In Göttingen fällt heute, am 15.10.2026, der Blick zurück auf einen Mathematiker, dessen Ideen noch immer in Hörsälen, Forschungslaboren und auf Computern weiterarbeiten: Bernhard Riemann. Anlässlich seines 200. Geburtstags bringen das Hausdorff Center for Mathematics der Universität Bonn und Sand-Production Wien das Theaterstück „Wer war Bernhard Riemann?“ auf die Bühne.

Die Uraufführung beginnt am Donnerstag, 12. November 2026, um 18 Uhr im LVR-Landesmuseum Bonn, Colmantstraße 14–16, 53115 Bonn. Einlass ist ab 17 Uhr. Der Eintritt ist frei, eine vorherige Anmeldung ist erforderlich. Informationen und Anmeldung gibt es unter www.mathematics.uni-bonn.de.

Drei Blicke auf ein kurzes, dichtes Leben

Das Stück fragt nicht nur, was Riemann gerechnet und veröffentlicht hat. Es fragt auch, wer dieser Mann war – und wie seine wissenschaftlichen Arbeiten überhaupt erhalten blieben. Erzählt wird aus drei Perspektiven: Elise Riemann setzte sich nach dem Tod ihres Mannes für die Veröffentlichung seiner Werke ein. Richard Dedekind erkannte früh Riemanns mathematische Begabung. Wilhelm Weber, Physiker, Lehrer und väterlicher Freund, gehörte ebenfalls zu seinem engsten Umfeld.

Aus diesen Blickwinkeln entsteht ein Porträt von Riemanns Leben, Mathematik und persönlicher Umgebung. Regie führt Sandra Schüddekopf, die in Wien lebt und mit Sand-Production grenzüberschreitende Wissenschaftsproduktionen sowie Kinder- und Jugendtheater realisiert. Die Idee für die drei Perspektiven entstand laut Schüddekopf zu Beginn der Stückentwicklung. Danach tauschte sie sich fortlaufend mit dem Mathematikhistoriker David Rowe aus.

Vor der Aufführung gibt Rowe eine kurze Einführung in die inhaltliche Entwicklung des Stücks. Anschließend spielt Valentin Blomer, Mathematikprofessor an der Universität Bonn und Konzertpianist, ein musikalisches Intermezzo am Flügel. Mathematik und Musik also, nebeneinander, ohne großes Getöse.

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Die Produktion ist eine Koproduktion von Sand-Production Wien und dem Hausdorff Center for Mathematics, in Kooperation mit Dorothea Bahns vom Mathematischen Institut der Universität Göttingen. Unterstützt wird sie von MATH+, dem Max Planck Institute for Mathematics in the Sciences Leipzig und dem Mathematics Münster Cluster of Excellence. Gefördert wird das Projekt von Walter Purkert und gemeinsam mit dem Verein Bonner Matheclub e. V. durchgeführt.

Vom Pfarrhaus in die moderne Mathematik

Bernhard Riemann wurde am 17. September 1826 in Breselenz bei Dannenberg im Königreich Hannover geboren. Er war eines von fünf Kindern und wuchs in finanziell beengten Verhältnissen auf. Sein Vater Friedrich Bernhard Riemann war lutherischer Pastor in Quickborn und hatte an den Befreiungskriegen teilgenommen. Die Mutter Charlotte starb 1846. Zunächst erhielt der stille, schüchterne Junge Unterricht durch seinen Vater.

1840 besuchte Riemann das Gymnasium in Hannover, 1842 wechselte er an das Johanneum in Lüneburg. Eigentlich sollte er wie sein Vater Theologe werden; neben Latein und Griechisch lernte er sogar Hebräisch. Dann kam die Mathematik dazwischen. Rektor Schmalfuss lieh ihm Legendres 859-seitige „Théorie des Nombres“. Riemann brachte das Buch nach einer Woche zurück und konnte bei seiner Abiturprüfung weit über das übliche Maß hinaus erläutern, was darin stand.

Von 1846 bis 1847 studierte er in Göttingen unter anderem bei Moritz Stern, Johann Benedict Listing und Carl Friedrich Gauß, zunächst Theologie und Philologie, bald aber mit väterlicher Erlaubnis vollständig Mathematik. Zwischen 1847 und 1849 hörte er in Berlin bei Peter Gustav Dirichlet partielle Differentialgleichungen, bei Jacobi und Gotthold Eisenstein elliptische Funktionen sowie bei Steiner Geometrie. Dirichlets Verbindung aus anschaulichen Vorstellungen und strenger Analyse prägte Riemanns Arbeitsweise.

Während der Revolution von 1848 hielt Riemann als Mitglied des Studentenkorps einen Tag Wache vor dem königlichen Schloss. 1849 kehrte er nach Göttingen zurück und begann bei Gauß seine Dissertation zur Funktionentheorie. Etwa anderthalb Jahre arbeitete er außerdem als Assistent des Physikers Wilhelm Eduard Weber. Durch Weber und Listing beschäftigte er sich intensiv mit Physik sowie mit Lage und Zusammenhang von Räumen.

Flächen, Räume und Primzahlen

Am 14. November 1851 reichte Riemann seine Dissertation „Grundlagen für eine allgemeine Theorie der Functionen einer veränderlichen complexen Größe“ ein. Gauß bewertete sie als tiefgründig und eigenständig, weit über den üblichen Anforderungen an eine Doktorarbeit liegend. Die mündliche Doktorprüfung fand am 3. Dezember 1851 statt, die öffentliche Disputation am 16. Dezember.

In der Arbeit untersuchte Riemann Funktionen einer komplexen Variablen und entwickelte die Grundlagen der später so genannten Riemannschen Flächen. Mehrwertige Funktionen wie die Quadratwurzel oder der komplexe Logarithmus werden darauf eindeutig: Für die Quadratwurzel genügen zwei Blätter, für den Logarithmus unendlich viele. Riemanns Lösung bestand darin, mehrere Exemplare der Zahlenebene übereinanderzulegen und entlang bestimmter Schnitte zu verbinden. Die Topologie – etwa die Anzahl der Löcher einer Fläche, ihr Geschlecht – beeinflusst dabei die zugehörigen Funktionen.

Aus diesem Umfeld stammen der Riemannsche Abbildungssatz, das Dirichlet-Prinzip, Arbeiten über abelsche Funktionen und Thetafunktionen, die Riemannschen Periodenrelationen, die Theorie der Riemannschen Flächen und ihrer Moduln sowie der Satz von Riemann-Roch, den Gustav Roch 1865 vervollständigte. Riemann untersuchte außerdem Singularitäten, harmonische Funktionen und die Topologie dieser Flächen. Seine Dissertation war für viele Mathematiker schwer verständlich; Hermann von Helmholtz empfand sie dagegen als besonders anschaulich.

Für die Habilitation verfasste Riemann eine Arbeit über die Darstellung von Funktionen durch trigonometrische Reihen und formulierte darin seine Definition des Integrals. Am 10. Juni 1854 hielt er auf Vorschlag von Gauß den Vortrag „Über die Hypothesen, welche der Geometrie zu Grunde liegen“. Darin ging es um Geometrien gekrümmter Räume beliebiger Dimension – um Räume, die lokal vertraut wirken können, global aber eine andere Struktur besitzen.

Riemanns Geometrie umfasst positive, null und negative Krümmung. In einer euklidischen Geometrie gibt es durch einen Punkt genau eine Parallele, die Winkelsumme im Dreieck beträgt 180 Grad. Auf einer Kugeloberfläche existiert keine Parallele im entsprechenden Sinn, die Winkelsumme ist größer als 180 Grad; in der hyperbolischen Geometrie gibt es unendlich viele Parallelen und eine Winkelsumme unter 180 Grad. Ein Dreieck auf der Erdkugel kann sogar drei rechte Winkel und damit 270 Grad besitzen.

Die symmetrische Metrik besteht in n Dimensionen aus n(n+1)/2 Funktionen: aus drei auf einer Fläche, sechs im dreidimensionalen Raum und zehn in einer vierdimensionalen Raumzeit. Die Krümmung beschreibt der später so genannte Riemannsche Krümmungstensor. Seine unabhängigen Komponenten: eine in zwei Dimensionen, sechs in drei und 20 in vier Dimensionen. Christoffel, Ricci-Curbastro und Levi-Civita entwickelten Riemanns Ansätze zwischen 1869 und 1900 zum Tensorkalkül weiter. Einstein machte diesen Kalkül 1915 zur Grundlage der Allgemeinen Relativitätstheorie.

Auch das Riemann-Integral klingt trocken, ist aber im Kern eine ziemlich anschauliche Idee: Ein Intervall wird in kleine Teilstücke zerlegt, in jedem wählt man einen Funktionswert, multipliziert ihn mit der Breite und addiert die Rechteckflächen. Nähert sich diese Riemann-Summe bei immer feineren Zerlegungen unabhängig von der Auswahl stets demselben Grenzwert, ist die Funktion integrierbar. Riemann zeigte, dass sogar Funktionen mit unendlich vielen Sprungstellen in jedem noch so kleinen Intervall integrierbar sein können. In derselben Arbeit formulierte er den Riemannschen Umordnungssatz für konvergente, aber nicht absolut konvergente Reihen.

Seine einzige ausdrücklich zahlentheoretische Arbeit erschien 1859 unter dem Titel „Über die Anzahl der Primzahlen unter einer gegebenen