Auf dem Baufeld an der Robert-Koch-Straße ist es derzeit kaum zu übersehen: In Göttingen entsteht das Institut für Auditorische Neurowissenschaften (IAN) der Universitätsmedizin Göttingen (UMG). Am 30. Oktober 2026 wurde der Grundstein gelegt. Rund 200 Gäste aus Politik, Forschung und Medizin waren dabei – zwischen Baugrube, Erdreich und viel Zukunftsmusik.

Zur Zeremonie kamen Wissenschaftsminister Falko Mohrs (SPD), IAN-Direktor Prof. Tobias Moser, UMG-Vorstandssprecher Prof. Wolfgang Brück, Göttingens künftige Oberbürgermeisterin Onyeka Oshionwu, Bauleiter Pascal van Hees und UMG-Projektleiter Marco Sütterlin. Oshionwu nahm noch vor ihrem Amtsantritt teil. Mohrs nannte sie scherzhaft die „Oberbürgermeisterin in Lauerstellung“.

Ein Haus für Forschung mit Licht

Das dreigeschossige Gebäude soll 2029 eröffnet werden und knapp 1.900 Quadratmeter Nutzfläche bieten. Geplant sind Labor- und Büroflächen sowie Seminarräume. Erstmals sollen dort Forschungsgruppen zusammenarbeiten, die bislang über Gebäude und Einrichtungen der UMG, der Max-Planck-Institute und des Deutschen Primatenzentrums verteilt sind. Gemeinsame Technik, kürzere Wege und Begegnungen bei Seminaren oder einfach zwischendurch sollen den Austausch erleichtern.

Die Baustelle ist schon mehrere Wochen in Betrieb. Die Baugrube reicht etwa zehn Meter tief und ist ungefähr so groß wie ein Fußballfeld. Der Aushub lagert auf dem Gelände, die Wände sind verschalt. Weil einige Labore für hochauflösende Mikroskopie vorgesehen sind, wurde auf Schwingungsfreiheit geachtet. Beton soll die hochsensiblen Geräte vor Erschütterungen und anderen äußeren Einflüssen schützen.

38,3 Millionen Euro kostet das IAN. Das Land Niedersachsen finanziert den Bau und leitet dafür Bundesmittel aus der Schnellbauinitiative weiter. Nach Angaben von Falko Mohrs sind in Niedersachsen insgesamt 627 Millionen Euro für Universitätsgebäude eingeplant, darunter weitere Mittel für den Neubau der UMG. Der Minister bezeichnete die Grundsteinlegung als symbolischen Akt, mit dem die Rahmenbedingungen für wichtige Forschung geschaffen würden.

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Nach der Einmauerung einer Erinnerungskapsel mit dem Modell einer menschlichen Hörmuschel folgten die traditionellen drei Hammerschläge. Ein kurzer, klangvoller Moment – dann ging es wieder um Baupläne, Gentherapie und die Frage, wie Licht einmal Hör- und Sehzellen erreichen soll.

Das Cochlea-Implantat aus Göttingen

Prof. Tobias Moser und seine Arbeitsgruppen haben das Projekt „Hören mit Licht“ und das optogenetische Cochlea-Implantat vorangetrieben. Statt elektrische Reize zu verwenden, aktiviert das Verfahren genetisch behandelte Hörzellen mit Lichtimpulsen. Taube Mäuse konnten damit bereits wieder hören; Anwendungen am Menschen werden noch erprobt. Eine erste klinische Studie ist für 2027 geplant.

Die Idee dahinter: Eine Gentherapie schleust lichtaktivierbare Ionenkanäle in Nervenzellen der Hörschnecke ein. Dadurch werden Spiralganglionneuronen lichtempfindlich. Bei Lichteinfall öffnen sich die Kanäle, positiv geladene Ionen strömen in die Zelle, das Membranpotenzial verändert sich – ein Aktionspotenzial entsteht und aktiviert den Hörnerv.

Als Lichtschalter dienen unter anderem Kanalrhodopsine, lichtempfindliche Proteine aus Algen. Für den Gentransfer werden meist harmlose adenoassoziierte Viren als Genfähren verwendet. Das Göttinger Team aktivierte den Hörnerv 2014 erstmals grundsätzlich bei tauben Mäusen und 2018 bei Wüstenrennmäusen. Dort wurden die Viren über einen Mikrokatheter durch das runde Fenster injiziert, eine dünne Gewebestelle zwischen Mittel- und Innenohr.

Einfach ist das nicht: Die Ganglienzellen liegen im knöchernen Kern der Cochlea und sind schwer erreichbar. Gesucht werden außerdem Proteine, die sehr lichtempfindlich sind, nach der Reizung schnell schließen und dadurch schnelle Stimulationsfolgen erlauben. 2025 stellte ein Team um Alexey Alekseev, Maria Zerche, Thomas Mager und Tobias Moser die Variante ChReef vor. Sie ermüdet bei schnellen Reizen vergleichsweise wenig und aktivierte bei Mäusen und Weißbüschelaffen verschiedene erregbare Zelltypen über längere Zeit stabil. Für das Hören war ChReef jedoch zu langsam. Die Suche geht weiter.

Das Licht soll über Laserdioden oder Mikro-LEDs gezielt an die jeweiligen Stellen der Cochlea gelangen. Wellenleiter führen es dorthin; die Laserdioden werden passend zur Tonfrequenz aktiviert. Anders als elektrischer Strom, der sich in der Flüssigkeit der Cochlea ausbreitet und benachbarte Nervenzellen mitreizt, lässt sich Licht räumlich präziser begrenzen. Kleinere Zellgruppen könnten dadurch gezielter angesprochen, die Frequenzauflösung erhöht und ein natürlicheres Hören ermöglicht werden.

Erste Mikro-LEDs für optische Cochlea-Implantate entwickelten Freiburger Forschende bereits 2010. Bei Mäusen ermöglichten sie eine gute Tonhöhendifferenzierung. Im Körper gibt es allerdings Probleme mit flexibler, transparenter und dauerhafter Abdichtung. Das Göttinger Else-Kröner-Fresenius-Zentrum für Optogenetische Therapien (EKFZ) setzt deshalb auf Laserdioden in einem hermetisch abgedichteten Titangehäuse außerhalb der Cochlea. Optische Fasern sollen das Licht zu den Hörnervenzellen führen. Geplant ist ein klinischer Prototyp mit 64 Frequenzkanälen – deutlich mehr als die 12 bis 24 Elektroden klassischer Implantate.

Warum Strom bisher den Ton angibt

Weltweit nutzen mehr als eine Million Menschen elektrische Cochlea-Implantate. Sie wandeln Schall in elektrische Signale um und übertragen sie direkt an den Hörnerv. Dafür werden 12 bis 24 Elektroden entlang der Hörschnecke platziert; die Haarzellen werden umgangen. In ruhiger Umgebung gelingt damit besonders das Sprachverstehen. Auch zuvor taube Menschen können nach mehrmonatigem Hörtraining Sprache verstehen.

Hintergrundgeräusche, feine Tonhöhenunterschiede, emotionaler Tonfall und Melodien bleiben dagegen schwierig – vor allem, wenn es rundherum laut ist. Der elektrische Strom breitet sich in der leitfähigen Flüssigkeit der Cochlea räumlich weit aus. Eine Elektrode aktiviert dann auch benachbarte Nervenzellen, die Frequenzkanäle überlappen. Bei Gesprächen mit Hintergrundgeräuschen sinkt die Trennschärfe.

Lärm kann die empfindlichen Strukturen des Innenohrs dauerhaft beschädigen. Mit zunehmendem Alter sterben Haarzellen in der Cochlea ab, die Schall in elektrische Signale umwandeln. Sind sie zerstört, erreichen akustische Informationen das Gehirn nicht mehr, häufig betrifft es zuerst hohe Frequenzen. Hörgeräte verstärken Schall und einzelne Frequenzen, funktionieren aber nur, wenn noch ausreichend Haarzellen intakt sind. Bei leichter bis mittlerer Schwerhörigkeit werden deshalb häufig Hörgeräte eingesetzt, bei hochgradiger Schwerhörigkeit und Taubheit Cochlea-Implantate.

Laut WHO ist Schwerhörigkeit die häufigste Sinnesbehinderung. Weltweit sind 466 Millionen Menschen von behandlungsbedürftiger Schwerhörigkeit betroffen, darunter 34 Millionen Kinder. Die Folgen reichen über das Hören hinaus: Kommunikation wird schwieriger, soziale Isolation kann begünstigt werden, ebenso Depressionen und ein erhöhtes Demenzrisiko.

Von der Maus in die Klinik

Das niedersächsische Forschungsprojekt soll einen hochintegrierten, verlustleistungsarmen Chip zur Steuerung der Laserdioden entwickeln. Er muss in die Implantatelektronik passen und eine erste klinische Prüfung ermöglichen. Niedersachsen und die VolkswagenStiftung fördern das Vorhaben mit rund 0,7 Millionen Euro. Das Geld stammt aus „zukunft.niedersachsen“, Programm „Durchbrüche: Unterstützung von Kooperationsprojekten zwischen Wissenschaft und Wirtschaft“.

Beteiligt sind die UMG, die Leibniz Universität Hannover, das Exzellenzcluster Multiscale Bioimaging (MBExC), das Exzellenzcluster Hearing4all, das Göttinger Start-up OptoGenTech GmbH und der CI-Hersteller Advanced Bionics GmbH. Geleitet wird das Projekt von Tobias Moser und Holger Blume von der Leibniz Universität Hannover. Bernhard Wicht von der Leibniz Universität Hannover bringt Fachwissen zu Mixed-Signal-Schaltungen ein.

Die Methode wurde in Tiermodellen erfolgreich erprobt, muss für Menschen aber