritt von Bärbel Bas.
Rund 15 Minuten ging es um die SPD-Co-Vorsitzende und Bundesarbeitsministerin. Bas hatte ihren Rücktritt am Montag mit dem Tod ihrer Stieftochter, einer benötigten Trauerzeit und öffentlichen Angriffen begründet – auch aus Reihen des Koalitionspartners CDU. Karl Lauterbach verteidigte sie und wies Vorwürfe zurück, Bas habe Gesetzesentwürfe, etwa zur Rentenreform, verzögert. Sie und ihr Ministerium hätten die Vorlagen sorgfältig ausgearbeitet.
Lauterbach sprach von drei Arten des Angriffs: Im Hintergrund sei gegen Bas mobilgemacht worden. Öffentlich hätten unter anderem Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche und Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst mehr Tempo verlangt; Wüst habe Bas sogar vorgeworfen, Reformen zu blockieren. Besonders „tückisch“ seien Angriffe aus der „zweiten Reihe“ gewesen, sagte Lauterbach, und nannte den Vorsitzenden der Jungen Union, Johannes Winkel. Viele Beteiligte hätten von Bas’ schwieriger persönlicher Situation gewusst. Die Union müsse ihren Fehler im Umgang mit ihr eingestehen.
Jan van Aken von der Linken pflichtete Lauterbach bei und nannte das Verhalten der CDU empathielos. Dabei sprach er allerdings fälschlich von der „Schwiegertochter“ statt von der Stieftochter. Nathanael Liminski (CDU) hielt dagegen: Es sei angemessen gewesen, Fortschritte bei den Rentengesetzen zu verlangen, weil die Rentenkommission ihre Vorschläge bereits im Juni vorgelegt habe. In Berlin habe außerdem nicht jeder von Bas’ persönlichem Schicksalsschlag gewusst.
Renten, Preise und die AfD
Marina Weisband und Sara Röser fanden, dass die Sendung zu lange bei Bas hängen blieb. Renten, steigende Preise und die wirtschaftliche Lage seien für viele Menschen viel dringlicher. Deutschland befinde sich im vierten Krisenjahr, sagte Röser, und brauche mehr Aufmerksamkeit für die konkreten Sorgen der Bevölkerung. Die politische Mitte müsse Realitätssinn zeigen. Viele Menschen wählten die politischen Ränder, weil die Mitte versagt habe. Brandmauern nach links und rechts lehnte Röser ab.
Auf dem Podium saßen Vertreter von CDU, SPD und Linke sowie die Publizistin Marina Weisband, die Unternehmerin Sara Röser und die Journalistin Sophie-Marie Schulz. Die AfD war nicht eingeladen. Schulz sagte, die Partei werde von vielen Menschen inzwischen als normale Partei wahrgenommen, weil sie Lösungen anbiete und die Sprache der Menschen spreche.
Weisband warnte hingegen, die AfD gefährde die Menschenwürde. Sie könne Menschen aufgrund ihrer Abstammung die Existenzberechtigung absprechen. Lauterbach bezeichnete die AfD als nicht grundgesetzkonform, gesichert rechtsextrem und demokratiegefährdend. Eine Gleichsetzung mit der Linken lehnte er ab. Die Volkssprache der AfD verglich er mit der Sprache der NSDAP.
Die Debatte blieb nicht bei großen Begriffen. Van Aken warf Teilen der CDU vor, sich aus dem demokratischen Lager verabschiedet zu haben. Liminski forderte ihn daraufhin auf, sich zu antisemitischen Tendenzen innerhalb der Linken zu äußern. Van Aken wies die Vorwürfe zurück: Es handle sich nur um wenige Personen ohne maßgeblichen Einfluss.
Stattdessen lenkte er das Gespräch auf bezahlbare Mieten, die Enteignung großer Wohnungskonzerne und den Widerstand von CDU, Immobilienlobby und Vermögenden gegen eine Regierungsbeteiligung der Linken. Liminski verlangte den Parteiausschluss antisemitischer Mitglieder. Schulz warf van Aken vor, die Vorwürfe herunterzuspielen, wichtige Informationen auszulassen und die Wahrheit zu verdrehen.
Rote Linien und geheime Stimmen
Weisband stellte zugleich klar, Mitgefühl mit Palästinensern oder Kritik an Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu seien nicht automatisch antisemitisch. Van Aken bezeichnete antisemitische Vorfälle in der Linken als Einzelfälle und verglich sie mit Fehlverhalten einzelner Mitglieder anderer Parteien.
Besonders heikel wurde es beim Linkenpolitiker Ferat Koçak. Van Aken sagte, Koçak habe einen schweren Fehler gemacht, Transparenz hergestellt und verdiene eine zweite Chance. Schulz widersprach: Nicht Koçak selbst, sondern der Sohn eines Mitglieds des Remmo-Clans habe die Chatverläufe veröffentlicht. Van Aken verteidigte Koçak trotzdem weiter. Im Studio wurde gelacht.
Auch im Zusammenhang mit der Berliner Linken blieb der Streit offen. Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus war die Linke mit ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp erfolgreich; SPD, Grüne und Linke begannen Sondierungsgespräche für eine mögliche Zusammenarbeit. Der Berliner Landesverband sieht sich unter anderem mit Vorwürfen des Antisemitismus und einer Nähe zur Clan-Kriminalität konfrontiert. Lauterbach kritisierte eine mögliche Kooperation der SPD mit der Berliner Linken.
Van Aken räumte ein Antisemitismusproblem in Teilen des Berliner Landesverbands ein, sagte aber erneut, es handle sich um wenige Personen, die die Politik der Partei nicht bestimmten. Vorwürfe gegen Koçak wegen Kontakten ins Berliner Clan-Milieu wies er zurück. Koçak hatte Ende September seinen Sitz im Innenausschuss abgegeben, sein Bundestagsmandat jedoch behalten. Eine zweite Chance habe er verdient, sagte van Aken.
Für zusätzlichen Sprengstoff sorgte Sachsen-Anhalt. Dort wurde der AfD-Abgeordnete Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten gewählt – erstmals seit 1945 bekleidet damit ein Vertreter einer rechtsextremen Partei in Deutschland dieses Amt. Rausch erhielt vier Stimmen mehr, als AfD und BSW gemeinsam Sitze im Landtag haben. Wer die zusätzlichen Stimmen abgab, ist wegen der geheimen Wahl ungeklärt.
Van Aken machte CDU-Abgeordnete für die Wahl verantwortlich und wies die Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz zurück, die Stimmen könnten auch aus anderen Parteien gekommen sein. Liminski distanzierte sich ebenfalls von dieser „False-Flag“-Theorie. CDU-Abgeordnete aus Sachsen-Anhalt hätten für Rausch gestimmt, sagte er, nannte das eine „Schande“ und forderte den Rücktritt der Verantwortlichen.
Weisband warnte, damit werde eine weitere demokratische „rote Linie“ überschritten. Sie befürchtete, dass sich die Bevölkerung Schritt für Schritt an solche Entwicklungen gewöhne. In einigen Wochen könnte zudem der AfD-Politiker Ulrich Siegmund zum Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt gewählt werden.
Was hinter dem Druck auf die Mitte steckt
Während der Sendung wurde in sozialen Netzwerken heftig kommentiert. Röser wurde vorgeworfen, die AfD zu verharmlosen. Weisband verspotteten Nutzer wegen ihrer Gestik und Rhetorik. Schulz bekam online Lob für ihre kritischen Einwände; im Studio stieß sie damit laut dem Artikel beim Moderator und bei Teilen des Publikums auf Ablehnung. Ein etwas schiefer Abend, irgendwie – und gerade deshalb aufschlussreich.
Eine breitere Einordnung liefert die Studie „Ein tief verunsichertes Land – politische Fragmentierung und Polarisierung im Deutschland der Gegenwart“. Sie wurde am 26. Oktober 2023 vom französischen Institut für Internationale Beziehungen (Ifri) veröffentlicht. Autor ist der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Philipp Manow von der Universität Bremen und dem Forschungszentrum SOCIUM.
Schon bei den Landtagswahlen in Bayern und Hessen am 8. Oktober 2023 erzielte die AfD deutliche Stimmengewinne. Laut Studie waren 54 Prozent der Bevölkerung mit der Demokratie unzufrieden oder sehr unzufrieden. Diese politische Enttäuschung erschwert die Bildung stabiler Koalitionen. Eine Große Koalition aus CDU/CSU und SPD kann häufig keine parlamentarische Mehrheit mehr gewährleisten.
Das Parteiensystem verändert sich an mehreren Stellen zugleich: CDU/CSU und SPD verlieren an Unterstützung, die FDP bleibt fragil und liegt häufig nahe an der Fünf-Prozent-Hürde. Die Grünen wurden zur Partei der neuen Mittelschicht, rechtspopulistische Kräfte legten zu, und eine neue linkspopulistische Partei erscheint möglich.
Während traditionelle Parteien der Mitte und die „alte Linke“ an Rückhalt verlieren, erzielt die AfD laut Studie Erfolge in Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen – also auch
