Elbtower-Streit in Hamburg: Naturkundemuseum zwischen Forschungsvision und Haushaltsrisiko
Am 15. Oktober 2026 ist der Elbtower wieder Thema in der Hamburgischen Bürgerschaft – und zwar nicht leise. Gestritten wird über einen Rohbau, ein Naturkundemuseum und die Frage, wie viel Risiko sich eine Stadt leisten darf. Für Studierende und Forschende an der Uni Hamburg geht es dabei um weit mehr als um ein Hochhaus am Wasser.
Die CDU hatte die Aktuelle Stunde unter dem Titel „Eklat um Elbtower und Naturkundemuseum“ beantragt. CDU-Fraktionschef Dennis Thering sprach von einer „Regierungskrise“ und kritisierte den Senat. Auslöser war eine Mitteilung des Grünen-Fraktionschefs Michael Gwosdz vom Freitag, in der er die Kosten eines Naturkundemuseums im Elbtower infrage gestellt hatte. Gwosdz hatte den Text offenbar ohne umfassende Abstimmung mit seiner Fraktion veröffentlicht und ihn nach dem Wochenende als „Fehler“ bezeichnet.
Ein Museum zwischen Artensterben und Haushaltsdebatte
In der Bürgerschaft erklärte Gwosdz erneut, der Eindruck einer Infragestellung des Staatsvertrags sei „misslich“ gewesen. Zugleich warf er der CDU vor, kein geeigneter Maßstab für verlässliches und stabiles Regieren zu sein. SPD-Fraktionschef Dirk Kienscherf verlangte, alle Informationen müssten auf den Tisch; danach müsse die Bürgerschaft entscheiden. Die Bezeichnung „Regierungskrise“ wies er zurück.
Wissenschaftssenatorin Maryam Blumenthal (Grüne) bekräftigte die Bedeutung des Museumsprojekts. Es soll die Folgen von Artensterben und Biodiversitätsverlust vermitteln und mit Forschung verbinden. Bernhard Misof vom zuständigen Leibniz-Institut erwartet, dass Hamburg damit international zu den führenden Naturkundemuseen aufschließen könnte. Für die Biodiversitäts- und Klimaforschung in Hamburg hätte das Museum laut Misof besondere Bedeutung.
Nach aktuellem wirtschaftlichem Stand sei der Elbtower der „beste Ort“ für das Museum, sagte Blumenthal; vertiefende Gespräche liefen. Sie wies zurück, dass die Stadt mit dem Museum lediglich das Bauprojekt retten wolle. Bürgermeister Peter Tschentscher argumentierte außerdem, das Museum könne im Elbtower deutlich schneller entstehen als durch einen Neubau.
595 Millionen Euro für zwölf Stockwerke
Hamburg plant, Teile des Elbtowers für 595 Millionen Euro zu kaufen. Vorgesehen sind die unteren zwölf Stockwerke mit insgesamt 46.000 Quadratmetern – rund 48 Prozent der Gesamtfläche. Finanziert werden soll der Kauf über Darlehen und das Sondervermögen für Infrastrukturmaßnahmen.
Der Turm soll dabei schrumpfen: von ursprünglich 245 auf 199 Meter, mit zwölf Stockwerken weniger. Die kleinere Bauform soll Kosten und Vermietungsrisiken senken. Mit 199 Metern wäre der Elbtower weiterhin das höchste Gebäude Deutschlands außerhalb Frankfurts. Ursprünglich war er mit 64 Stockwerken geplant; mit 245 Metern wäre er das dritthöchste Gebäude Deutschlands geworden.
Ein eigener Museumsneubau in der Hafencity hätte laut Finanzsenator Andreas Dressel rund 824 Millionen Euro gekostet – etwa 230 Millionen Euro mehr als die Elbtower-Variante. Der Senat will am kommenden Dienstag über die Fortsetzung der Verhandlungen mit privaten Investoren entscheiden. Die Hamburgische Bürgerschaft muss dem Vorhaben noch zustimmen; eine Abstimmung wird voraussichtlich im Frühjahr 2026 erwartet. Ob der Kauf letztlich zustande kommt, ist offen.
Tschentscher betonte, die Stadt übernehme weder die Federführung noch das wirtschaftliche Risiko für die Fertigstellung, Vermietung oder Verwertung der übrigen Gebäudeteile. Hamburg wolle nur für die als Teileigentümer benötigten Museumsflächen zahlen und kein Baukostenrisiko übernehmen. Dafür sollen in den kommenden Monaten Verträge ausgearbeitet werden. Der Senat veröffentlichte am Dienstag nach eigenen Angaben lediglich einen Zwischenstand aus Transparenzgründen.
Festgefahrene Gespräche am unfertigen Turm
Der Elbtower steht seit fast drei Jahren als Rohbau in der HafenCity. Die Bauarbeiten ruhen seit Oktober 2023. Damals stellte die Signa-Gruppe des österreichischen Investors René Benko die Zahlungen ein, Rechnungen wurden nicht mehr bezahlt. Der Turm war zu diesem Zeitpunkt rund 100 Meter hoch. Benko sitzt seit Januar in Untersuchungshaft und steht in Österreich vor Gericht.
Seit Dezember 2024 verhandelt ein Konsortium um den Immobilieninvestor Dieter Becken mit Insolvenzverwalter Torsten Martini über den Verkauf des Rohbaus. Zum Konsortium gehören außerdem Klaus-Michael Kühne, Signal Iduna, das Bauunternehmen Adolf Lupp und Rossmann-Gründer Dirk Roßmann. Einer Eckpunktevereinbarung von Oktober 2025 zufolge soll im Elbtower das Naturkundemuseum untergebracht werden.
Laut einem Bauvorbescheid vom März 2026 soll der derzeit rund 100 Meter hohe Rohbau auf 199 Meter fertiggestellt werden. Entworfen wurde der Turm vom Londoner Architekten David Chipperfield, der mit der geplanten Verkleinerung einverstanden sein soll. Der Elbtower soll den östlichen Abschluss der Hafencity bilden und damit ein Gegenstück zur Elbphilharmonie im Westen darstellen.
Die Verhandlungen sind allerdings festgefahren. Dirk Kienscherf hält die Unterbringung des Naturkundemuseums im Elbtower inzwischen für wenig wahrscheinlich. Grundsätzlich sei die Stadt bereit, über den Erwerb von Teileigentum zu sprechen, sofern dadurch das Museum realisiert werden könne. Die Stadt habe den Investoren Bedingungen und ein Angebot vorgelegt; einen zusätzlichen finanziellen Nachschlag werde es laut Kienscherf nicht geben.
Ein Angebot bedeute aber noch keinen Abschluss des Teileigentumserwerbs. Am Ende müsse die Hamburgische Bürgerschaft entscheiden. Kienscherf bezeichnete den Elbtower als privates Bauprojekt und erklärte, staatliches Geld solle nicht zulasten der Steuerzahler eingesetzt werden.
Kritik von Opposition und Steuerzahlerbund
CDU, AfD und Linke kritisieren das Vorhaben. Die CDU warf Tschentscher Wortbruch vor, weil er zuvor den Einsatz von Steuergeld für die Fertigstellung ausgeschlossen habe. Die AfD bezeichnete die Rettung des Elbtowers als haushaltspolitisch unverantwortlich. Die Linke bezweifelt, dass ein Neubau tatsächlich teurer wäre, und verweist zusätzlich auf Kosten für Umzug und Inventar.
Der Linken-Abgeordnete Marco Hosemann forderte, das Projekt aufzugeben und Mittel eher bei Prestigeprojekten als bei Bildung und Sozialem zu kürzen. Auch der Bund der Steuerzahler kritisierte die geplante Investition in ein gescheitertes privates Projekt.
Während im Rathaus weiter gerechnet und gerungen wird, bleibt der unfertige Turm an der Elbe stehen. Fast drei Jahre Baupause, ein möglicher Kauf von knapp der Hälfte des Gebäudes und ein Museum, das zwischen Forschungsperspektive und politischem Streit pendelt – mehr als ein bisschen Baustellenstaub liegt derzeit nicht in der Luft.
