Am 19.10.2026 wirkt der niedrige Wasserstand in Mannheim wie ein unfreiwilliges Sichtfenster: Unter Brücken im Rhein und Neckar tauchen E-Scooter auf, einer nach dem anderen. Das Umwelt Kollektiv Mannheim hat innerhalb von weniger als 14 Tagen insgesamt 15 Roller aus dem Wasser geholt. Dazu kamen vier Fahrräder, Einkaufswagen, ein Laptop, weitere Elektronikartikel und Kleinmüll.

Geborgen wurde mit Stand-up-Paddleboards, Seilen, Haken und bei Tauchgängen. Im Rhein fanden die Ehrenamtlichen zwischen der Konrad-Adenauer-Brücke und der Kurt-Schumacher-Brücke sieben E-Scooter. Acht weitere lagen im Neckar – unter der Kurpfalzbrücke, der Jungbuschbrücke und im Jungbusch-Verbindungskanal. Sprecher Uwe Franken nannte die Zahl der Roller erschreckend und vermutet in der tieferen Fahrrinne eine deutlich höhere Dunkelziffer.

Wer für die Bergung zuständig ist

Die Stadt Mannheim erklärt, dass Bergung und Entsorgung grundsätzlich Sache der Fahrzeugeigentümer beziehungsweise der jeweiligen Verleiher sind. In Mannheim bieten Bolt, Voi und Dott E-Scooter an. Nach der Aktion kontaktierte das Umwelt Kollektiv die zuständigen Anbieter; sie holten die geborgenen Fahrzeuge ab.

Uferbereiche am Rhein, Neckar und in den Hafenbecken sind als Parkverbotszonen ausgewiesen. Die städtische Leitlinie verpflichtet die Anbieter außerdem, Gewässer und Uferbereiche dauerhaft von E-Scootern freizuhalten. Das Ordnungsamt kontrolliert die Einhaltung bei regulären Kontrollgängen. In den Apps kann eine Fahrt in diesen Zonen nicht beendet werden. Trotzdem werden Roller nach Angaben der Stadt teilweise absichtlich ins Wasser geworfen.

Für die Anbieter ist die Aufklärung solcher Fälle schwierig. Bolt kann grundsätzlich das zuletzt zugeordnete Nutzerkonto ermitteln, daraus aber nicht automatisch die Verantwortung für den Vorfall ableiten. Dott zufolge werden die Roller häufig außerhalb einer laufenden Miete von Dritten bewegt; eine Zuordnung sei dadurch meist unmöglich.

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Alle drei Unternehmen geben an, die Fahrzeuge möglichst schnell bergen zu lassen. Voi kontrolliert entsprechende Standorte regelmäßig, weil das GPS nicht zuverlässig erkennt, ob ein Roller im Wasser liegt. Ufernahe und gefahrlos erreichbare Fahrzeuge holen Operationsteams unter anderem mit speziellen Haken heraus.

Liegt ein Roller weiter vom Ufer entfernt, in großer Tiefe oder in einem fließenden beziehungsweise von der Schifffahrt genutzten Gewässer wie Rhein und Neckar, ist eine eigenständige Bergung nicht ohne Weiteres möglich – und rechtlich nicht zulässig. In solchen Fällen muss laut Dott mit dem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt zusammengearbeitet werden.

Korrosion, Lithium und die Folgen

Der Heidelberger Toxikologe Thomas Braunbeck bewertet E-Scooter im Wasser als schädlich. Die Akkus sind zunächst über längere Zeit geschützt. Nach monatelangem Aufenthalt können sie jedoch undicht werden. Dann gelangen möglicherweise Schadstoffe wie Lithium ins Wasser.

Beim Menschen kann Lithium unter anderem das Nervensystem schädigen. Bei Pflanzen kann es in biochemische Enzymsysteme eingreifen, bei Fischen und anderen Tieren das Erbgut verändern. Ein zusätzlicher Eintrag in Flüsse, Grundwasser und Trinkwasser könne verschiedene negative Folgen haben.

Auch das Umwelt Kollektiv warnt vor Korrosion: Liegen die Roller lange im Wasser, können ihre Akkus beschädigt werden. Sobald die Akkus freiliegen, könnten schädliche Chemikalien und Schwermetalle austreten und Ökosysteme, Wasserqualität sowie Lebewesen gefährden. Die Ehrenamtlichen arbeiten als loser Zusammenschluss Mannheimer Umweltinitiativen zum Schutz lokaler Ökosysteme und zur Beseitigung von Müll.

Ähnlich problematisch sind falsch entsorgte Batterien und Akkus. Im Restmüll deponiert, können Metalle durch Regenwasser langfristig ins Grundwasser gelangen. Da wird aus einem kleinen Gegenstand im falschen Container irgendwann ein ziemlich großes Umweltproblem.

Reparieren oder recyceln

Ein geborgener E-Scooter muss nicht automatisch komplett entsorgt werden. Voi und Dott reparieren Fahrzeuge nach Möglichkeit und nehmen sie nach einem Sicherheitscheck wieder in Betrieb. Roller, die längere Zeit im Wasser lagen, müssen dagegen entsorgt und recycelt werden.

Dafür arbeiten die Anbieter nach eigenen Angaben mit spezialisierten Partnern zusammen. Nicht wiederverwendbare Elektronik und Batterien werden fachgerecht entsorgt. Das klingt nüchtern, ist in der Praxis aber der Unterschied zwischen einem kontrollierten Recyclingprozess und einem Akku, der irgendwo im Müll landet.

Das Umwelt Kollektiv fordert, die Verleiher stärker in die Verantwortung zu nehmen. Abstellverbote sollten technisch konsequent überwacht und durchgesetzt werden. Von der Stadt Mannheim verlangt die Gruppe schärfere Kontrollen und Sanktionen; bei wiederholten Verstößen solle auch der Entzug von Genehmigungen geprüft werden.

Vom Uni-Standort Heidelberg aus ist Mannheim schnell erreicht, der Weg der Roller ins Wasser offenbar ebenfalls. Zwischen Brücken, Fahrrinne und Verbindungskanal bleibt dabei vieles unsichtbar – bis der Pegel fällt und plötzlich neben Schlamm, Einkaufswagen und Kleinmüll ein Scooter am Haken hängt.