VW kündigt Tarifverträge: 100.000 Beschäftigte vor hartem Jahreswechsel
Von der Uni Hannover aus blickt man heute auf einen Konflikt, der weit über einzelne Vertragsklauseln hinausgeht: Volkswagen hat fast alle Tarifverträge gekündigt. Die Kündigungen erfolgten fristgerecht zum 31. Dezember 2026. Nach Angaben der IG Metall sind zehn Verträge betroffen, darunter der Manteltarifvertrag. Volkswagen selbst nannte keine genaue Zahl.
Für mehr als 100.000 Beschäftigte in Deutschland geht es damit um grundlegende Regeln ihres Arbeitsalltags. Der VW-Haustarif besteht aus 13 Verträgen, unter anderem zu Arbeitsbedingungen, Arbeitszeit und Zulagen. Nach dem Jahreswechsel könnte es also ziemlich ungemütlich werden: Erste Auswirkungen könnten Beschäftigte nach Angaben der Arbeitnehmerseite ab Januar 2027 spüren.
VW verweist auf Kostendruck und China
Das Unternehmen begründet den Schritt mit der hohen Kostenbelastung und dem verschärften wirtschaftlichen Umfeld der vergangenen 18 Monate. Mehrere tarifliche Regelungen müssten wegen des gestiegenen Kosten-, Preis- und Wettbewerbsdrucks angepasst werden, erklärte Volkswagen. Die Kündigungen sollen laut VW „einen Verhandlungsraum öffnen“.
Personalvorstand Arne Meiswinkel beschreibt die Lage für die Autoindustrie und Volkswagen als strukturell und tiefgreifend verschärft. Chinesische Hersteller drängten mit günstigen Exporten nach Europa, der Preis- und Wettbewerbsdruck nehme dadurch stark zu. Volkswagen will deshalb die Maßnahmen seines „Zukunftsplans 2030“ schneller und konsequenter umsetzen und die Kosten weiter auf ein wettbewerbsfähiges Niveau bringen. Ziel sei es, den Konzern zukunftssicher aufzustellen.
Die IG Metall sieht darin keinen normalen Auftakt zu Verhandlungen. Verhandlungsführer Thorsten Gröger bezeichnete die Kündigung als „übles Foul“ an der Belegschaft. Die Gewerkschaft werde eine Verlagerung unternehmerischer Kosten und Risiken auf die Beschäftigten nicht hinnehmen. Auch Betriebsrat und IG Metall kündigten Widerstand an. Volkswagen wies zudem die Forderung der IG Metall nach fünf Prozent mehr Entgelt zurück.
Der Vertrag von 2024 bleibt – vorerst
Nicht gekündigt wurde der Zukunftstarifvertrag von 2024. Damit gilt die darin vereinbarte Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 weiterhin. Der damalige Kompromiss war erst nach Warnstreiks und einer einwöchigen Verhandlungsrunde zustande gekommen. Er sieht den Abbau von 35.000 Arbeitsplätzen in Deutschland bis 2030 vor, außerdem Kürzungen bei Boni und Zulagen sowie die Aussetzung von Lohnerhöhungen.
Vereinbart wurden zugleich der Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen und Werkschließungen sowie Investitionen und neue Produkte für deutsche Standorte. Gerade an diesem Punkt hakt es jetzt. Betriebsratschefin Daniela Cavallo sprach von Erpressung und warf dem Vorstand vor, Werke mit Schließungen zu bedrohen, um weitere Einschnitte bei den Tarifbedingungen durchzusetzen.
Die Belegschaft sei bereit, eine Krise anzuerkennen, sagte Cavallo. Sie verlange aber Klarheit darüber, welchem Zweck mögliche Zugeständnisse dienen sollen. Laut ihr wurde nicht darüber gesprochen, wie VW die 2024 vereinbarte Beschäftigungssicherung bis 2030 einhalten will. Auch für gefährdete deutsche Standorte habe es keine Zusagen gegeben.
50.000 Stellen und offene Zukunft für Werke
Der verschärfte Sparplan sieht insgesamt 50.000 Stellenstreichungen und die Schließung mehrerer Werke vor. Für Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm könne ab 2031 bis 2034 schrittweise keine wettbewerbsfähige Folgebelegung gewährleistet werden. Das steht quer zu den Hoffnungen, die mit Investitionen und neuen Produkten für deutsche Standorte verbunden waren.
In Hannover trafen sich Vertreter von Volkswagen, IG Metall und Betriebsrat zu einem Überprüfungsgespräch – dem ersten seit dem Aufsichtsratsbeschluss zum Zukunftsplan Anfang September. Die Arbeitnehmervertreter hatten sich Mitte September auf eine Klausel im Tarifvertrag von 2024 berufen und dadurch das Treffen erzwungen. Sie wollten Klarheit darüber, ob die damaligen Zusagen trotz der verschärften Sparpläne eingehalten werden.
Das Management um VW-Chef Oliver Blume hat seit dem Aufsichtsratsbeschluss den Auftrag, den Konzern umzubauen und Milliarden einzusparen. Bei dem Gespräch wollte Volkswagen erläutern, warum die 2024 vereinbarten Einsparungen aus Sicht des Unternehmens nicht mehr ausreichen. Weitere Gespräche wurden für die zweite Oktoberhälfte vereinbart.
Harter Jahreswechsel erwartet
Gröger kritisierte, Volkswagen wolle die wirtschaftlichen Herausforderungen auf die Beschäftigten verlagern. Cavallo und Gröger erwarten zum Jahreswechsel eine harte Auseinandersetzung; Cavallo rechnet mit einer heftigen Eskalation. Nach Ende der Friedenspflicht wären Streiks möglich.
Auf dem Campus in Hannover wirkt das zunächst wie ein trockener Tarifstreit. Tatsächlich geht es um Arbeitszeit, Zulagen, Einkommen und die Frage, welche Werke in einigen Jahren noch eine Perspektive haben. Die Kündigungen werden am 31. Dezember 2026 wirksam – und bis dahin liegen noch viele Verhandlungsrunden, Warnwesten und vermutlich ziemlich angespannte Betriebsversammlungen vor den Beschäftigten.
