Streit um die Moorweide: Palästina-Camp trifft auf jüdische Erinnerungskultur
Auf der Hamburger Moorweide stehen sich seit Sonnabend zwei Lager gegenüber: eine Mahnwache gegen Antisemitismus und das palästinasolidarische Camp „Bridges of Resistance“. Dazwischen liegen etwa 50 Meter Rasen, viel Geschichte – und eine aufgeheizte Debatte, die bis an die Universität Hamburg reicht.
Die Mahnwache mit rund zwölf Personen trägt das Banner „In Hamburg ist kein Platz für Antisemitismus und Israelhass“. Im Camp steht auf einem Stoffbanner: „76 Jahre Nakba, 76 Jahre Widerstand“. Mehr als zehn Zelte sind auf der Großen Moorweide gegenüber dem Dammtorbahnhof aufgebaut, dazu Küchenbereich, Seminarräume und Treffpunkte. Geplant sind Vorträge, mehr als 40 Workshops und ein kulturelles Programm. Bis Ende der Woche wollen die Aktivisten bleiben.
Streit um Ort und Existenzrecht
Das Camp begann nach einem juristischen Streit. Die Versammlungsbehörde hatte zunächst angeordnet, die Veranstaltung in den Sternschanzenpark zu verlegen. Die Veranstalter klagten – und bekamen vor dem Verwaltungsgericht Recht. Die mögliche Konfrontation mit „Meinungsgegnern“, so das Gericht, sei kein ausreichender Grund für ein Verbot an der Moorweide.
Die Jüdische Gemeinde Hamburg kritisiert den Ort scharf. Sie spricht von einer „zynischen Verhöhnung der Opfer der Schoa“ und erklärt in einem offenen Brief, das Camp werde von Gruppen organisiert, die nachweislich antisemitische Positionen verträten. Dazu zählt sie unter anderem „Thawra Hamburg“, das vom Verfassungsschutz beobachtet wird.
Im Nordwesten der Moorweide liegt der „Platz der Jüdischen Deportierten“. Von dort wurden Tausende Jüdinnen und Juden deportiert. Im Oktober 1941 zwangen die Nationalsozialisten mehr als 1.000 Hamburger Jüdinnen und Juden, sich im Logenhaus in der Moorweidenstraße 36 einzufinden. Sie mussten dort eine Nacht verbringen, bevor sie zum Hannoverschen Bahnhof am Hamburger Oberhafen gebracht wurden. Laut Oliver von Wrochem, dem Leiter der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, war dies die erste großangelegte Deportation von Juden aus Hamburg. Weitere Transporte führten unter anderem nach Minsk und Riga.
Die damalige Sammelwiese vor dem Logenhaus ist allerdings nicht identisch mit dem heutigen Camp-Standort. Zwischen beiden Orten liegt das Hauptgebäude der Universität Hamburg; bis ins 19. Jahrhundert waren die Flächen verbunden. Der nordwestliche Bereich vor dem Logenhaus heißt heute „Platz der Jüdischen Deportierten“, während die palästinasolidarischen Aktivisten ihre Zelte auf dem größeren Abschnitt südlich der Universität aufgestellt haben. Am Rand des Camps weist ein Stoffbanner auf die Geschichte des Ortes und die Deportationen hin.
„Keine Provokation“ – und doch eine bewusste Ortswahl
Die Camp-Organisatoren bestreiten, Hass gegen Juden und Jüdinnen zu verbreiten. Ihr Protest richte sich gegen Rassismus und Antisemitismus, sagen sie. Sprecher Nikodem Kaddoura bezeichnet „Bridges of Resistance“ als Kritik an der israelischen Regierung und als Ausdruck der Solidarität mit Palästinensern. Das Camp sei keine Provokation und stelle jüdisches Gedenken nicht infrage.
Kaddoura erklärt, der Einsatz für Freiheit und Gerechtigkeit der Palästinenser stehe nicht im Widerspruch zum Gedenken an jüdische Opfer und zum Kampf gegen Antisemitismus. Er nennt das Camp einen Protest gegen jeden Genozid. Der Ort sei bewusst gewählt worden, um auf historische „Kontinuitäten“ aufmerksam zu machen.
Bei der Vorstellung des Programms wurde auf Nachfrage jedoch das Existenzrecht Israels bestritten und Zionismus mit Faschismus gleichgesetzt. Die Veranstalter erinnern an die „Nakba“, die Flucht und Vertreibung der meisten Palästinenser aus dem heutigen Staatsgebiet Israels während der israelischen Staatsgründung 1948. Sie vertreten die Auffassung, diese Vertreibung dauere bis heute an.
Auch Hamburg und der Hafen stehen im Mittelpunkt ihrer Kritik. Die Aktivisten sehen die Stadt als logistischen Knotenpunkt deutscher Unterstützung für Israels Kriege und bezeichnen Hamburg als Umschlagplatz von Waffen für das israelische Militär. In einer Aktionswoche wollen sie auf diese ihrer Ansicht nach bestehende „Mittäterschaft“ aufmerksam machen. Jede Unterstützung Deutschlands für Israel lehnen sie ab.
Die Jüdische Gemeinde verweist dagegen auf die Geschichte der Moorweide. Sie fordert, die gesamte Fläche dauerhaft als geschützten Gedenkort anzuerkennen und politische Kundgebungen dort generell auszuschließen. Die Eimsbütteler FDP-Fraktion schlägt ebenfalls vor, die Moorweide als historischen Erinnerungsort anzuerkennen. Außerdem fordert sie, die nächtliche Nutzung und den Aufbau einer „campartigen Infrastruktur“ dort zu verbieten.
Eine Beteiligte der Mahnwache sagt, man wäre auch in den Schanzenpark gegangen. Die Wahl der Moorweide sei aber eine besondere Provokation. An Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD), der erklärt hatte, dass in Hamburg kein Platz für Antisemitismus sei, richtet sich die Mahnwache ebenfalls: Die Teilnehmenden verlangen von ihm eine deutlichere Haltung.
Am Sonntag demonstrierten laut Polizei etwa 150 Menschen gegen das Camp. Trotz der angespannten Stimmung wurden keine Zwischenfälle gemeldet.
Erinnern, verbieten oder erklären?
Ein Versammlungsverbot an einer Gedenkstätte ist nach dem Versammlungsgesetz möglich, wenn diese von historisch herausragender, überregionaler Bedeutung für das Gedenken an NS-Opfer ist. Für die KZ-Gedenkstätte Neuengamme gilt in Hamburg eine solche Regelung. Ob die gesamte Moorweide diese Kriterien erfüllt, müssten Fachleute prüfen.
Von Wrochem fordert mehr Bewusstsein für die Geschichte historischer Orte, steht einem großflächigen Schutz ganzer Areale aber skeptisch gegenüber. Seiner Einschätzung nach gibt es in Hamburg kaum einen Ort, der nicht mit NS-Verbrechen verbunden ist. Er setzt eher auf geschichtspolitische Bildung als auf Verbote.
Schon vor zwei Jahren gab es auf der Moorweide ein palästinasolidarisches Camp und damals ebenfalls starke Kritik. Die historische Bedeutung des Ortes wurde damals kaum thematisiert. Vielen Menschen sei die regionale Verankerung der NS-Verbrechen nicht bekannt, sagt von Wrochem. Er führt das unter anderem auf die zeitliche Distanz und die unzureichende Auseinandersetzung mit deutscher Täterschaft in der Nachkriegsgeschichte zurück.
Ein politisch interessierter Mann, der jahrelang in Israel gelebt hatte, erfährt vor Ort erstmals von der Geschichte der Moorweide und zeigt sich überrascht. Ein kurzer Moment, fast beiläufig – und doch sagt er viel darüber, wie lückenhaft Wissen über historische Orte sein kann.
Auch die deutsche Erinnerung selbst ist keineswegs so geschlossen, wie sie manchmal wirkt. Dani Kranz beschreibt in einem am 18. Juni 2024 veröffentlichten Essay ihre Erfahrungen nach dem 7. Oktober 2023 und das Verhältnis von Antisemitismus und Israelkritik. Für Israelis, Palästinenser sowie Juden und Muslime in Deutschland sei der 7. Oktober eine Zäsur gewesen. Als historischen Bezugspunkt nennt sie die Shoah, ohne das Hamas-Massaker mit dem Holocaust gleichzusetzen.
Der Nahostkonflikt passt nicht auf ein Banner
Kranz erinnert daran, dass neben NS-Organisationen auch Teile der lokalen Zivilbevölkerung von der Verfolgung und Enteignung von Juden profitierten. In Hamburg eigneten sich laut Katrin Kleibl etwa 100.000 Menschen geraubtes jüdisches Eigentum an. Charny und Finkel beschrieben den wirtschaftlichen Nutzen lokaler Bevölkerungen durch Konzentrationslager im besetzten Polen.
Es gab zugleich Hilfe: durch Diplomaten, Nachbarn sowie nichtjüdische Ehepartner und Familien. Laut Strnad waren 85 Prozent der deutschen Juden, die im Deutschen Reich überlebten, mit Nichtjuden verheiratet. Trotzdem blieb unter Überlebenden das Wissen, während der Shoah weitgehend allein gewesen zu sein. Die deutsche Behauptung, von den Verbrechen nichts gewusst zu haben, bezeichnet Kranz als dokumentierte „Lebenslüge“. Historische Forschungen haben sowohl Beteiligung und Verstrickung der Bevölkerung als auch Hilfeleistungen nachgewiesen.
Antisemitismus beschreibt Kranz als weit verbreitetes europäisches Phänomen und als kulturellen Code. Heute vermischten sich traditioneller rechter, linker beziehungsweise antiimperialistischer, islamistischer sowie türkischer und arabischer Antisemitismus. Nach dem 7. Oktober sei das besonders sichtbar geworden: Israel wurde das Existenzrecht abgesprochen, das Hamas-Massaker mit seinem Kontext relativiert, Israel ausschließlich als Täter und Palästina ausschließlich als Opfer dargestellt.
