Unsichtbare Präzisionsarbeit: Hinter den Kulissen der Göttinger Uniklinik
Heute, am 5. November 2026, läuft der Betrieb in der Universitätsmedizin Göttingen längst auf Hochtouren. Tausende Patientinnen und Patienten werden täglich versorgt, knapp 10.000 Menschen arbeiten in der Uniklinik. Vieles davon passiert hinter Türen, die Außenstehende kaum zu sehen bekommen: in OP-Sälen, der Zentralsterilisation, der Pathologie oder auf den langen Klinikfluren.
Genau dorthin schaut die zweite Folge der NDR-Reportage „Im Einsatz für die Uniklinik“. Ein Kamerateam begleitet Beschäftigte der UMG und zeigt, welche Arbeitsschritte vor, während und nach Operationen nötig sind. Ausgestrahlt wird die Folge am Donnerstag, 5. November 2026, von 18:15 bis 18:45 Uhr; anschließend ist sie in der ARD Mediathek verfügbar.
Bevor der erste Schnitt fällt
OP-Pflegekraft Vanessa Junitz ist mehr als eine Stunde vor dem Chirurgen im Saal. Sie kontrolliert den Raum, packt Instrumente aus und ordnet alles vollständig, steril und griffbereit an. Der zentrale OP der UMG liegt auf Ebene 01 im Hauptgebäude und umfasst 28 Operationseinheiten für verschiedene chirurgische Kliniken. Weitere Säle gibt es unter anderem für Augenheilkunde, Dermatologie, Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde sowie Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde.
Vor dem Eingriff werden sterile Instrumente und Materialien zusammengestellt, Sterilität und Vollständigkeit geprüft und die Patientenvorbereitung mit dem Anästhesieteam abgestimmt. Die Patientinnen und Patienten werden gelagert, die Operationseinheit wird vorbereitet. Bei langen oder komplexen Eingriffen können Instrumente, Implantate, Lagerungssysteme und Geräte bereits etwa eine Stunde vor dem Schnitt bereitstehen.
Seltene oder neue Verfahren brauchen noch mehr Vorbereitung: gemeinsame Besprechungen, Simulationen und detaillierte Ablaufpläne. Instrumentensiebe werden anhand von Checklisten und begleiteten Einsätzen gelernt. Was auf dem Papier übersichtlich aussieht, ist in der Praxis ein ziemlich dichtes Geflecht aus Handgriffen, Blicken und kurzen Ansagen.
Im OP gibt es zwei zentrale Rollen. Instrumentierende Pflegekräfte arbeiten steril am Tisch und reichen Scheren, Pinzetten, Haken und andere Instrumente in der erforderlichen Reihenfolge an. Der Springerdienst bleibt außerhalb der sterilen Zone, beschafft Material, bedient Geräte und koordiniert Abläufe. Erfahrene Kräfte können nächste Operationsschritte häufig vorwegnehmen – nicht aus Zauberei, sondern durch Routine.
Chirurgie, Anästhesie, Anästhesiepflege und OP-Pflege verständigen sich oft über kurze Blicke und Handzeichen. Verbale Ansagen bleiben knapp und klar. Sterilität, Vollständigkeit und die richtige Instrumentenauswahl werden laufend kontrolliert. Bei Blutungen, allergischen Reaktionen, unerwarteten anatomischen Befunden oder zusätzlichem Bedarf muss Material sofort verfügbar sein.
Gezählt wird nach dem dokumentierten Vier-Augen-Prinzip: vor, während und nach der Operation. Checklisten, darunter die WHO-Sicherheitscheckliste, strukturieren die Abfragen vor dem Schnitt, das Verlassen des OP-Saals und die Übergaben. Nach dem Eingriff werden Instrumente und Materialien erneut vollständig kontrolliert, der Ablauf dokumentiert und die Aufbereitung veranlasst.
Vom OP-Tisch in die Zentralsterilisation
Das gebrauchte OP-Besteck gelangt in die Zentralsterilisation der UMG. Hüseyin Kocabiyik und sein Team reinigen, prüfen, sortieren und sterilisieren dort täglich Zehntausende Instrumente. Üblicherweise laufen sie durch Reinigung, Desinfektion und Sterilisation in einer zentralen Sterilgutversorgung, auch AEMP oder ZSVA genannt.
In der Reportage bereitet Elvira Karlin benutzte Operationsinstrumente auf. Zunächst entfernt sie Blut, dann zerlegt sie komplizierte Instrumente in Einzelteile. Tausende verschiedene Werkzeuge gibt es – mit unterschiedlichen Funktionen und Bauweisen, die jeweils passend behandelt werden müssen. Klemmen und Skalpelle sind dabei nur der Anfang; die Instrumentenkunde reicht bis zu mikrochirurgischen, laparoskopischen und robotischen Instrumenten.
Zur Logistik gehören außerdem die Kontrolle der Verfallsdaten steriler Materialien, die Bestellung von Verbrauchsmaterial und die Abstimmung der Instrumentensets mit der Sterilgutversorgung. Eine funktionierende Zusammenarbeit mit AEMP oder ZSVA soll Verzögerungen im OP-Plan verhindern. Manche Pflegekräfte arbeiten zeitweise in der Sterilgutversorgung mit, um diese Schnittstelle und den gesamten Aufbereitungsprozess kennenzulernen.
Zwischen zwei Eingriffen werden OP-Räume gereinigt, neu instrumentiert und für den nächsten Fall vorbereitet. In ruhigeren Phasen legt die instrumentierende Pflege bereits die nächsten Instrumente bereit, während der Springerdienst Material beschafft und organisatorische Aufgaben erledigt. Verlängerte Operationen oder Komplikationen können den gesamten Tagesablauf verschieben – und aus einem ohnehin engen Plan schnell einen echten Drahtseilakt machen.
Auch ein automatisches Transportsystem befördert Material durch die Klinik. Mechatroniker Lars-Simon Facius betreut die Anlage. Daniel Knoke, der „Blutfahrer“, fährt dagegen selbst mit dem Fahrrad durch die weitläufigen Klinikflure und transportiert dringend benötigte Blutproben und Blutkonserven.
Vor allem vormittags können sich 20 bis 30 Aufträge gleichzeitig auf seinem Smartphone sammeln. Knoke entscheidet selbst, welcher Transport Vorrang hat. Wird im Operationssaal kurzfristig eine Blutkonserve gebraucht, zählt jede Minute. Gleichzeitig muss er auf Patientinnen und Patienten, Pflegekräfte und Besucher in den Gängen achten. Fahrrad, Smartphone, volle Flure – viel Spielraum bleibt da nicht.
Gewebe, Tumore und ein ungewöhnlich großer Befund
Die Pathologie arbeitet überwiegend mit Gewebe, Organen und Tumoren lebender Patientinnen und Patienten. Oberärztin Dr. Laura Langer bereitet im sogenannten Zuschnitt Präparate für die mikroskopische Untersuchung vor. Sie wählt aussagekräftige Bereiche aus und entnimmt gezielt kleine Proben. Die Untersuchungsergebnisse bilden später eine Grundlage für Diagnosen und Behandlungen.
An diesem Tag liegt ein außergewöhnlich großer Tumor vor: rund acht Kilogramm schwer. Dr. Langer prüft das Präparat Stück für Stück. Es ist eine Arbeit, bei der Tempo allein nicht weiterhilft. Jeder Bereich muss sorgfältig betrachtet und passend für die weitere Untersuchung ausgewählt werden.
Die Reportage folgt damit Beschäftigten aus OP, Zentralsterilisation, Pathologie und innerklinischem Transport. Ihre Arbeit bleibt für die Patientenversorgung meist unsichtbar, obwohl ohne sie vieles stillstehen würde.
Ein Beruf zwischen Routine und Ausnahmezustand
Wer in der OP-Pflege arbeiten möchte, braucht zunächst eine abgeschlossene Ausbildung als Pflegefachkraft. Üblicherweise folgt eine zweijährige berufsbegleitende Fachweiterbildung für den Operationsdienst. Auf dem Lehrplan stehen unter anderem Anatomie, Hygiene, Instrumentenkunde und die Assistenz bei verschiedenen Eingriffen.
Je nach Fachgebiet sieht der Alltag deutlich anders aus. In der Herz-Thorax-Chirurgie kann die Arbeit mit der Herz-Lungen-Maschine dazugehören. Die Neurochirurgie verlangt hohe Präzision und bringt häufig lange Operationszeiten mit sich. In der Unfallchirurgie gibt es viele Notfälle und ein großes Instrumentenspektrum. Ambulante Chirurgie bedeutet meist kürzere, standardisierte Eingriffe und planbarere Arbeitszeiten.
Für andere Fachbereiche ist meist keine erneute Grund-Fachweiterbildung nötig; häufig genügt eine Einarbeitung. Robotergestützte Chirurgie verlangt zusätzlich technisches Verständnis für Bedienung und Wartung. Bei Röntgeneinsätzen, etwa in Unfallchirurgie oder Kardiologie, sind Bleischürzen, Dosimeterkontrollen und Sicherheitsabstände notwendig.
Statische Körperhaltungen, langes Stehen, schwere Schutzkleidung und mehrstündige Konzentration belasten Rücken, Nacken und Gelenke. Höhenverstellbare Tische, dämpfende Stehmatten und ergonomische OP-Leuchten können helfen. Auch Rückenschonung, Bewegung, Gewichtsverlagerung und Dehnen werden als unterstützende Maßnahmen genannt. Sterile Kleidung, Mund-Nasen-Schutz, Haube und sterile Handschuhe gehören zur Grundausstattung; Hygienefehler können Wundinfektionen begünstigen. Interne Hygieneschulungen und externe Audits sollen die Standards sichern.
Der Dienstplan umfasst reguläre Tagdienste sowie Bereitschaften nachts, an Wochenenden und Feiertagen. Viele Kliniken verteilen die Bereitschaften über ein Rotationssystem. Notfälle können den Feierabend deutlich verschieben und die private Planung erschweren. Dazu kommen enge OP-Taktungen, kurze Wechselzeiten, unerwartete Komplikationen, schwere Krankheitsverläufe und Todesfälle.
