Theologie und Künstliche Intelligenz: Was menschliche Beziehungen von simulierten Empfindungen unterscheidet
In der Universität Kiel ging es bei der Absolventinnenfeier der Theologie um große Fragen: Wie lässt sich die digitale Gegenwart kritisch beurteilen? Und was bleibt menschlich, wenn Künstliche Intelligenz immer mehr Aufgaben übernimmt? Fakultätsdekan Prof. Dr. Christoph Berner sagte in seiner Eröffnungsrede, die Absolventinnen könnten dank ihrer akademischen Ausbildung den Umbrüchen der Zeit mit kritischer Urteilskraft begegnen.
Für den passenden Klang sorgte Jorge Sendler an der Orgel. Seine Stückauswahl stellte spielerische Bezüge zur Digitalisierung her – darunter Titelmelodien aus Animationsfilmen sowie Video- und Smartphone-Spielen. Ein durchaus ungewöhnlicher musikalischer Rahmen für eine akademische Feier, aber einer, der das Thema mitten in den Raum stellte.
Was KI kann – und was nicht
Die Laudatoren thematisierten die besonderen Fähigkeiten der Theologie-Absolventinnen im Zusammenhang mit dem Veranstaltungsmotto. Theologie-Student Henrik Ide erklärte, Künstliche Intelligenz könne Empathie nur simulieren. Im Gegensatz zu den frischgebackenen Theologinnen könne KI dadurch keine echte Beziehung im Gespräch mit Menschen herstellen.
Nora Hoffmann vom Institut für Systematische Theologie betonte die Bedeutung einer verantwortungsvollen Mitgestaltung der Digitalisierung. Dafür seien kritisches Denken, das Stellen der richtigen Fragen und Problemlösung erforderlich. Diese Fähigkeiten hätten die Theologie-Absolventinnen während ihres Studiums an der Universität Kiel erlernt.
Dass solche Fragen längst nicht nur in Kiel gestellt werden, zeigt das Netzwerk für Theologie und Künstliche Intelligenz, kurz neth:KI. Es fördert die theologische Auseinandersetzung mit Digitalisierung und KI und vernetzt Early Career Researcher der Theologie – also fortgeschrittene Studierende, Promovierende und Postdocs, die zu Digitalisierung, Technik oder KI forschen. Die Vernetzung soll interreligiös, international und disziplinübergreifend erfolgen.
Netzwerk, Bücher und ein Workshop über Roboter
Zum Angebot gehört ein Forschungsforum „Religion & AI“. Außerdem gibt es das Buch „Alexa, wie hast du’s mit der Religion?“ sowie die Buchreihe „Theologie und KI / Theology and AI“. Veröffentlicht wurde auch ein Band zum Workshop „Robots as Instruments of God?“; er ist im Open Access verfügbar und als Hardcover erhältlich.
Die neth:KI-Konferenz 2023 stand unter dem Titel „Corpo:reality – Body and Embodiment in AI and Robotics“ und fand am 1. und 2. Dezember 2023 in Würzburg statt. Die Anmeldefrist war bis zum 31. Oktober 2023 verlängert worden. Ein kleiner Blick zurück – und zugleich ein Hinweis darauf, wie breit das Feld inzwischen geworden ist.
Religion als Forschungsfeld der KI
Prof. Dr. Inken Prohl vom Institut für Religionswissenschaft untersucht die Wechselwirkungen zwischen Religion und Künstlicher Intelligenz. Laut der Darstellung verändert KI den Planeten, die Gesellschaft und Individuen ebenso wie Vorstellungen von Menschlichkeit, Intelligenz und Bewusstsein. Auch Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens geraten in Bewegung. Betroffen sind zudem religiöse Institutionen, Bewegungen, Diskurse, Praktiken und Akteurinnen. Selbst nichtreligiöse Akteurinnen sind in neue digitale Technologien eingebunden.
Die Religionswissenschaft soll deshalb die Wirkungsweisen von KI-Diskursen und -Praktiken analysieren. Unterschieden werden zwei Forschungsbereiche: „KI und Religion“ untersucht den Einfluss von KI auf bestehende Religionen. „KI als Religion“ analysiert KI als religionsanaloge Formation.
Zum Bereich „KI und Religion“ gehören unter anderem der Einsatz von KI in Mission und Verwaltung religiöser Organisationen, religiöse Apps und andere KI-Anwendungen sowie Roboter als Priesterinnen. Untersucht werden außerdem Veränderungen religiöser Vorstellungen und Praktiken, die Entstehung neuer religiöser Bewegungen, KI als Herausforderung für religiöse und kulturelle Menschenbilder und KI als Impuls für theologische Selbstverständigungsprozesse.
Bei „KI als Religion“ geht es um religiöse Rhetoriken in KI-Diskursen, soteriologische beziehungsweise erlösungsbezogene Versprechen über KI und zentrale Funktionen von KI und Algorithmen. Diskurse und Praktiken werden dabei als religionsanaloge Formationen betrachtet – eine Perspektive, die nach dem Glauben hinter den glänzenden Versprechen fragt, ohne den Rechner gleich zum Altar zu tragen.
Von Materialität bis Mars
Methodisch kommen diskurs- und ideologiekritische Ansätze der Religionswissenschaft sowie multimethodische Zugänge zum Einsatz. Sie sollen gesellschaftliche Dynamiken und soziale Folgen von KI untersuchen. Die Forschung zu „Material Religion“ richtet den Blick auf anthropologische Dimensionen der KI-Praxis.
Gendertheoretische Ansätze fragen nach den Folgen der androzentrischen Ausrichtung der KI-Forschung, nach Unterschieden zwischen männlichen und weiblichen Lebenswelten und danach, wie diese durch KI verändert werden. Genannte Forschungsschwerpunkte und Projekte sind „Künstliche Intelligenz als religionsanaloge Formation: Praktiken, Bedeutungen, Auswirkungen“, „Theoria – Analyzing Religion with Artificial Intelligence“ sowie Mensch-Maschinen-Beziehungen und die Veränderung des Selbst im Alltag mit KI.
Weitere Projekte beschäftigen sich mit „Körperkonzepte und Religion bei gegenwärtigen Transhumanisten“ von Paul Glen Fischer, „AI, the Dawn of a New Religion“ von Md Tawhid Hasan und New Space als religionsanaloger Formation bei Peggy Reeder. Publikationen und Beiträge behandeln KI als Übergang vom Werkzeug zur Gottheit, Geschlecht und KI, religionswissenschaftliche Ansätze zu KI und Religion, Computer, Roboter und Big-Data-Anwendungen in Museen, Roboter und Religion in Japan sowie Trump, Elon Musk, Mars, New Space und religiöse Verflechtungen. Auch die Materialität von KI-Glauben und das Verhältnis von Religion, Technologien und KI gehören dazu.
Für 2026 werden unter anderem ein Interview mit Prohl in der Zeit am 20. Mai 2026 zum Thema KI und Religion, ein Vortrag zu Roboter-Imaginationen, Körper und Beziehungen am 11. Juni 2026, ein Vortrag zu KI und Religion an der Universität Heidelberg am 19. Januar 2026 sowie ein Interview im Mannheimer Morgen am 22. Februar 2026 genannt. Weitere Medien- und Veranstaltungsbeiträge stammen unter anderem aus Golem, Deutschlandfunk, SWR-Kultur, der ARD Audiothek und der Kinderuni Heidelberg.
Frühere Aktivitäten umfassten Vorträge und Interviews zu Ethik, Vertrauen und gemeinsamem Lernen mit KI, zum Roboterpriester Mindar, zu denkenden Telefonen, Menschen, Göttern und Technik, zu Algorithmen als religionsanalogen Formationen sowie zu KI und Religion in internationalen Seminaren und Webinaren. Das Institut stellt außerdem eine Literatursammlung zu KI und Religionen bereit.
Am 4. November 2026 wirkt die Orgelmusik aus Kiel deshalb noch ein wenig nach: Zwischen Animationsfilm, Smartphone-Spiel und theologischer Feier liegt ein Forschungsfeld, in dem Roboterpriester, religiöse Apps, Körperbilder, Algorithmen und echte Gespräche nebeneinanderstehen – manchmal ordentlich sortiert, manchmal eher wie Notizzettel auf einem vollen Schreibtisch.
