Interdisziplinarität an der Universität: Wie Cluster Forschung über Fachgrenzen hinweg organisieren
Am 21.10.2026 richtet sich der Blick an der Uni Hannover auf eine Frage, die an Hochschulen gern groß angekündigt und im Alltag dann ziemlich mühsam gelebt wird: Wie arbeiten Fächer wirklich zusammen? Der Vortrag „Beyond Departments: Clusterized Research as an Organizational Model of the University“ mit Anna Kosmützky gehört zur Reihe „Interdisciplinarity in Scientific Research – Perspectives from Practice and Science Studies“.
Organisiert wird die Vortragsreihe gemeinsam vom Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) und dem Institut für Wissenschafts- und Technikforschung (ISoS). Sie verbindet theoretische Überlegungen mit Erfahrungen aus Forschung, Forschungsförderung und institutioneller Praxis. Die Teilnahme ist vor Ort und online möglich; weitere Informationen stehen auf der Website der Universität Bielefeld.
Mehr als mehrere Fächer am selben Tisch
Die Universität Bielefeld versteht Interdisziplinarität seit ihrer Gründung Ende der 1960er-Jahre als zentrales institutionelles Prinzip. In der Veranstaltungsreihe geht es deshalb nicht bloß darum, dass Forschende verschiedener Fachrichtungen gemeinsam in einem Raum sitzen. Untersucht werden Unterschiede zwischen multidisziplinärer und interdisziplinärer Forschung, die Integration von Wissen über Fachgrenzen hinweg sowie die Entstehung und Stabilisierung interdisziplinärer Forschungsfelder.
Multidisziplinär bedeutet zunächst: Fachleute aus verschiedenen Disziplinen bringen ihr jeweiliges Wissen in ein gemeinsames Projekt ein. Ein Team aus Biologen, Chemikern, Ingenieuren und Informatikern kann etwa an medizinischen Behandlungen arbeiten. Auch in der Krebsforschung kommen Mediziner, Biologen, Chemiker, Informatiker und Ingenieure zusammen. Das erweitert die Perspektiven, macht unterschiedliche Herangehensweisen sichtbar und kann Ideen, Methoden und Entdeckungen hervorbringen, die in rein disziplinärer Forschung womöglich übersehen würden.
Interdisziplinäre Forschung geht einen Schritt weiter. Die beteiligten Disziplinen arbeiten nicht nur parallel, sondern integrieren ihre Perspektiven und Methoden. So soll ein tiefergehendes Verständnis entstehen, das über die Möglichkeiten eines einzelnen Fachgebiets hinausgeht. Aus der Verbindung verschiedener Kenntnisse und Fähigkeiten können Synergieeffekte entstehen – und manchmal eine Lösung, auf die vorher schlicht niemand gekommen ist.
Die Mühe hinter der Zusammenarbeit
Ganz reibungslos läuft das selten. Unterschiedliche Fachsprachen und Denkweisen führen zu Kommunikationsbarrieren und Missverständnissen; Begriffe, Methoden, Standards und Wissenskulturen passen nicht automatisch zusammen. Die Beteiligten müssen eine gemeinsame Sprache entwickeln und Erkenntnisse so austauschen, dass sie auch außerhalb des eigenen Fachs verständlich bleiben.
Dazu kommen ganz praktische Dinge: Zeitpläne und Arbeitsabläufe zu koordinieren ist aufwendig, besonders bei verschiedenen Standorten und Arbeitskulturen. Ohne effektives Projektmanagement wird es schnell unübersichtlich. Bei multidisziplinären Projekten besteht außerdem die Gefahr, einzelne Aspekte nur oberflächlich zu behandeln. Ein Team muss also eine ausgewogene und ganzheitliche Lösung anstreben, statt bloß viele Perspektiven nebeneinanderzustellen.
Interdisziplinäre Vorhaben stoßen zusätzlich auf strukturelle Hürden. Finanzierung, wissenschaftliche Anerkennung und Infrastruktur sind häufig auf einzelne Fachgebiete ausgerichtet. Das erschwert den Start und die Durchführung gemeinsamer Projekte. Etablierte Disziplinen akzeptieren interdisziplinäre Ansätze nicht immer, weil diese traditionelle Grenzen infrage stellen. Offene Kommunikation, die Bereitschaft zum Arbeiten über Fachgrenzen hinweg und institutionelle Unterstützung sind daher keine nette Zugabe, sondern eine Voraussetzung.
Von der Krebsforschung bis zur Migration
Wie konkret solche Zusammenarbeit werden kann, zeigen verschiedene Forschungsfelder. In Medizin und Gesundheitswissenschaften arbeiten Ärzte, Biologen, Chemiker, Informatiker und Ingenieure an neuen Diagnoseverfahren und Therapien. Laut dem zugrunde liegenden Artikel haben solche Kooperationen in der Krebsforschung Fortschritte ermöglicht, die zur Verbesserung von Überlebensraten und Lebensqualität von Krebspatienten beigetragen haben.
In der Umwelt- und Klimaforschung untersuchen Ingenieure, Umweltwissenschaftler, Ökonomen und Politikwissenschaftler erneuerbare Energien und den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft. Ihre unterschiedlichen Fachkenntnisse sollen helfen, Klimafolgen zu verringern und die Umwelt zu schützen. Bei autonomen Fahrzeugen wiederum arbeiten unter anderem Ingenieure, Informatiker, Mathematiker, Psychologen und Ethiker zusammen. Das Ziel: sichere, effiziente und benutzerfreundliche Fahrzeugsysteme.
Auch gesellschaftliche Fragen lassen sich kaum in saubere Schubladen stecken. Soziologen, Anthropologen, Politikwissenschaftler, Historiker, Psychologen und Linguisten untersuchen gemeinsam Migration und Integration, analysieren Ursachen von Migration und entwickeln Maßnahmen zur Integration. Die Beispiele zeigen, warum multidisziplinäre und interdisziplinäre Ansätze bei komplexen Problemen gefragt sind. Künftig dürfte die Zahl solcher Forschungsprojekte weiter zunehmen, wenn Wissensgrenzen erweitert und gesellschaftliche Herausforderungen bearbeitet werden sollen.
Forschungsfelder zwischen den Disziplinen
Interdisziplinäre Wissenschaft ist inzwischen ein dauerhaft etabliertes, fächerübergreifendes Wissenschaftsgebiet – allerdings ohne den Status einer eigenständigen akademischen Disziplin. Forschende arbeiten mit ihren jeweiligen fachlichen Schwerpunkten an einem gemeinsamen Projekt. Häufig gibt es eine feste Arbeitsteilung; zugleich können Methoden einer Disziplin in einer anderen eingesetzt werden, etwa physikalische Methoden in der Biologie.
Damit das funktioniert, braucht es ein gemeinsames Kriteriensystem zur Bewertung der Forschungsqualität und eine gemeinsame Verständigungsbasis. Die Fragestellungen und ihre Bearbeitung werden, anders als bei der Transdisziplinarität, innerhalb des innerwissenschaftlichen Diskurses begründet. Die Auswahl und Formulierung von Forschungsgegenständen kann dennoch durch wissenschaftsexterne Einflüsse beeinflusst werden. Ziel bleibt eine methodisch ergänzende Zusammenarbeit, die komplexe Aufgaben sach- und lebensnah sowie effektiv bearbeitet.
Beispiele für interdisziplinäre Wissenschaft sind Biophysik, Literatursoziologie, Parteienforschung, Sozioökonomie, Molekularbiologie und Wagnisforschung. Letztere verbindet human-, sozial- und naturwissenschaftliche Problemfelder und befasst sich unter anderem mit ethischen, sportlichen, pädagogischen, sozialpsychologischen, gesellschaftlichen und religiösen Bezügen. Beteiligt sind etwa Sportwissenschaft, Sozialwissenschaft, Differentielle Psychologie, Philosophie, Pädagogik und Theologie.
Auch der Begriff Anthropologie wird teilweise als Oberbegriff für verschiedene Disziplinen und Schulen der Humanwissenschaften verwendet. Wissenschaftshistoriker, Soziologen und Philosophen der Wissenschaft beschäftigen sich seit Langem mit den Bedingungen, Formen und Folgen interdisziplinärer Arbeit. Die in diesem Zusammenhang genannte Literatur umfasst unter anderem Werke zu Interdisziplinarität, Forschungskooperation, Wagnisforschung und Anthropologie aus den Jahren 1960 bis 2010.
Die Reihe in Hannover nimmt diese Debatten auf und schaut zugleich dorthin, wo es praktisch wird: auf interdisziplinäre Projekte, in denen Forschende neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln und Maßnahmen zur Förderung interdisziplinärer Kompetenzen erarbeiten. Ebenso geht es um Förderorganisationen, die Formate zur Förderung und langfristigen Unterstützung interdisziplinärer Forschung entwickeln und umsetzen, sowie um Forschungsinstitute, die Zusammenarbeit aufnehmen, strukturieren und aktiv unterstützen. Gerade dort entscheidet sich schließlich, ob aus dem schönen Wort „Interdisziplinarität“ mehr wird als ein gemeinsamer Kalendertermin.
